Harburg
Adolphsens Einsichten

Willkommen auf der Reeperbahn!

Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg

Der ehemalige Michel Pastor Helge Adolphsen auf dem Grossneumarkt in Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Altenwerder ist froh, dass die Kirche geblieben ist – und in Hausbruch gibt es eine echte Reeperbahn.

Willkommen auf der Reeperbahn!“ So werde ich begrüßt. Aber wir sind nicht auf St. Pauli und der sündigen Meile, sondern im Dubbenwinkel in Hausbruch . Und der vor mir steht, ist Klaus Lippmann, der Herr der Seile. Die werden wie schon seit 150 Jahren auf der Reeperbahn der alteingesessenen Firma hergestellt. Mit ihren 342 m ist sie die längste in Europa. Die dort tätigen Mitarbeiter brauchen Fahrräder für die langen Strecken. Das Herstellen von Seilen und Tauen ist ein altes Gewerbe. Lippmann mit seinem feinen Humor: „Wahrscheinlich das zweitälteste Gewerbe der Welt“. Auf St. Pauli gab es um 1800 vierundzwanzig Reeperbahnen. Daher der Name.

Lippmanns Firma hatte ihren Sitz ursprünglich in Altenwerder . Er ist stolz darauf, ein Altenwerder zu sein. „Aber seit 1998 lebt da kein Mensch mehr. Der Containerhafen hatte nach und nach alle 2500 Bewohner verdrängt. Der Schmerz sitzt bei den alten Altenwerdern immer noch tief.“ Klaus Lippmann schildert dann eindrücklich, wie die Sturmflut 1962 die Reeperbahn und alle Gebäude fast verschlungen hätte. Anfang der 80er Jahre wagte der studierte Textilingenieur die Verlegung nach Hausbruch. Mehr als 300 verschiedene Seile stellt die Firma her. Schon lange nicht mehr nur aus Hanf, sondern auch aus Draht und Kunststoffen, bis zu Angelschnüren der klingenden Marke „Hemingway“. Immer neue Nischen hat der findige Unternehmer entdeckt. Inzwischen hat die Tochter den Betrieb übernommen, jetzt in fünfter Generation. Aber Klaus Lippmann wohnt immer noch auf dem Gelände am Dubbenwinkel. Vor einigen Wochen haben seine Frau und er die Goldene Hochzeit groß gefeiert. An der Haustür steht auf einem Brett eine „50“, standesgemäß gefertigt aus Seilen und Draht und golden verziert. Die Mitarbeiter wissen offenbar, was sie ihrem „Alten“ verdanken.

Wir kommen noch einmal auf Altenwerder zu sprechen. Auf die So-da-Kirche. Denn die St. Gertrud-Kirche steht so da, umgeben von einem Friedhof und einer Wiese. Auf der stehen Apfelbäume. Ein Schild weist darauf hin, dass die Brautpaare, die in der Kirche getraut werden, gebeten werden, einen Baum zu pflanzen. Nach dem Martin Luther zugeschriebenen Mutmach- und Hoffnungswort: „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Ein schönes und starkes Symbol!

Die St.Gertrud-Kirche ist eine „arbeitende“ Kirche. Und sehr lebendig. So lebendig wie die Altenwerder, die froh sind, dass ihnen ihre Kirche geblieben ist. Und auch so lebendig wie Klaus Lippmann. Fast könnte man ihn den Herrn dieser Kirche nennen. Aber das weist er weit von sich: „Der Herr der Kirche ist ein anderer, ist Gott. Ich bin höchstens der Kirchmeister. Seit 25 Jahren bin ich im Kirchengemeinderat der Thomas-Gemeinde Hausbruch. Sozusagen als Anwalt von Altenwerder. Die Stadt hatte schon den Abriss von St. Gertrud beschlossen. Und angeboten, die Kirche zu kaufen, um sie dann dem Erdboden gleich zu machen. Der Kirchenkreis Harburg erhielt ein hübsches Sümmchen und schlug St. Gertrud der Thomas zu. Gegen den Abriss haben wir protestiert. Wir Altenwerder lassen uns nichts gefallen.“

Das Nutzungsrecht dieser nun städtischen Kirche wurde zunächst auf 10 Jahre festgelegt. Es wurde stillschweigend immer wieder verlängert. „Wir haben damals sofort einen Förderverein gegründet. Der hat bis heute 100.000 Euro in den Erhalt der Kirche und in notwendige Reparaturen investiert. Ehrenamtliche halten die Kirche in Gang und lebendig. „Ich bin der Kassenwart im Vorstand und passe auf das Geld auf. Davon versteh‘ ich was“, sagt Lippmann. In der Kirche erinnert eine Fotoausstellung an die lange Geschichte des Dorfes. Bei der Eröffnung wie an den Sonntagen nach Gottesdiensten backen die treuen Altenwerderinnen Kuchen. „Wir veranstalten ‚Tage der offenen Tür‘. Beliebt sind auch die Konzerte zur Baumblüte und zu Weihnachten. Immer mit namhaften Solisten und Chören. Beim „Klönschnack“, bisher schon fünf Mal veranstaltet, kommen 500 – 800 Besucher. In der Kirche und draußen findet ein buntes Programm statt. Gesprochen wird dann das Altenwerder Platt.“ Wie in so manchen Gottesdiensten, wenn Klaus Lippmann die biblischen Texte natürlich auf Platt liest. Das ist für ihn Ehrensache.

Am Ende unseres Gesprächs komme ich noch einmal auf seine Firma zurück. Ich frage ihn, ob er angesichts der vielen Flüchtlinge einen anerkannten Asylbewerber einstellen würde. Die Antwort kommt prompt: „Ich würde sofort zwei nehmen, wenn sie Deutsch können. Wir finden nicht mehr so leicht Auszubildende unter Jugendlichen. Gern würde ich Flüchtlingen Arbeit geben. Auch aus meiner Verantwortung als Christ. Und als Unternehmer in einer langen und stolzen Handwerkstradition. Und meine Tochter ebenso.“

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus in der Regionalausgabe Harburg & Umland