Harburg
18 Jahre hinterm Tresen

Ein Harburger Kiosk als Schule des Lebens

Ibrahim Batal war 25 Jahre lang der gute Geist in dem Kiosk

Ibrahim Batal war 25 Jahre lang der gute Geist in dem Kiosk

Foto: Susanne Rahlf / HA

Als er im August 1998 den kleinen Laden übernahm, ahnte der gebürtige Anatolier noch nicht, worauf er sich eingelassen hatte

Harburg.  Zwei Jahre hätten nur noch gefehlt, dann hätte Ibrahim Batal , den hier jeder nur als Ibo kennt, die 20 Jahre voll gehabt. Doch nun sind es „nur“ 18 Jahre geworden, die der 52-Jährige, fast jeden Tag, von Montag bis Sonntag für seine Kunden im Kiosk am Harburger Rathausplatz da war. Als er im August 1998 den kleinen Laden übernahm, ahnte der gebürtige Anatolier noch nicht, worauf er sich eingelassen hatte. Denn das Klientel, das Tag für Tag in seinem Laden vorbeischaute, war genauso bunt gemischt, wie der Stadtteil Harburg nun mal ist. Bänker, Anwälte, Ärzte und Journalisten trafen bei ihm auf Arbeiter, Handwerker, Patienten aus den umliegenden Praxen. Aber auch die Stammkundschaft vom Rathausplatz, Alkoholiker und Junkies deckten sich bei Ibo mit allem ein, was sie brauchten.

Ein Zeitungsständer vor der Tür mit frischen Ausgaben der Tagespresse aus ganz Europa von Hürriyet über Le Monde bis hin zum Hamburger Abendblatt kündet jeden Morgen davon, dass der Laden geöffnet ist. An zwei Stehtischen stehen schon früh morgens die Kunden auf einen Kaffee und eine Kippe. Seitdem Ibo nicht mehr selbst hinter der Theke steht, kommt er öfter vorbei, zum Plaudern. Fast jeder, der vorbeikommt, bleibt kurz stehen und fragt ihn nach dem Befinden. Denn seine Gesundheit hat in der langen Zeit im Kiosk gelitten. Nach zwei Herzinfarkten musste Ibo einsehen, dass es nicht mehr geht. Er ist froh, dass sein Nachfolger Ramo Schach den Laden in seinem Sinne weiter führt. Mit einem freundlichen Lächeln und einem offenen Ohr für die Sorgen und Freuden der Kunden. Viele kommen jeden Tag vorbei, da lernt man sich mit der Zeit kennen.

Einfach waren die Jahre für den sechsfachen Familienvater nie. Wobei er sich vor allem an die Anfangszeiten nur ungern erinnert: „Die Händler in der Umgebung dachten: Ein Türke in einem Kiosk? Der kann ja nur Drogen verkaufen!“ Als sie begriffen hatten, dass der kleine freundliche Mann nur auf ehrliche Art den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdienen wollte, entspannte sich die Lage.

Anfangs war das Sortiment ein ganz anderes: „Das war hier ein Kitschladen, mit künstlichen Blumen und Dekokram“, erinnert sich Ibo. Dann aber fragten Kunden immer öfter nach Zigaretten, Süßigkeiten, Getränken und belegten Brötchen – und so wurde aus dem Kitschladen ein Kiosk. Für ihn war die Selbstständigkeit ein Sprung ins eiskalte Wasser: „Ich hatte überhaupt keine kaufmännische Erfahrung.“ Mit 14 Jahren kam er mit seinem Vater aus der mittelanatolischen Stadt Sivas nach Deutschland. Nach dem Schulabschluss machte Ibo eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer. Als der Ende der 90er-Jahre den Laden am Harburger Rathausplatz entdeckte, lockte die Selbstständigkeit als Alternative zu seinem Handwerksberuf: „Ich dachte, vielleicht werde ich dadurch glücklicher und reicher“, schmunzelt er.

Die hohe Miete für das kleine Geschäft schreckte ihn nicht. Wie viel Arbeit es bedeutete, die Kosten für den Laden hereinzuholen und die große Familie über die Runden zu bringen, das stellte er erst später fest. Jeden Tag in der Woche klingelte um drei Uhr morgens der Wecker, jeden Abend schloss Ibo das Geschäft um 22 Uhr ab. Ein Leben, dass sich hinter der Theke abspielte, von Frau und Kindern hatte der Familienvater nie viel. „Ich habe 12 Jahre lang nicht einmal Urlaub gemacht“, erzählt Ibo bei einem Kaffee am Stehtisch vor der Tür.

Besonders geschätzt hat er immer die Gespräche mit den Menschen: „Viele wurden zu Bekannten und Freunden.“ In den Jahren hat er aber auch viele Kunden vom Rathausplatz kennen gelernt, die schon gegangen sind: „Bestimmt 50 Leute aus der Trinker und Junkieszene hier sind inzwischen tot“, erzählt Ibo. Alle hat er bedient, dieser Teil der Kundschaft hat es ihm nicht immer leicht gemacht: „Einer kam mal rein und sagte, Ibo, ich kann dich nicht mehr beklauen.“ Da verstand er auf einmal, wieso die Trinker und Junkies im Sommer immer so dicke Mäntel trugen: „Zwei Flaschen Bier haben sie bezahlt, sechs unter die Kleidung gesteckt“, sagt er lapidar.

Er selbst war da lange sehr naiv. Zum Glück gab es auch Stammkunden, die es gut mit ihm meinten. Der treueste von ihnen war Lothar, ein angegrauter Herr mit wachen Augen, der 14 Jahre lang fast jeden Tag vorbei kam, ihm Tipps und Ratschläge gab, wenn Ibo selbst mal wieder nur das Gute im Menschen sehen wollte.

Die Arbeiter und Angestellten am Morgen, die Mütter und Rentner am Vormittag, aber auch die Trinker, die erst am Nachmittag kamen und oft anstrengend waren – gemocht hat der freundliche Kioskbesitzer vom Rathausplatz die meisten seiner Kunden: „Wir sind alle Menschen“, war immer sein Credo.

Reich geworden ist Ibo nicht in all den Jahren definitiv nicht. Die Herzkrankheit und Umsatzrückgänge zwangen ihn dazu, das Geschäft abzugeben: „Ich hatte keine Kraft mehr für meine Kunden.“ Sein Nachfolger hat wieder Schwung in den Laden gebracht. Alles ist schicker und moderner geworden. Ibo schaut gern vorbei, endlich kann er am Stehtisch vor der Tür in Ruhe seinen Kaffee trinken.