Flüchtlinge

Jugendliche aus 13 Ländern lernen in Meckelfeld Deutsch

Wortschatzaufbau: Lehrerin Kristina Sokolova mit den Schülerinnen Olivia (links) und Natalia aus der Sprachlernklasse

Wortschatzaufbau: Lehrerin Kristina Sokolova mit den Schülerinnen Olivia (links) und Natalia aus der Sprachlernklasse

Foto: Christiane Tauer / HA

In der Sprachlernklasse der Oberschule Meckelfeld sitzen Mädchen und Jungen aus 13 Ländern. Deutsch spricht zunächst niemand.

Meray schaut kurz in ihr Heft, dann wandert ihr Blick zu ihrer Sitznachbarin hinüber. Die beiden Mädchen kichern und beginnen wie aus einem Mund zu singen: „I’m a barbie girl, in a barbie world.“ Auch so kann Englischunterricht gehen, nur ist Lehrerin Christine König nicht ganz so begeistert. „Ist hier immer so eine Unruhe?“, fragt sie die Klasse, in der es jetzt auch auf den hinteren Sitzplätzen immer lauter wird. Noch fünf Minuten bis zum Unterrichtsende, da lässt die Konzentration einfach nach. Und dann ist da ja noch das Verständigungsproblem, das auch vor Englisch nicht Halt macht. Denn vor Christine König sitzt nicht irgendeine Klasse. Es ist die Sprachlernklasse der Oberschule Meckelfeld, ein bunt gemischter Haufen unterschiedlichster Nationalitäten. Ein Wort Deutsch spricht hier kaum jemand.

13 Jungen und Mädchen der Jahrgangsstufen fünf bis zehn besuchen seit Schuljahresbeginn die auf maximal 16 Schüler beschränkte, neu eingerichtete Klasse, die losgelöst vom regulären Unterrichtsbetrieb läuft. Es sind Flüchtlingskinder aus Albanien und Mazedonien, aber auch Bulgaren, Rumänen und Polen sind darunter. „Die Landesschulbehörde hat uns auf die neue Möglichkeit hingewiesen, und da haben wir nicht lange gezögert“, sagt Schulleiter Thomas Höfer.

In Niedersachsen ist die Anzahl der Sprachlernklassen im Schuljahr 2015/16 von zuvor 240 auf 300 erhöht worden. Im Vergleich zu vor zwei Jahren gibt es sogar fünfmal mehr Sprachlernklassen an öffentlichen allgemein bildenden Schulen im Land. Die Landesregierung reagiert so auf die steigende Zahl von Flüchtlingskindern in den Klassenzimmern und wendet sich dabei zugleich an die Jungen und Mädchen, die zwar nicht zu dieser Gruppe gehören, aber dennoch Förderung in der deutschen Sprache benötigen. Auch Kinder, die gar keine Schriftsprache beherrschen, werden aufgefangen. Neben der Oberschule Meckelfeld gibt es im Landkreis Harburg laut niedersächsischem Kultusministerium weitere Sprachlernklassen an der Oberschule Salzhausen, dem Gymnasium Winsen, der Hauptschule Tostedt sowie an der Grund- und Hauptschule Meckelfeld und der Hauptschule Neu Wulmstorf.

An der Oberschule Meckelfeld sind die Lehrerinnen Christine König, Maren Steiner und die Hauptverantwortliche Kristina Sokolova für die Förderung der Migrantenkinder zuständig. In insgesamt 30 Wochenstunden versuchen sie, die Kinder so fit in Deutsch zu machen, dass sie schnellstmöglich in den normalen Unterricht wechseln können. „Jeder Schüler hat aber auch eine feste Bezugsklasse, die seinem Alter entspricht“, sagt Thomas Höfer. So wisse jeder, dass er dazugehöre. Angelegt ist die Teilnahme an der Sprachlernklasse auf maximal zwei Jahre, in denen die Schüler nicht bewertet werden. Die meisten sind aber voraussichtlich nach einem Jahr so sicher, dass sie in den regulären Unterricht wechseln können, anfangs meist in Sport oder Kunst, dann auch in Mathe oder Deutsch.

„Vorher hatten wir wie andere Schulen auch nur einen Sprachförderkurs, der auf sechs Wochenstunden angelegt ist“, sagt der Schulleiter. Das heißt, die Schüler liefen im regulären Unterricht mit, verstanden aber nichts. Jetzt können sie viel intensiver Deutsch lernen und so schneller am normalen Unterricht teilnehmen. Dabei sei es auch Ziel der Sprachlernklasse, bis zu einem gewissen Grad Fachunterricht in Mathe, Englisch oder Geschichte zu geben, fügt Höfer hinzu.

Aber wie geht man als Lehrerin mit Schülern um, die kein Wort Deutsch verstehen? „Verständigung mit Händen und Füßen“, sagt Kristina Sokolova, die bereits zuvor den Förderkurs geleitet hat. Sie beginnt zunächst einen Dialog mit den Kindern und Jugendlichen, der aus Vorname, Familienname und Herkunft besteht. Dann wird wiederholt, die Grammatik gepaukt und übersetzt, bis die Kinder allmählich immer sicherer werden. Sind die Schwierigkeiten aber größer, fungieren auch Schüler, die bereits länger in Deutschland sind und ebenfalls die Muttersprache des Neuankömmlings sprechen, als Dolmetscher.

„Viele ziehen sich anfangs sehr zurück“, sagt die Lehrerin. Sie schweigen, verstehen aber dennoch viel von dem, was um sie herum gesprochen wird. Plötzlich, meistens nach einem Jahr, platzt bei den Schülern dann ein Knoten und sie sprechen Deutsch. „Bei den Kindern passiert das aus einem gewissen Eigenantrieb heraus“, sagt Schulleiter Höfer. „Sie wollen ja Anschluss finden, und deshalb müssen sie sich bemühen.“

Vier unterschiedliche Niveaustufen an Deutschkenntnissen hat Kristina Sokolova derzeit in der Sprachlernklasse. Für alle muss sie parallel den passenden Unterrichtsstoff anbieten. Keine leichte Aufgabe für die Pädagogin, die zudem ein weiteres Ziel vor Augen hat: „Wir wollen auch die Eltern integrieren.“ Damit meint sie speziell die Mütter, die oft im Gegensatz zu den Vätern viel später oder nur schlecht die deutsche Sprache erlernen. Sie sollen eingebunden werden, damit sie mit Verantwortung für die schulische Bildung ihrer Kinder übernehmen.