Harburg
Winsen/Tostedt

Neue Radschnellwege im Kreis Harburg angedacht

Pendler aus dem Süden müssen sich mit dem Auto oft durch stockenden Verkehr in Richtung Hamburg quälen. Den Weg auf dem Fahrrad in hohem Tempo zurückzulegen, kann eine echte Alternative sein

Pendler aus dem Süden müssen sich mit dem Auto oft durch stockenden Verkehr in Richtung Hamburg quälen. Den Weg auf dem Fahrrad in hohem Tempo zurückzulegen, kann eine echte Alternative sein

Foto: Jens Büttner / dpa

Die Metropolregion Hamburg lässt Velorouten von Tostedt uns Winsen nach Harburg prüfen. ADFC äußert massive Kritik am Zustand der Radwege.

Winsen/Tostedt. In den fahrradfreundlichen Nachbarländern Holland und Dänemark ist es ein gewohntes Bild: Anzugträger auf Fahrrädern, die im hohen Tempo breit angelegte Radschnellwege befahren und bis zu 15 Kilometer lange Strecken zum Büro zurücklegen.

Ein wunderbares Mittel für staugeplagte Berufspendler, verstopften Straßen zu entkommen. Jetzt denkt auch die Metropolregion Hamburg darüber nach, Radschnellwege vom Süden in die Stadt Hamburg führen zu lassen.

Erste Fahrradkorridore sollen in den nächsten Wochen geprüft werden. Zwei Strecken sind im Gespräch: von Winsen nach Harburg und von Tostedt nach Harburg. Auch im Norden sind Radschnellwege von Bad Oldesloe, Norderstedt und Elmshorn nach Hamburg angedacht. Insgesamt handelt es sich um fünf Beispielkorridore.

„Die Strecken sollen teilweise mit den Velorouten auf Hamburger Gebiet verknüpft werden“, sagt Marion Köhler, Pressesprecherin von der Geschäftsstelle der Metropolregion Hamburg.

Radschnellwege sollen zum Umstieg vom Auto auf das Fahrrad bewegen

Radschnellwege kommen einer Autobahn gleich. Experten glauben, dass sie Pendler dazu bewegen können, ihr Auto stehen zu lassen und zehn bis zwanzig Kilometer zur Arbeitsstelle lieber mit dem Fahrrad zurückzulegen.

„Die Erreichbarkeit von Wohnort und Arbeitsplatz mit Hilfe von Radschnellwegen kann um rund 30 Prozent verbessert werden“, sagt Marcus Peter vom Institut für Verkehrsplanung und Logistik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, das die wissenschaftlichen Daten für das Projekt geliefert hat.

In ihrer Planung hat die Metropolregion auf die Stadt Göttingen mit ihrem eRadschnellweg und auf den Radschnellweg Ruhr, der zehn Städte miteinander verbinden soll, geschielt. Zunächst hat die Metropolregion Hamburg untersucht, an welcher Strecke der insgesamt fünf denkbaren Routen die meisten Menschen auf dem Weg zum Arbeitsplatz, zum Bahnhof, zu Einkaufszentren und zum Wohnort von einem Radschnellweg profitieren würden.

Das Ergebnis: Die Strecken im Süden eignen sich offenbar weniger für einen Radschnellweg als die im Norden Hamburgs. Das deute sich bereits jetzt an, so Marion Köhler von der Metropolregion Hamburg.

ADFC Harburg zweifelt Realisierung der Rad-Autobahn im Süden an

Deshalb bezweifelt auch Karin Sager, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) im Kreisverband Harburg, dass die Einwohner im Süden eines Tages ohne Stau auf einer Rad-Autobahn Richtung Hamburg sausen können: „Die Chancen für den Süden stehen schlecht“, sagt Sager, die das Projekt mit dem sperrigen Titel „Regionale Erreichbarkeitsanalysen“ begleitet hat. „Wenn etwas passiert, dann eher Richtung Norderstedt“, ist sie überzeugt.

Einige Fahrradwege im Landkreis sind aufgebrochen und marode

Das treibt ihren Frust nur noch mehr nach oben. Seit sie ihren Posten im Frühjahr als Vorsitzende des ADFC Harburg angetreten hat, drängt sie den Landkreis, sich mehr für die Fahrradfahrer einzusetzen. Sie hat längst auf Missstände hingewiesen, will aufrütteln. „Aber es passiert einfach nichts. Man lässt hier die vorhandenen Fahrradwege einfach verrotten“, sagt sie.

Als Beispiele nennt sie etwa den Radweg an der Landesstraße 213 zwischen Hittfeld und Jesteburg und die Radstrecke von Karoxbostel nach Glüsingen. „Da ist der Radweg so hoch aufgebrochen, dass man ihn vielleicht noch auf einem Pferd nutzen kann, aber nicht mit dem Fahrrad. Das Potenzial, das der Süden für Fahrradfahrer hat, will man hier einfach nicht erkennen“, kritisiert Sager.

Auf 1500 Kilometern werden die Radwege auf ihren Zustand geprüft

Die ADFC-Chefin wohnt in Asendorf und besitzt seit zehn Jahren kein Auto mehr. Sie bewegt sich nur mit dem Fahrrad fort und hat festgestellt, dass verstärkt Schilder, die auf Gefahrenstellen auf den Radwegen hinweisen, aufgestellt werden. Forderungen an die Landkreisverwaltung und die Politik, die Schäden auf den Radwegen zu beseitigen, verhallen ungehört.

Der Sanierungsstau ist dem Landkreis bekannt. Zwar schickt Bernhard Frosdorfer, Pressesprecher im Landkreis Harburg, vorweg, dass es sich im Landkreis Harburg um ein leistungsfähiges und attraktives Radwegenetz handele, räumt aber ein, dass es einen Sanierungsbedarf gebe. „Es ist schon klar, dass wir noch mehr tun können, um fahrradfreundlicher zu werden und um die Verkehrssicherheit zu erhöhen“, sagt er.

Ein neues Radverkehrskonzept soll jetzt Abhilfe schaffen. Die politischen Vertreter im Kreistag hatten ein solches bereits 2014 eingefordert. Erste Eckpunkte stehen und wurden im Juni auf einer Fachtagung vorgestellt. Doch unterschiedliche Zuständigkeiten erschweren die Planung offenbar. „Es gibt viele Player, die auf dem Feld aktiv sind“, sagt Frosdorfer.

Mal sind Städte oder Gemeinden Baulastträger, mal der Landkreis und dann wieder das Land Niedersachsen oder Tourismusverbände. Jetzt sollen erstmal die Radwegeverbindungen auf ihren Zustand und konkrete Mängel geprüft werden. Dafür schwingen sich die Verantwortlichen aufs Rad und fahren insgesamt 1500 Kilometern ab.

Im Anschluss gibt es Fachworkshops, um dann Maßnahmen abzuleiten. Schätzungsweise Ende des Jahres soll das rund 100.000 Euro teure Radverkehrskonzept stehen.