Harburg
Jubiläum

In Heimfeld ist Plattdeutsch Programm

Am 12. Oktober 2015 wird der Quickborn-Verlag, der in Heimfeld beheimatet ist, 100 Jahre alt

Am 12. Oktober 2015 wird der Quickborn-Verlag, der in Heimfeld beheimatet ist, 100 Jahre alt

Foto: Lutz Kastendieck / HA

In einer ehemaligen Tischlerei im Hinterhof eines unscheinbaren Hauses am Alten Postweg schlägt das Herz der plattdeutschen Literatur

Heimfeld.  In einer ehemaligen Tischlerei im Hinterhof eines unscheinbaren Hauses am Alten Postweg 21 schlägt das Herz der plattdeutschen Literatur . Hier hat der Quickborn-Verlag seinen Sitz, der am Montag kommender Woche 100 Jahre alt wird. Das Jubiläum soll am Mittwoch, 14. Oktober, ab 20 Uhr mit einer großen Lesung in der Bücherhalle Harburg , Eddelbüttelstraße 47a, gefeiert werden.

„Plattdütsch Land – 100 Johr in Geschichten un Gedichten“ heißt das Gemeinschaftswerk von Quickborn-Verlag und Quickborn-Vereinigung, deren Geschichte untrennbar miteinander verbunden ist. „Denn ohne die Vereinigung hätte es den Verlag niemals gegeben“, weiß Peer-Marten Scheller, 60, der den Verlag 1985 gemeinsam mit Ehefrau Gesche übernahm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich in Hamburg eine Gruppe formiert, deren erklärtes Ziel die „Pflege und Erhaltung der plattdeutschen Sprache“ war. Alljährlich ließ die Quickborn-Vereinigung kleine Hefte mit plattdeutschen Texten drucken, die dann als kostenlose Jahresgaben verteilt wurden, finanziert aus den Mitgliedsbeiträgen.

„Mit der gleichnamigen, nordwestlich von Hamburg gelegenen Stadt haben Verlag und Vereinigung übrigens nichts zu tun. Der Name geht zurück auf einen Gedichtband von Klaus Groth, den Mitbegründer der niederdeutschen Literatur“, weiß Scheller zu berichten.

Irgendwann waren den Hütern der plattdeutschen Sprache die kleinen Heftchen aber nicht mehr genug. Umfangreichere Publikationen schwebten ihnen vor bis hin zu ganzen Büchern. Doch da gemeinnützigen Vereinen schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts professionelle Geschäfte untersagt waren, wurde am 12. Oktober 1915 kurzerhand der Quickborn-Verlag mit Sitz in der Mönckebergstraße gegründet.

Zu den Gesellschaftern gehörten honorige Hamburger wie der bekannte Buchhändler Paul Wriede, der Kaufmann Arthur Göring und der Fabrikant Carl Wild. „Prägender Autor war von Beginn an Rudolf Kinau. Bis zu seinem Tod 1975 sind im Quickborn-Verlag 33 Bücher von ihm erschienen. Und etliche von ihnen werden noch heute nachgefragt“, berichtet Scheller.

Andere namhafte Autoren aus der Anfangszeit waren Wilhelm Plog, Otto Garber, Hermann Claudius, Alma Rogge, Fritz Specht und Kinaus Bruder Johann, besser bekannt unter seinem Pseudonym Gorch Fock. Ihre Texte machten auch die „Quickborn-Hefte“ zu einem verlegerischen Erfolg. Die Reihe hatte bereits nach wenigen Jahren eine Gesamtauflage von mehr als 500.000 Exemplaren erreicht.

Der Zweite Weltkrieg geriet auch für den Quickborn-Verlag zu einer schmerzhaften Zäsur. 1943 wurde das Verlagshaus an der „Mö“ samt Archiv bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Anfang Oktober 1948 beantragten die Brüder Herbert und Kurt Stapelfeld bei der englischen Besatzungsmacht eine neue Lizenz und ließen den Verlag mit Büroräumen in der Dammtorstraße 14 wieder aufleben.

Ob es ihn ohne den bekannten Heimfelder Buchhändler Kurt Puschendorf (später und bis heute Leichers Buchhandlung) aber überhaupt noch gäbe, darf bezweifelt werden. Scheller: „Er wurde 1969 erst Notgeschäftsführer, 1970 alleiniger Gesellschafter. Und leitete mit der Verlagerung an den Alten Postweg auch die Harburger Ära des Verlages ein.“

Die wird nun seit 30 Jahren von Peer-Marten Scheller geprägt. Als ihn Puschendorfs Ruf nach Harburg erreichte, arbeitete er gerade in Frankfurt am Main. Zwar hätte er als ausgebildeter Verlagskaufmann schon gewisse Erfahrungen in dem Metier gehabt und die Aussicht auf eine Rückkehr in den geliebten Norden sei sehr verlockend gewesen.

„Dennoch war es für mich ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Scheller. Denn in einem so kleinen Verlag, der sich kaum Personal leisten könne, sei man schon als Allrounder gefordert: „Ich verhandle mit den Autoren, mit der Druckerei, den Groß- und den Buchhändlern, bin für alles erster und letzten Ansprechpartner. Andererseits ist der Job spannend und sehr abwechslungsreich.“

Entscheidend sei für ihn aber immer gewesen, dass er der Sprache, in der die Bücher seines Verlages erscheinen, auch selbst mächtig ist. Dabei habe man zu Hause, in einer Buchhändlerfamilie aus Heide, immer sehr großen Wert auf Hochdeutsch gelegt: „Doch meine Großeltern haben mit uns Kindern nur Plattdeutsch gesprochen, so bin ich damit groß geworden.“

Die immer wieder aufkeimende Unkerei vom Niedergang dieser Mundart hat Scheller nie verunsichert. Im Gegenteil: Plattschnacken erlebe gerade eine Renaissance. An zehn Hamburger Schulen steht es wieder auf dem Lehrplan, in Schleswig-Holstein sind es sogar 29. Für die neue Platt-Offensive hat der Verlag in Kooperation mit Pädagogen gerade das Lehrbuch „Paul un Emma snackt plattdüütsch“ herausgebracht. Und in Hamburg gibt es sogar einen prominent besetzten Plattdeutschen Rat, dessen Sprecher Scheller seit drei Jahren ist.

Großen Anteil am Aufschwung haben auch Ina Müller und Yared Dibaba

Großen Anteil am Aufschwung hätten aber auch Autoren wie Ina Müller und Yared Dibaba, die mit ihren „frischen, frechen“ plattdeutschen Büchern auch wieder eine jüngere Leserschaft für die Regionalsprache begeistern würden. „Ina Müller hat es mit drei Büchern innerhalb von drei Jahren auf eine Gesamtauflage von mehr als 100.000 Exemplaren gebracht. Dafür hat Altstar Rudolf Kienau insgesamt 33 Bücher und weit mehr als sechs Jahrzehnte gebraucht“, sagt Scheller.

Grund genug, für ihn und Ehefrau Gesche, die ihm immer ein großer Rückhalt war, voller Optimismus ins elfte Jahrzehnt des Quickborn-Verlages zu schauen. Wo Plattdeutsch auch in Zukunft Programm ist.