Harburg
Bürgerinitiative

Protest gegen Flüchtlingsheim in Vahrendorf

Foto: hsp_hr@wmg.loc / HA

Landschaftsbauer will auf 9000 Quadratmetern in Vahrendorf Asylbewerber unterbringen. Bürgerinitiative formiert sich.

Vahrendorf. Bianca Wilkens

Es ist eine Idylle wie aus dem Bilderbuch. Die Kindergartenkinder spielen im Wald, auf der Koppel nebenan stehen Pferde. Und abends, wenn es dunkel wird, kommen Rehe und Fledermäuse. Christine Kokartis wüsste nicht, wo es schöner wäre als oben auf dem Kiekeberg in Vahrendorf. Seit vier Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern dort, direkt neben der alten Mühle. Doch jetzt ist die 40-Jährige so wie viele andere Bewohner des Orts in großer Sorge.

Unterkunft in fester Holzmodulbauweise

Auf dem Grundstück zwischen Museumsweg und Mühle, das Teil des Landschaftsschutzgebiets Rosengarten-Schünholz-Kiekeberg ist, will der Investor Steffen Lücking eine Flüchtlingsunterkunft bauen. Was der Langenrehmer plant, hat es so noch nicht gegeben. Er möchte keine Container aufstellen, sondern plant eine Unterkunft in fester Holzmodulbauweise. Das Areal mit 8800 Quadratmetern ist vergleichsweise groß. 60 Flüchtlinge sollen in fünf Gebäuden mit je Drei-Zimmer-Wohnungen untergebracht werden. Zudem hat der Investor Flächen eingeplant, auf denen die Asylbewerber Volleyball und Schach spielen können.

„Ich wollte, dass die Struktur so locker wie möglich ist. Es soll keine halbe Gewerbehalle werden, die mit 60 Personen vollgestopft wird“, sagt Steffen Lücking. Dafür ist er bereit, 1,3 Millionen Euro zu investieren. Gegen diese Planung wehren sich nun Christine Kokartis und andere Anwohner. Und Kokartis weiß ganz genau, welche Brisanz darin steckt.

Anwohner mutmaßen: Investor will Areal gewinnbringend weiterverkaufen

Protest gegen die Unterbringung von Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind und oftmals nur mit dem nackten Leben davonkamen? Das ist eigentlich ein Tabu. Kokartis und Sigrid Muth-Böse, die am Museumsweg wohnt, betonen deshalb mit Nachdruck: „Für uns spielt es überhaupt keine Rolle, wer dort einziehen soll. Uns geht es lediglich darum, dass dort nicht gebaut wird.“ Mit etwa 30 Mitstreitern haben sie Anfang August die Bürgerinitiative Schutzgemeinschaft Schünholz auf dem Kiekeberg gegründet, deren erklärtes Ziel es ist, eine Entlassung des etwa einen Hektar großen Areals aus dem Landschaftsschutz zu verhindern. Die Initiative hat bereits unter anderem an Rainer Rempe, Landrat des Landkreises Harburg, und Kreisrat Björn Hoppenstedt geschrieben, doch eine Antwort haben sie noch nicht erhalten. Der Landkreis ist für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig, von denen ab sofort wöchentlich 70 Neuankömmlinge erwartet werden. Er ist deshalb dringend auf Wohnraumangebote aus den Städten und Gemeinden des Kreises angewiesen und weist regelmäßig darauf hin, in welcher Notsituation er sich befindet.

„Uns ist die Situation des Landkreises durchaus klar“, sagt dazu Christine Kokartis. Sie fragt sich aber, warum es ausgerechnet um eine Fläche wie den Kiekeberg gehen muss, auf der Fledermäuse und Weinbergschnecken heimisch sind und die von Touristen als Naherholungsziel genutzt wird. Ihre Überzeugung: Der Investor, der das Grundstück Anfang des Jahres als Ackerland erworben hat, wolle daraus unter dem Deckmantel der Flüchtlingshilfe Bauland machen. Denn so könne er es nach einigen Jahren gewinnbringend weiterverkaufen.

Bürgerinitiative will das Zubetonieren von Naturflächen verhindern

Aktuell liegt der Quadratmeterpreis in Vahrendorf bei stattlichen 280 Euro. „Bauspekulanten wird Tür und Tor geöffnet“, sagt Christine Kokartis sicher zum Abendblatt. Aus Sicht der Bürgerinitiative wären andere Flächen in Vahrendorf, beispielsweise die gegenüber der Feuerwehr, für Flüchtlingsunterkünfte viel besser geeignet. So könnte das Landschaftsschutzgebiet unangetastet bleiben und die Menschen wären auch viel zentraler untergebracht.

Sie selbst wolle sich für die Flüchtlinge engagieren, wenn sie da sind. „Von mir aus könnte man sogar sagen, jeder nimmt zwei bei sich zu Hause auf.“ Einziges Interesse der Bürgerinitiative sei, das Zubetonieren geschützter Naturflächen zu verhindern. Die Befürchtung der Anwohner, dass mit einem Flüchtlingsheim am Museumsweg der Naturidylle für immer ein Ende gesetzt wird, kann Carsten Peters, Erster Gemeinderat von Rosengarten, allerdings zerstreuen. „Es ist nicht so, dass dann aus der Fläche automatisch Bauland wird. Dafür gibt es keinen Automatismus“, sagt Peters. Auch Johannes Freudewald, Sprecher des Landkreises Harburg, betont: Für das Areal hinter dem Museumsweg gebe es, wenn überhaupt, nur eine temporäre Befreiung aus dem Landschaftsschutz. Das heißt: Auch wenn der Investor eine Holzmodulbauweise plant, muss sie nach Ablauf der Frist zurückgebaut werden. „Es werden also keine Weichen für eine Nachnutzung gestellt“, sagt er. Für wie lange die Befreiung gelten kann, ist aber noch offen. Standard sei meistens ein Zeitrahmen von fünf Jahren, so Freudewald.

Der Investor glaubt: Die Initiative will Flüchtlinge nicht in der Nachbarschaft

„Die Leute glauben immer, dass man tun und lassen kann, was man will“, sagt der Investor Steffen Lücking. Zugleich empfindet er die Argumentation der Bürgerinitiative als scheinheilig. Für ihn sei klar: Die Bürgerinitiative schiebe Naturidylle und gefährdete Fledermäuse vor, wolle aber eigentlich nur eines verhindern: Dass Flüchtlinge zu ihren Nachbarn werden.

Er ist sich sicher: Die Zahl der Flüchtlinge wird weiter steigen. „Ich bin bereit, als Unternehmer etwas dafür zu tun, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen“, sagt er. „Bis zum Winter steht die Unterkunft“, versprach Lücking noch vor wenigen Tagen. Zu dem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass sich eine Bürgerinitiative gegen sein Vorhaben stemmt.

Jetzt ist die Politik in der Gemeinde Rosengarten gefragt. Zwar muss der Landkreis die Fläche vom Landschaftsschutzgebiet befreien, damit die Unterkunft entstehen kann. In Fragen der Flüchtlingsunterbringung ist es allerdings Usus, dass der Landkreis nichts gegen den ausdrücklichen Willen der Gemeinde unternimmt.

In einer nicht öffentlichen Sitzung des Verwaltungsausschusses am Donnerstag, 10. September, setzen sich die politischen Vertreter von Rosengarten zum ersten Mal mit dem Thema auseinander. „Bislang hat die Politik eine Bebauung an der Stelle kategorisch abgelehnt“, sagt der Erste Gemeinderat Carsten Peters. „Unter normalen Bedingungen würden wir uns damit auch gar nicht befassen“, sagt er. Doch nun ist die Welt eine andere. Eine, in der jede Woche 60 bis 70 Flüchtlinge vor Krieg und Elend fliehen und im Landkreis Harburg Schutz suchen.

Pro: K.o.-Argumente besser vermeiden

Der Landkreis Harburg ist, so wie ganz Deutschland, bei der Unterbringung von Flüchtlingen im Ausnahmezustand. Flexibel und unkompliziert muss jetzt nach Lösungen gesucht werden, wie den Menschen, die bei uns Schutz suchen, geholfen werden kann. Flexibilität in Notsituationen heißt aber nicht, dass in unserem Rechtsstaat alle Regeln des Zusammenlebens, die über Jahrzehnte gültig waren, über den Haufen geworfen werden können. Im Fall Vahrendorf sind das die Gesetze des Landschaftsschutzes.

Die Bürgerinitiative hat deshalb recht, wenn sie die Natur vor einer Bebauung schützen möchte, auch wenn Flüchtlinge in die Häuser einziehen sollen. Die Natur wäre unwiederbringlich zerstört, während die Häuser auch an einem anderen Standort, den es in Vahrendorf durchaus gibt, stehen können. Einzig darum geht es den Bürgern, die sich jetzt kritisch zu Wort melden.
Es ist ein K.o.-Argument zu sagen, dass der Naturschutz von ihnen nur vorgeschoben sei und sie in Wahrheit gegen Flüchtlinge kämpften. Dadurch werden Menschen leichtfertig in eine rechte Ecke gerückt, in der sie keinesfalls stehen.

Kontra: Wer sind wir, dass wir noch reden?

Die Leiche eines dreijährigen Kindes am Strand, gekenterte Boote im Mittelmeer, verzweifelte Menschen, die sich unter einem Stacheldraht hindurchquälen, um nach Europa zu gelangen. Jedes einzelne Bild sollte eigentlich ausreichen, um solchen Bürgerinitiativen wie die in Vahrendorf zum Schweigen zu bringen.

Diese Tragödien wiegen schwerer als eine Fledermaus oder eine Weinbergschnecke. In der aktuellen Notsituation sollte eine Befreiung einer Fläche aus einem Landschaftsschutzgebiet nicht nur möglich, sondern dringend geboten sein. Dass die Bürgerinitiative mit dem Finger auf andere Grundstücke zeigt – nach dem Motto: da ist es besser, da sollen sie hin – verlagert nur das Problem und bringt keine Lösung. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Bürgerinitiative eine Protestkultur pflegt, die sich auf einen Satz reduzieren lässt: Flüchtlinge sind willkommen, aber nicht vor meiner Haustür.