Harburg
Sieversen

Circus Astelly sucht ein Winterquartier

Esther Löttel und ihre Tochter Sarah-Jane suchen einen Platz, auf dem ihr Zirkus überwintern kann

Esther Löttel und ihre Tochter Sarah-Jane suchen einen Platz, auf dem ihr Zirkus überwintern kann

Foto: Christiane Tauer / HA

Das Mini-Unternehmen ist ausschließlich im Hamburger Raum unterwegs und muss für den Winter eine neue Fläche finden. Die Zeit drängt.

Sieversen.  Wer in achter Generation Kamele reitet, den kann so schnell nichts erschüttern. „Aufgeben? Nein!“, ruft Esther Löttel empört und schickt ein selbstsicheres Lachen hinterher. „Nach Regen kommt wieder Sonnenschein“, sagt die 45-jährige gebürtige Harburgerin mit den dunkelbraunen Locken und dem dunklen Blick.

Sie ist sich sicher, dass der Circus Astelly auch diese Hürde überwinden wird. Nur noch wenige Tage darf das kleine Unternehmen auf dem Areal im Gewerbegebiet an der Steinbeker Straße in Hamburg-Hamm bleiben – danach sollte es eigentlich ins Winterquartier gehen. Doch noch immer weiß die Familie nicht, wo das sein wird.

Esther Löttel lässt sich die Sorge über die ungewisse Zukunft nicht anmerken. Und sowieso ist sie als Zirkusfrau im Jahr 2015 harte Zeiten gewohnt. Die gesamte Saison war dieses Jahr katastrophal, bei Lichte besehen läuft es eigentlich seit etwa zehn Jahren nicht mehr gut. „Ganz ehrlich, manchmal haben wir nur zehn bis 15 Leute im Publikum“, sagt die Mutter einer sechsjährigen Tochter.

Bei Eintrittspreisen von zehn Euro und vier Vorstellungen von Freitag bis Sonntag kann man sich schnell ausrechnen, womit die Familie auskommen muss. Sie leben von der Hand in den Mund, aber ein Gang zum Amt, um Unterstützung zu beantragen, kommt für sie nicht in Frage. Zu sehr schätzen sie ihre Freiheit.

Sechs Personen zählen zur Familie, neben Esther Löttel und Tochter Sarah-Jane gehören auch ihr Bruder und dessen Familie dazu. Esther Löttels Ehemann Carol ist im Januar an einem Herzinfarkt gestorben, mit gerade einmal 56 Jahren. Schon damals bestand die Zukunft der Zirkusfrau, deren Großmutter im Circus Renaldo auftrat und die das Leben in einer festen Wohnung nur kurz getestet hat – „Das ist einfach nichts für mich“ –, aus einem großen Fragezeichen.

Wie sollte sie als alleinerziehende Mutter es schaffen, den Betrieb am Laufen zu halten? Es war ein Glück, dass ihr Bruder ebenfalls einen Zirkus hatte, denn so entschieden sie, ihre beiden Unternehmen einfach zusammenzulegen. Der Name Astelly blieb, denn unter dem waren sie in und um Hamburg bekannt.

Zwei Kamele, ein Lama, drei Ponys, drei Ziegen und sieben Tauben gehören zum festen Inventar, dazu noch vier Hunde. Das Programm besteht unter anderem aus den Klassikern Bodenakrobatik, Lassospiele, Clownerie, Feuerschlucken, Kamelreiten, Balancieren und einer Ponynummer. 14 Tage gastieren sie damit an einem Ort – immer darauf bedacht, den anderen kleinen Zirkusbetrieben im Hamburger Raum nicht ins Gehege zu kommen.

Schätzungsweise sechs andere Unternehmen ihrer Größe gebe es hier, sagt Esther Löttel. „Man kennt sich untereinander und weiß ungefähr, wo die anderen gastieren.“ Gegen „Giganten“ wie den Circus Roncalli, der bis Anfang Oktober ebenfalls in Hamm spielt, ist der Circus Astelly aber machtlos. „Die sind in einer ganz anderen Liga“, sagt sie.

Während des Gesprächs klingelt plötzlich ihr Handy. Es ist der Bruder, der gerade den Hamburger Süden nach einem geeigneten Winterquartier durchstreift. Vielleicht habe er etwas Geeignetes gefunden, nur müsse er jetzt warten, bis der Landwirt nach Hause komme, teilt er ihr mit. „Wir brauchen nur etwa 1000 Quadratmeter und einen Anschluss für Wasser und Strom“, sagt Esther Löttel.

Zuletzt kamen sie den Winter über in Glinde im Landkreis Stormarn unter, doch dann wurde das Gelände verkauft. Sie hatten gehofft, in Rosengarten fündig zu werden, auf einer 4000 Quadratmeter großen Fläche an der Hauptstraße in Sieversen. Das Grundstück gehört dem Harburger Transportunternehmer Heinrich Schmalstieg, der es ihnen bereits seit einigen Jahren über die Sommerferien zur Verfügung stellt.

Für ihn sei es auch in Ordnung gewesen, wenn die Familie im Winter zurückgekommen wäre, sagt Schmalstieg. Nur hätten die Nachbarn Bedenken gehabt. Sie fürchteten unter anderem Geruchsbelästigungen durch die Kamele.

„Da können wir nichts machen, wir wollen schließlich keinen Streit“, sagt Esther Löttel. Sie hofft jetzt auf eine andere Möglichkeit für Mensch und Tier, räumt aber gleich ein, dass ihre finanzielle Obergrenze für die Pacht bei etwa 300 Euro für die Zeit von Oktober bis April liegt. „Was einen nicht kaputt macht, macht einen nur stärker“, sagt sie voller Optimismus.

Selbst im Notfall könne sie es sich nicht vorstellen, im Winter in eine feste Wohnung zu ziehen. Wo sollen dann auch die Tiere hin? „Den Zirkus hat man im Blut, das kann man nicht einfach so ablegen“, ist sie überzeugt. Ihre Schwester habe es ja versucht, fügt sie hinzu. Sie machte nach der Schule eine Ausbildung. Doch am Ende war das alles nichts. Sie heiratete einen Zirkusmann und ist nun ebenfalls auf Wanderschaft.

Wer dem Circus Astelly helfe möchte, kann sich bei Esther Löttel unter Telefon 0176/84737736 melden.