Harburg
Wirtschafsförderung

Das Ziel: Mehr Arbeitsplätze im Landkreis Harburg

WLH Gewerbegebiet Hollenstedt

WLH Gewerbegebiet Hollenstedt

Foto: WLH / HA

Seit 16 Jahren entwickelt und vermarktet die WLH Gewerbegebiete – warum sie für die Zukunft der Region unverzichtbar sind

Buchholz. Wenn der WLH-Geschäftsführer Wilfried Seyer sagt: „Es gibt kein Recht auf Idylle.“ – und diesen Satz sagt er oft – zuckt der Landkreis-Harburg-Bewohner erstmal zusammen. Ist es nicht die Nähe zur Natur, die Heide, die Wälder, die endlos scheinenden Felder, die intakten Dörfer, die seinen Charakter ausmachen? Hat er nicht genau deswegen der Großstadt den Rücken gekehrt? Hat er – und damit hat er auch strukturelle Probleme im Landkreis geschaffen, die die Wirtschaftsförderungsgesellschaft seit nunmehr 16 Jahren zu beseitigen anstrebt.

Ein paar Zahlen: Im Landkreis Harburg liegt der Anteil der Arbeitsplätze im Verhältnis zur Einwohnerzahl bei 19 Prozent – der Landesdurchschnitt sind 30 Prozent. Selbst strukturschwache Regionen wie die Landkreise Uelzen und Lüchow-Dannenberg stehen mit 25 beziehungsweise 23 Prozent besser da. Denn auch wenn der Harburger Landbewohner die Stadt nicht bewohnt – er kehrt zum Arbeiten dorthin zurück. Somit fehlen im Landkreis, der rund 240.000 Einwohner zählt, rund 25.000 Arbeitsplätze. 60.000 Bewohner pendeln aus. „Wir können die Versäumnisse der Vergangenheit nicht aufholen, wir können nur das Delta von Einpendlern und Auspendlern verändern“, sagt Seyer.

Zweimal hat sich seit dem Krieg die Einwohnerzahl im Landkreis verdoppelt. Zunächst, weil viele Hamburger ausgebombt worden waren, später, weil es bessere Verkehrsanbindungen – besonders der Elbtunnel – es ihnen leicht machten. Raus ins Grüne. Die Arbeit blieb in der Stadt. Die Umlandgemeinden florierten dank der hohen Einkommensteuereinnahmen. Die Kehrseite der Medaille: Ein großer Teil des Geldes, das die Landkreisbewohner in Hamburg verdienen, geben sie dort auch aus. „Wenn der Kopf in der Stadt ist, geht er dort auch gleich zum Friseur“, sagt Seyer.

Doch Lebensqualität hat auch etwas mit Infrastruktur vor Ort zu tun. Eine Vielfalt an Geschäften, Verkehrswege, Schulen, Freizeiteinrichtungen. Oder damit, dass die Feuerwehr auch tagsüber Brände löschen kann, weil die freiwilligen Retter am Wohnort erreichbar sind.

Die WLH arbeitet seit gut 16 Jahren daran, Unternehmen im Landkreis anzusiedeln, indem sie Gewerbegebiete entwickelt. Zugleich fördert sie Existenzgründer mit Beratungsdienstleistungen und – seit Fertigstellung des ISI Businesszentrums – auch mit Büro- und Werkräumen. „Inzwischen haben aber auch andere Institutionen, zum Beispiel die Handelskammer, Angebote für Existenzgründer. Wir konzentrieren uns daher auf Innovation und Technologietransfer“, sagt Seyer. Bedeutet etwa, dass die WLH mit dem Technologiezentrum Elbe-Weser (TZEW) zusammenarbeitet. Es bringt Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen. Dort angesiedelt ist auch ARTIE, die Arbeitsgemeinschaft Technologie- und Innovationsförderung Elbe-Weser-Region. Deren Innovationspreis ging jüngst an die Firma Service Drone, die im ISI Businesszentrum ansässig ist und dort ihre ferngesteuerten Fluggeräte herstellt.

Der demografische Wandel wird jedoch auch den gutsituierten Landkreis Harburg vor neue Herausforderungen stellen. „Die Einkommensteuereinnahmen werden zurückgehen. Zum einen, weil die Zahl der Einwohner insgesamt schrumpft – und das nicht nur bei uns – und zum anderen, weil der Anteil der Rentner steigt“, sagt Seyer. Somit können die Kommunen nicht mehr nur auf Zuzug setzen, sondern sie müssen weitere Einnahmequellen haben. Und weil die Fixkosten der Daseinsvorsorge sonst von immer weniger Bürgern getragen werden müssten. „Der Personalaufwand beim Klärwerk bleibt gleich, aber Duschen würde dann teurer“, erklärt es Seyer an einem plastischen Beispiel. „Auf Sonderzuweisungen von Bund oder Land allein zu setzen, reicht deswegen nicht. Gewerbesteuereinnahmen werden immer wichtiger.“

„Unsere Gewerbegebiete sind Markenprodukte“, betont Seyer. Dazu zählt nicht nur, dass Glasfaser verlegt wird, sondern auch, dass der Pflegeaufwand für die Kommunen gering gehalten wird. Begrünung etwa soll nicht an den öffentlichen Wegen, sondern auf den Grundstücken angepflanzt werden. In Hollenstedt, Kakenstorf, Egestorf, Hanstedt, Stelle, Wennerstorf, Marxen, Hittfeld, Salzhausen und Winsen, werden und wurden von der WLH Gewerbegebiete mit 130 Hektar entwickelt.

„Wir werden auch in Zukunft Gewerbegebiete entwickeln“, erklärt Seyer. Vor Gründung der WLH wurden Gewerbeflächen nachfrageorientiert ausgewiesen, inzwischen angebotsorien-tiert. „Wir haben schon wieder zu wenig Fläche“, sagt der WLH-Chef, klingt dabei aber alles andere als resigniert. Eher hoch motiviert. Potenzial gebe es in Tangendorf/Thieshope, in Arbeit seien Winsen, Hittfeld und Bispingen, erstes Engagement der WLH außerhalb des Landkreises Harburg.

Ein Problem ist damit noch ungelöst: Wer baut, muss auch ökologischen Ausgleich schaffen. „Es kann aber nicht sein, dass die Ausgleichsflächen vor allem zulasten der Landwirtschaft gehen“, sagt Seyer. Es müsste daher auch die Möglichkeit geschaffen werden, Ausgleichsmaßnahmen nicht nur nach Fläche, sondern auch nach Qualität zu bemessen, zum Beispiel beim Arten- oder Gewässerschutz, und vorzugsweise in der Nähe des erfolgten Eingriffs. Die WLH kooperiert darüber hinaus mit der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen: Zusammen haben sie ein Zertifikat für Gewerbegebiete entwickelt. Kriterien sind zum Beispiel Lärm- und Emissionsschutz, Energieeffizienz, aber auch die Anbindung zur jeweiligen Gemeinde. „Das Gewerbegebiet soll ein normaler Ortsteil sein, nicht irgendwas da draußen. Im besten Fall sind sie ein Ort mit Aufenthaltsqualität. Man geht dort auch mal mit dem Hund spazieren.“

Inzwischen hätten sich die Landkreisbewohner nicht nur an Gewerbegebiete gewöhnt, sondern erkannt, dass sie zum Imagegewinn beitragen. Vom Provinznest zum „Local Hero“. Egestorf etwa verzeichnet erstmals seit Jahren wieder einen Bevölkerungsanstieg, die örtlichen Geschäfte, aber auch die Gastronomie, machen mehr Umsatz. „Mit Sicherheit hat das Gewerbegebiet zur Aufwertung des Ortes beigetragen“, so Wilfried Seyers Fazit. Der Idylle hat’s offensichtlich nicht geschadet.