Harbourfront-Festival

Miss Tagesschau und eine Kindheit in Harburg

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Lutz Kastendieck
Tagesschausprecherin Linda Zervakis stellt am 29. September 2015 im Rahmen des Harbourfront-Literaturfestivals im Speicher am Kaufhauskanal ihre Autobiografie "Königin der Zuckertüte" vor

Tagesschausprecherin Linda Zervakis stellt am 29. September 2015 im Rahmen des Harbourfront-Literaturfestivals im Speicher am Kaufhauskanal ihre Autobiografie "Königin der Zuckertüte" vor

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Ein Gutteil des Lebens von Linda Zervakis spielte sich in jenem Harburger Kiosk ab, der ihrem Buch zu seinem Untertitel verhalf.

Harburg.  Sie zählt zu den beliebtesten Gästen in deutschen Wohnzimmern. Wenn Linda Zervakis als Sprecherin der „Tagesschau“ die Nachrichten des Tages verkündet, hört und schaut ihr die versammelte TV-Gemeinde des Landes dabei gern zu. So verwundert es kaum, dass der Kulturspeicher im Binnenhafen am Montagabend bestens gefüllt war, als die 40-Jährige im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals ihre Autobiografie vorstellte.

Dass sie ihre erste öffentliche Lesung überhaupt nach Harburg verlegte, war kein Zufall. Denn hier, südlich der Elbe, ist sie geboren und aufgewachsen, samt Abitur am -Friedrich-Ebert-Gymnasium. Ein Gutteil ihres Lebens spielte sich aber in jenem Harburger Kiosk ab, der ihrem Buch schließlich auch zu seinem Untertitel verhalf:

Vater Christos arbeiteteinige Jahre bei der Phoenix

„Ich habe nie vergessen, woher ich komme“, sagte die Tochter einer griechischen Gastarbeiterfamilie. Für Vater Christos und Mutter Chrissoula sei Deutschland Anfang der 1960er-Jahre „ein Ausflugsziel zum Überleben“ gewesen, weil es in der Heimat schlicht keine Perspektive gegeben habe.

So heuerten die beiden erst in einer Fahrradfabrik in Quakenbrück, später dann bei der Phoenix in Harburg an. Dort stellte Vater Christos einige Jahre Stoßstangen für den legendären Ford Capri her, später Moonboots. Als der Hype irgendwann vorbei war, verlor Christos auch seinen Job. Am liebsten hätte er eine eigene Autowerkstatt aufgemacht. Doch dann fiel der Familie durch eine Laune des Schicksals besagter Kiosk in Harburg zu.

Er wurde für Linda und ihre beiden Brüder Iannis und Charalambos, die sich daheim ein Zimmer teilen mussten, zum zweiten Zuhause. Und zu einem Mikrokosmos, der sich angefühlt habe wie der „Backstage-Bereich der deutschen Gesellschaft“. Hier ging alles ein und aus, „vom Spitzenpolitiker im Maßanzug bis zum verwirrten Professor im Schlafanzug; vom steinreichen Hanseaten im nagelneuen Jaguar bis zum arbeitslosen Alkoholiker auf einem alten Zündapp-Mofa“.

„Wir verbrachten jeden Tag viele Stunden dort, halfen unseren Eltern oder äfften, versteckt hinter den Zeitungsständen, missliebige Kunden nach“, berichtete Linda Zervakis. Die zu dieser Zeit trotz aller kindlichen „Kioskromantik“ auch viel Grund zum Hadern mit sich selbst hatte. In den Schuhen trug sie lästige Einlagen, im Mund eine hässliche Zahnspange. Das Gesicht zierte eine zu große Bommelnase, umrahmt von einer absolut nervigen Mireille-Mathieu-Frisur. Und die Klamotten waren zumeist nicht nur second hand, sondern auch noch gnadenlos altmodisch. „Ich sah damals wirklich schlimm aus“, so Zervakis feixend.

Vieles davon konnte die Schülerin Linda aber wettmachen, weil der Kiosk ihr auch zu einem attraktiven Alleinstellungsmerkmal verhalf: Denn niemand konnte auf dem Schulhof mit köstlicheren Leckereien aus der bunten Tüte aufwarten, als sie: „Da gab es weiße Mäuse und Ufos, Schleckmuscheln und Lakritzschnecken, Salinos und Lutscher, und alles war so schön süß und so heiß begehrt.“

Mit einer Saalrunde Ouzo beim Publikum bedankt

Linda Zervakis, die mit ihrem Mann, einem Hörfunkkollegen vom NDR, und ihren beiden Kindern heute in Harvestehude lebt, verhehlt nicht, dass es ein langer und harter Weg war, um sich als Kind mit Migrationshintergrund durchzusetzen. Wobei ihr urdeutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin schon sehr geholfen hätten.

All das beschreibt sie in ihrer Autobiografie unterdessen nicht bierernst und verbissen, sondern mit Leichtigkeit und viel Humor. Wie Linda Zervakis überhaupt gern und laut lacht. Was sie unter anderem damit begründet, dass es bei der Tagesschau ja nun auch wirklich nicht viel zu lachen gäbe. Und sich das bei der Bedeutung dieser Fernsehinstitution ohnehin verbiete.

Ihre eigene Geschichte helfe ihr heute auch, die Bilder jener Flüchtlinge zu verstehen, die in diesen Tagen und Wochen „an der griechisch-mazedonischen Grenze zu Fuß über Bahngleise laufen, um einen Zug nach Nordeuropa zu erwischen“. Jedem von ihnen wünsche sie, dass er eines Tages als glücklicher Urlauber zu seiner Familie in Richtung Süden fahren könne: „Und dabei genauso viel schöne Dinge zu erzählen hat wie ich.“ Linda Zervakis hat ihre Heimkehr nach Harburg sichtlich genossen. So sehr, dass sie sich am Ende mit einer Saalrunde Ouzo bei ihrem „wunderbaren Publikum“ bedankte. Die Fläschchen waren als finale Überraschung zum größten Teil mit Isolierband unter die Sitzschalen der Stühle geklebt worden. Angestoßen hat Linda Zervakis unter anderem mit Mutter Chrissoula, die voller Stolz in der ersten Reihe gesessen hatte.

„Diese Lesung war sicher eine der stimmungsvollsten und lustigsten des gesamten Festivals. In jedem Fall war sie die charmanteste“, zeigte sich Harbour-Front-Chef Heinz Lehmann hoch zufrieden. Und auch Hausherr Henry C. Brinker war voll des Lobes: „ Das war kurzweilig und sehr unterhaltsam.“

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