Harburg
Gerichtsverhandlung

Prozessbeginn um rätselhaften Todesschuss an Silvester

Das Amtsgericht in Harburg

Das Amtsgericht in Harburg

Foto: Anima Berten

Bei einer Silvesterfeier stirbt ein Familienvater. Sein Schwager soll ihn versehentlich vor den Augen seiner Tochter erschossen haben.

Harburg.  Eigentlich sollte es eine fröhliche Silvesterfeier in der Harburger City werden. Familienangehörige reisten von weither an, um hier das Jahr 2013 zu begrüßen. Doch: Die Familienfeier endete blutig. Und tödlich. Bald sind drei Jahre vergangen, seit sich gegenüber vom „Dänischen Bettenlager“ die Tragödie um Cetin Y. und seinen Schwager ereignete. Und noch immer ist völlig unklar, was in der Nacht genau passierte.

Cetin Y. war für die Silvesternacht mit seiner Familie aus Offenbach gekommen, um Schwager Yunus G. und seine Familie zu besuchen. Am Abend aßen die Familien zusammen, man erzählte sich Neuigkeiten aus dem zuendegehenden Jahr.

Kurz vor Mitternacht gingen Cetin Y. und Yunus G. zusammen mit den Kindern aus der Wohnung auf die Straße Zur Seehafenbrücke. Plötzlich schrie Cetin Y. auf, hielt sich den Bauch und sackte zusammen. Notarzt und Sanitäter trafen ein, Cetin Y. wurde ins Krankenhaus gefahren. Doch auch dort war ihm nicht mehr zu helfen. Ein Geschoss hatte den Familienvater getroffen.

Cetin Y. hatte sich gerade nach einer Tüte gebückt, um nach neuen Wunderkerzen zu suchen. Das Geschoss traf ihn – so rekonstruierten Fachleute – von unten im Bauchbereich. Die Kugel durchdrang die Leber, das Zwerchfell, den Herzbeutel, die Herzkammer, die große Körperschlagader und blieb im Hals stecken.

Laut Anklage war es Schwager Yunus G., der den tödlichen Schuss abgab. G. soll mit einer halbautomatischen Kurzwaffe mehrfach in die Luft geschossen haben – und dabei Y. getroffen haben. Auf welche Weise, das ist bislang unklar. Die Waffe „Hämmerli Modell 208“ wurde von einer Anwohnerin Wochen nach der Tat in einem Gebüsch gefunden.

Bereits im März dieses Jahres sollte sich Yunus G. wegen der Tat vor Gericht verantworten. Weil eine Schöffin unerlaubt fehlte und neue Termine nicht zu vereinbaren waren, wurde die Verhandlung verschoben. Am gestrigen Freitag um 9.30 Uhr begann die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht. Die Anklage: Fahrlässige Tötung und Verstoß gegen das Waffengesetz. Der Angeklagte schweigt bisher.

Mit verschränkten Armen sitzt Yunus G. auf der Anklagebank. Er schaut aus dem Fenster. Sein Verteidiger hat gleich zu Beginn klargestellt, dass der Angeklagte sich zunächst nicht äußern werde. Sehr zur Enttäuschung von Nebenklägerin Selda Y., der Witwe des Verstorbenen. Sie lässt ausrichten, dass sie „menschlich enttäuscht“ vom Angeklagten sei.

Vor Gericht schildert sie die Abläufe an den Tagen, in den Stunden vor dem Unglück. Bereits einige Tage vor Silvester sei sie mit ihrem Mann und ihren Kindern angereist. Etwa zu dieser Zeit habe Cetin Y. – ihr Mann – plötzlich eine Pistole gezeigt, die er besorgt habe. Wie diese in seinen Besitz gelangen konnte, war ihr unklar. „Ich habe ihm gesagt, er soll die sofort wegtun, bevor etwas passiert“, sagt Selda Y., doch ihr Mann habe nur gelacht und sei danach wieder mit der Waffe verschwunden.

Das sei das letzte Mal gewesen, dass sie die Waffe gesehen habe, so die Witwe. Eigentlich hätte die Waffe in einem kleinen Safe im Schlafzimmer der Wohnung in der Straße Zur Seehafenbrücke verstaut bleiben sollen, doch in der Nacht auf den 1. Januar 2013 sollte sie das Leben der ganzen Familie auf tragische Weise verändern.

Selda Y. befand sich zusammen mit ihrer Schwester um Mitternacht in der Wohnung ihres Schwagers oberhalb des späteren Tatorts, so erinnert sie sich. Die Stimmung sei blendend gewesen. „Doch dann hörte ich meinen Mann schreien“, so Selda Y. Sofort sei sie die Treppen hinunter gerannt, um zu sehen, was passiert sei. Das sei im übrigen noch immer ihr inniger Wunsch: „Ich will wissen, was genau passiert ist.“

Als Selda Y. auf den Moment zu sprechen kommt, in dem sie merkte, dass etwas mit ihrem Mann nicht stimmen kann, stockt ihre Stimme. Sie kämpft mit den Tränen, als sie versucht, weiter zu sprechen. Auch im Zuhörerraum rollen die Tränen. Selda Y.’s Vater geht das Geschehene sichtlich nahe.

Auch der Angeklagte löst sich jetzt aus seiner starren Haltung und bewegt sich nervös hin und her. Selda Y. fällt das Reden weiter schwer. Wohl auch, weil einige Verwandte aus der Familie ihres Mannes sie verantwortlich für das Geschehene machen und weder sie noch die Kinder ans Grab des Verstorbenen in der Türkei lassen wollen.

Wie der Schuss Cetin Y. im Bauchbereich treffen konnte, ist weiterhin schleierhaft. Genau wie die Frage, wer alles mit der Pistole hantierte. Warum man überhaupt am Silvesterabend mit scharfer Munition schießt, bleibt vor Gericht zunächst ausgeklammert. Doch das Opfer hatte die Waffe ebenso in der Hand wie der Angeklagte – und eine weitere Person.

Selbst die heute zehnjährige Tochter soll die Waffe gehalten haben. Nachdem die ersten Schüsse noch in die Luft gerichtet gewesen sein sollen, wurden wohl auch Schüsse in Richtung des Bodens abgegeben, als Autos die Straße entlang fuhren. Ob es ein Querschläger war, ob es gar eine Kugel war, die nach senkrechtem Abschuss wieder gen Boden flog, blieb gestern, wie viele andere Fragen zunächst ungeklärt.

Ein Vertreter der Nebenklägerin geht deswegen auch davon aus, dass es lange dauern kann, bis der Fall geklärt ist.