Lärmschutz

Wild West auf Heimfelds Straßen

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Lutz Kastendieck
Besonders der Busverkehr der Linie 142 sorgt für viel Lärmbelastung auf der Heimfelder Straße

Besonders der Busverkehr der Linie 142 sorgt für viel Lärmbelastung auf der Heimfelder Straße

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Kritiker halten verkehrsberuhigende Maßnahmen im Stadtteil für längst überfällig. Raserei als zunehmender Risikofaktor.

Heimfeld.  Die Befürworter einer generellen Verkehrsberuhigung der Heimfelder Straße spüren starken Rückenwind. Die Verkehrsminister der Länder haben bei ihrer jüngsten Konferenz Anfang Oktober den Bund aufgefordert, die Regelungen in der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) zu Geschwindigkeitsbeschränkungen so anzupassen, dass zukünftig eine erleichterte Anordnung von Geschwindigkeitsbeschränkungen möglich wird.

„Damit dürfte Tempo 30 für die Heimfelder Straße wohl nur noch eine Frage der Zeit sein“, sagt Marcus Pietsch, der mit seiner Familie direkt an der wichtigsten Verkehrsader des Stadtteils wohnt. Seiner Einschätzung nach dürfte es spätestens im Sommer 2016 zu einer entsprechenden Novelle der StVO kommen.

Für den Vater zweier Kindern im Alter von vier und sechs Jahren ist die Einführung von Tempo 30 längst überfällig. Eigenen Messungen und Berechnungen zufolge liegt die permanente Lärmbelastung der Anwohner bereits seit Jahren in einem Bereich, der die Umsetzung lärmmindernder Maßnahmen zwingend erforderlich macht. Insbesondere durch den starken Busverkehr der Linie 142.

Behörde beruft sich auf falsche Zahlen

Das hat die Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) am 24. September in einer Antwort auf eine Bürgerschaftspetition Pietschs aber hochoffiziell in Abrede gestellt. Die Mindestpegel von 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel nachts würden nicht überschritten. Folglich seien keine Lärmminderungsmaßnahmen notwendig, ließ der Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof wissen.

Dabei hätte die Behörde aber zumeist „unzutreffende und ungenaue Werte“ zugrunde gelegt, moniert Pietsch. Beispielsweise wurde davon ausgegangen, dass in der Zeit von 22 bis 6 Uhr nur 37 Busse die Heimfelder Straße passieren. Laut HVV-Fahrplan sind es wochentags aber 57. Damit sei das tatsächliche Busaufkommen mehr als 50 Prozent höher als von der Behörde angenommen.

Eine weitere Ungereimtheit ergab sich für Pietsch aus der Senatsantwort vom 20. Oktober auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bürgerschaftsfraktion zur Umsetzung des Lärmaktionsplans Hamburg 2013, Stufe 2. Danach gelten an Bezirksstraßen die gleichen Auslösewerte für Lärmminderungsmaßnahmen wie an Hauptverkehrsstraßen, nämlich 65 Dezibel am Tage und 55 Dezibel in der Nacht. „Gut zu wissen“, meint Pietsch. Denn diese Pegel würden in der Heimfelder Straße tags und nachts überschritten.

Tempo 100 und mehr keine Seltenheit

Neue Argumente für seinen Kampf für verkehrsberuhigende Maßnahmen lieferten dem Erziehungswissenschaftler auch Geschwindigkeitsmessungen im Stadtteil, die ihm jetzt zugänglich geworden sind. Danach sind bei Messungen innerhalb der zweiten Oktoberwoche auf dem Eißendorfer Pferdeweg fast 60 Prozent aller Fahrzeuge zu schnell unterwegs gewesen. Teilweise wurden sogar Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometer pro Stunde gemessen.

„Damit ergibt sich ein ähnliches Bild wie für die Heimfelder Straße“, sagt Pietsch: „Hier fahren offiziellen Angaben vom Juni dieses Jahres zufolge zwar nur 25 Prozent aller Kraftfahrzeuge zu schnell. Aber in den Nachtstunden, wenn weniger Busse fahren, sind es auch hier bis zu 75 Prozent.“ Und trotz der vielen Ampeln seien ebenfalls Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erreicht worden, gemessen am 16. Juni zwischen 22 und 23 Uhr.

Verkehrsminister fordern flexiblere Regelung

„Man kann es nicht anders sagen: Das ist Wild West in Heimfeld. Und es wird höchste Zeit, dass die Verkehrsbehörde endlich handelt“, so Marcus Pietsch. Würde sie ausnahmslos alle beeinflussenden Faktoren zur Ermittlung der Lärmwerte berücksichtigen, müsste sie schon heute zumindest ein generelles Tempolimit von 30 Stundenkilometer festlegen.

Wie hatte Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig bei der Tagung mit seinen Amtskollegen der anderen Bundesländer Anfang des Monats doch gesagt: „Wir brauchen eine flexiblere Regelung, die den Menschen mehr Schutz vor Lärm bietet.“ Dazu gehöre auch, dass die Anordnung von Tempo-30-Beschränkungen erleichtert würden. „Eine sinnvolle Absenkung der Geschwindigkeit auf bestimmten Strecken, insbesondere in Wohngebieten oder auch vor Schulen und Kindergärten, steht für mich außer Frage. Damit können wir Unfällen vorbeugen und sorgen für mehr Verkehrssicherheit“, so Dulig unmissverständlich.

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