Harburg
Jan-Gerd Hagelstein

Visite an Bord: Der Arzt, dem die Seeleute vertrauen

Dr. Jan-Gerd Hagelstein impft auf der "Rio Blanco" i Hamburger Hafen den phillipinischen Seemann Alfredo Rieserba gegen Polio

Dr. Jan-Gerd Hagelstein impft auf der "Rio Blanco" i Hamburger Hafen den phillipinischen Seemann Alfredo Rieserba gegen Polio

Foto: Susanne Rahlf / HA

Dr. Jan-Gerd Hagelstein betreibt die Seemannsambulanz im Krankenhaus Groß Sand und behandelt Schiffsbesatzungen direkt an Bord.

Waltershof.  Hat er alles? Dr. Jan- Gerd Hagelstein guckt prüfend in seinen großen gelben Rucksack: Tupfer, Desinfektionsspray, Impfstoff, dazu die steril abgepackten Nadeln in einer Blechdose, Stempel und Stempelkissen – alles ist da, was der Allgemeinarzt heute für seinen Hausbesuch braucht. Wobei – Hausbesuch, na ja. Schiffsbesuch trifft es besser.

Dr. Hagelstein hat an diesem Tag einen Termin auf der „Rio Blanco“. Der Containerfrachter der Mittelgröße liegt für einen Tag am Burchardkai in Waltershof. Seit dem frühen Morgen sind die Fahrer auf den riesigen Containerbrücken am Kai damit beschäftigt die großen Metallboxen abzuladen und neue ins den Bauch des Schiffes zu versenken.

Kräne heben große Maschinenteile in Holzkisten durch die Luft und setzen sie auf dem Frachter vorsichtig ab. Am nächsten Tag wird die „Rio Blanco“ wieder in See stechen und bis zu 7000 Container über England durch das Mittelmeer bis nach Indien und Pakistan schippern. Liegt der Frachter so wie in Hamburg im Hafen, haben die 24 Crewmitglieder zwar nicht frei, aber durchaus mal Zeit, sich um sich selbst zu kümmern.

Weil die Wege im Hafen weit sind, und die Zeit knapp, findet die ärztliche Versorgung oft an Bord statt. Dafür macht sich nun Dr. Hagelstein auf den Weg. Auf der „Rio Blanco“ ist zwar kein Seemann krank, weil aber die Reise in Richtung Indien ansteht, müssen sich einige der Besatzungsmitglieder gegen Polio impfen lassen: „Mit nicht Geimpften dürfte das Schiff die Häfen eventuell gar nicht anfahren“, weiß Dr. Hagelstein. Ginge es nach Afrika, müsst er Impfstoff gegen Gelbfieber oder Cholera in seiner grauem Impfbox dabei haben.

Der Allgemeinmediziner ist im Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand angestellt und betreibt dort die Seemannsambulanz. Wer im Wartezimmer Platz nimmt, fühlt sich gleich pudelwohl. Auf den Fensterbänken stehen Wimpel unterschiedlicher Reedereien, ein Modell der Gustav Wasa ziert eine große Glasvitrine.

In weißen Regalen sitzen gefühlt Hunderttausende Teddybären aller Größen im Matrosenanzug: „Ich habe die mal angefangen zu sammeln, das hat sich ein bisschen verselbstständigt“, gesteht Dr. Hagelstein. Zuhause in Fleestedt hat er noch mal so viele von den flauschigen kleinen Bärchen.

Nachdem er seinen Wagen am Burchardkai abgestellt und die nötigen Formalitäten am Eingang erledigt hat, bringt ihn ein Bus-Shuttle zu der „Rio Blanco“. Über eine stählerne Gangway steigt der Schiffsarzt nach oben an Bord der „Rio Blanco.“ Angekommen an Deck, wird er begrüßt wird er von Florentino San Buenaventur. Der Filipino arbeitet als zweiter Offizier auf dem Frachter.

Unter anderem ist er auch verantwortlich für den Zustand des Bordhospitals und sorgt dafür, dass alles da ist und alles funktioniert, sollte auf See ein Notfall auftreten. In den Einbauschränken sind Verbandsmaterial und Medikamente trocken und sicher verwahrt, sogar kleinere Operationen könnten durchgeführt werden.

An einer Wand hängt eine lange Liste von Telefonnummern, ganz wichtig ist die der funkärztlichen Beratung für Seeleute in Cuxhaven, die Tag und Nacht in der Not mit Rat und Tat weiter hilft.

Der zweite Offizier hat die Impfpässe der gesamten Besatzung dabei, Hagelstein geht sie erst einmal durch. Letztendlich stellt sich heraus, dass fünf Männer eine Auffrischung ihrer Polio-Impfung brauchen. Per Funk werden sie ins Hospital bestellt. Auch Alfredo Rieserba ist unter ihnen.

Dr. Hagelstein begrüßt ihn per Handschlag und bespricht mit ihm kurz auf Englisch, was nun folgt. Dann zieht er den Impfstoff auf, wünscht ein trockenes „Enjoy it“ und schiebt dem Seemann die Nadel den Armmuskel. Dann ist schon alles vorbei und Hagelstein greift zu Kugelschreiber und Stempel, um das Ereignis im Impfpass festzuhalten.

Der 57-Jährige macht seinen Job sehr gern, denn er hat einen guten Draht zu Meer und Wellen. Vor seinem Medizinstudium lernte er Schifffahrtskaufmann, danach diente er sieben Jahre als Arzt bei der Bundeswehr und betreute rund 700 Mitglieder eines Schnellbootgeschwaders: „Ich habe in meinem Leben viel Wasser kaputt gefahren“, scherzt er. „Dann hab ich meinen Laden aufgemacht“, erzählt er weiter und meint seine Praxis, die er in Wassernähe am Vorsetzen in Hamburg eröffnete. Vor fünf Jahren wurde sie nun angegliedert an das Krankenhaus Groß Sand, im Januar 2015 als eigene Abteilung übernommen.

Früher war er drei- bis viermal pro Woche auf den Schiffen und behandelte die Besatzung. Notfallversorgung, Impfungen aber auch psychische Erkrankungen waren damals sein tägliches Brot. Heute ist er maximal einmal pro Woche an Bord, meistens impft er. Die Arbeit, die seine Patienten auf den Schiffen leisten, nötigt ihm Respekt ab: „Die Leute haben einen extrem fordernden und stressigen Job“, berichtet der 57-Jährige.

Das geht vor allem aufs Gemüt, bei vielen hat er Vereinsamungssyndrome festgestellt. Kein Wunder, auf den bis zu 400 Meter langen Schiffen arbeitet jeder für sich, hinzu kommen Schichtdienst, Heimweh und auch der ständige Wechsel durch die Zeitzonen schlägt aufs Gemüt: „Die Crew sieht sich teilweise nur zu den Mahlzeiten und auf dem Weg, nach Singapur beispielsweise, geht es durch elf Zeitzonen“, erzählt er, während er seine Sachen in den gelben Rucksack packt.

Nach Feierabend schaut er noch mal ganz kurz in der Seemannsmission an den Duckdalben vorbei, und gönnt sich eine Limo. Seine Tochter absolviert hier gerade ein freiwilliges soziales Jahr. Der Papa ist stolz, dass sie sie auch hat – diese Liebe zu Menschen, Meer, Wind und Wellen.