Harburg
Stadtteil-Satire

Enthüllt: Aldi-Brüder haben Wilhelmsburg gegründet

Im Dunkeln lässt sich gut flunkern: Sven Amtsberg liest gern an unbeleuchteten Ecken

Im Dunkeln lässt sich gut flunkern: Sven Amtsberg liest gern an unbeleuchteten Ecken

Foto: Thomas Sulzyc

Bei der Tour „Die Wahrheit über Wilhelmsburg“ flunkern Sven Amtsberg und Lars Dahms so charmant, dass man ihnen alles glauben will.

Wilhelmsburg.  Sitzen wir seit mehr als drei Jahrhunderten einem Irrtum auf? Geht der Name Wilhelmsburg wirklich auf den Herzog Georg Wilhelm zurück, wie es uns der Kaufvertrag vom 4. Dezember 1672 glauben lassen will? Ist Geschichte nicht gewöhnlich viel komplexer, als dass ein Adeliger namens Wilhelm ein Anwesen erwirbt, und es dann auffällig profan Wilhelmsburg nennt?

Der Autor Sven Amtsberg und der Künstler Lars Dahms haben jetzt die Wahrheit über Wilhelmsburg enthüllt und bei einer prosaischen Stadtteilführung im Reiherstiegviertel die Bevölkerung damit konfrontiert. Dabei flunkern die Enthüllungsautoren so charmant, dass man ihnen alles glauben will. Und wie es sich für Verschwörer gehört, lassen sie ihr Publikum im geheimnisvollen Taschenlampenlicht durch das Dunkel der Nacht tapsen.

Bereit für die Wahrheit haben sich 50 mutige Männer und Frauen, erstere hergeschleift von letzteren, vor dem Zentrum des Pop-up-Lädenfestivals gegenüber dem Stübenplatz versammelt. Wie ein Sektenführer schweißt Sven Amtsberg sein Gefolge zusammen und zieht ihnen das Geld aus der Tasche. Fünf Euro Eintritt – dafür erhält einen Aufkleber mit der Aufschrift „Ich bin Teil der Wahrheit“. Das verbindet.

„Wir werden Wilhelmsburg erleben, wie es Wilhelmsburger nicht kennen“, schwört Sven Amtsberg seine Anhänger ein. Mit Hamburger Slang und so bestimmter Stimme, die keinen Zweifel aufkommen lässt. Dem Eppendorfer ist jedes Klischee über Wilhelmsburg bekannt – und auf dieser Klaviatur spielt er gern und meisterlich. Für die Expedition in das Reiherstiegviertel hinein, nennt er fürsorglich die richtigen Verhaltensweisen: „Wenn Einheimische kommen, habt keine Angst! Schmeißt euch auf den Boden und tut betrunken!“

Schnellen Schrittes hasten anschließend 50 Männer und Frauen über den Stübenplatz in die dunklen Gassen des alten Arbeiterviertels, um im spärlichen Licht der Hauseingangsbeleuchtung des Bauvereinweges 2 bei einer Lesung auf dem Bürgersteig die ganze Wahrheit über die Entstehung Wilhelmsburgs zu erfahren.

Aldi Süd und Aldi Nord, die Söhne von Aldi Ganz, hätten in den Lidl-Kriegen Wilhelmsburg gegründet, offenbart Lars Dahms, dessen Manuskript nur von einer Stirnlampe beleuchtet ist. Die Heere der Aldi-Brüder trafen an der Elbe aufeinander. Aber statt zu kämpfen, beschlossen die Brüder, eine Stadt zu bauen und sie mit Kunden zu füllen. Wilhelmsburg war geboren. Zum Beweis leuchtet Lars Dahms die Gebäudefassade an und fängt mit dem Lichtkegel zwei Figuren aus Stein ein: Statuen der beiden Aldi-Brüder, sagt Dahms, einer sogar mit Schaufel in der Hand! Mit spontanem Applaus schließt sich der exklusive Zuhörerkreis der neuen Geschichtsschreibung an. Herzog Georg Wilhelm hat spätestens jetzt abgedankt.

Noch dunkler, ja finster, zeigt sich die Mokrystraße. Hier enthüllt Lars Amtsberg eine archäologische Sensation. Was wie eine Baustelle zur Modernisierung eines Wohnhauses aus dem 19. Jahrhundert aussieht, seien in Wahrheit die Überreste der alten Wilhelmsburg, sagt er. Steine und Sand sind im Halbdunkel der Taschenlampe zu erkennen. Was sollte es sonst sein als die Szenerie einer archäologischen Ausgrabung?

In weiteren Lesungen an dunklen Ecken flunkern die Stadtführungsentertainer so wunderbar, dass jeder wünscht, die Geschichten seien wahr. Und so erfährt ein exklusiver Kreis noch die Wahrheit über den früheren Flakbunker in der Neuhöfer Straße, der in Wirklichkeit ein Nazi-Hort gewesen sei, in den Kinder während der Internationalen Gartenschau eingesperrt wurden, damit sie ja nichts im Park kaputt machen.

Schienen im Boden, auf denen keine Eisenbahn mehr fährt, erinnern an die Indianer, die damals davon lebten, entlang der Gleise Touristen auszurauben. Pech, enthüllt Sven Amtsberg, dass die Krieger einen Zug voll mit Hooligans gestoppt haben. Es sei zu einem Kampf gekommen. Heute, sagt der Autor des Buches „111 Gründe, den FC St. Pauli zu lieben“ zu dem Ausgang der Schlacht , gebe es nur noch wenige Indianer in Wilhelmsburg.

An vom Radar nicht zu identifizierenden Tarnkappengebäuden in der Mannesallee vorbei endet die Tour schließlich am Veringkanal in der Pizzeria Turtur. „Nächstes Jahr kommen wir wieder“, sagt Sven Amtsberg. Und der Meister der erfunden Information verspricht: „Texte lassen wir dann weg. Wir treffen uns nur zum Saufen!“ Dafür gib’s Applaus in Wilhelmsburg.

Nächste Tour mit Sven Amtsberg: „Die Wahrheit über die HafenCity“, Stadtführungsentertainment, Donnerstag, 17. September, 20 Uhr, Treffpunkt: U-Bahn HafenCity Universität, Eingang zur HCU In Planung: „Die Wahrheit über Berlin-Mitte“ – als Führung in Hamburg!