Harburg
Phänomen im Rosengarten

Ein Landwirt, der nicht aufs Feld will

Den Mähdrescher könnte Christian Backhaus

Den Mähdrescher könnte Christian Backhaus

Foto: Christiane Tauer / HA

Christian Backhaus aus Nenndorf hat den Betrieb der Eltern übernommen, aber die Arbeit erledigt ein Lohnunternehmen für ihn

Nenndorf.  Das Mähdreschen war nicht seine Sache. Für Christian Backhaus war klar, dass er kein Landwirt werden wollte. Aber den Hof aufgeben? Nein, das wollte der Nenndorfer auch nicht. Als sein Vater, ein Vollerwerbslandwirt, 1994 starb, stand Christian Backhaus vor der Frage, die in vielen Landwirtsfamilien ansteht, wenn die ältere Generation abtritt und die jüngere eigentlich ranmüsste. Weitermachen oder aufhören?

Der heute 48-Jährige entschied sich für einen Mittelweg, bei dem der Hof zwar nicht aufgegeben, aber trotzdem nicht mehr von ihm bewirtschaftet wird. Er schloss mit dem Lohnunternehmen Heinrich Hauschild aus Nenndorf einen sogenannten Komplettbewirtschaftungsvertrag, nachdem er zuvor mit seinem Nachbarn kooperiert hatte.

Für Backhaus hat das gleich mehrere Vorteile: Er braucht sich nicht vom Grund und Boden seiner Familie lösen, muss aber auch nicht selbst aufs Feld. Stattdessen kann er als Elektrotechniker in Hamburg arbeiten und von einem sicheren Einkommen profitieren, ohne komplett vom Ernteergebnis abhängig zu sein. „Vor allem im Hamburger Speckgürtel wird dieses Modell immer stärker nachgefragt“, sagt Gerd Ropers, Betriebsleiter Landwirtschaft bei Hauschild.

Das Modell sieht so aus, dass Hauschild als Dienstleister die Arbeit auf den Äckern übernimmt, bei Backhaus sind das 65 Hektar mit Weizen, Gerste, Zuckerrüben und Raps. Insgesamt hat das Unternehmen Verträge mit sieben Landwirten abgeschlossen – darunter auch einige pferdehaltende Betriebe – und bewirtschaftet zusammengerechnet 200 Hektar. Dazu kommen noch 450 Hektar eigene Landwirtschaft. „Wir bündeln Betriebsmittel und Arbeitseinsatz“, erklärt Ropers. Dadurch kommt ein Einspareffekt zustande, den Hauschild an die Kunden weitergibt.

Eine Gewinn- oder Verlustbeteiligung gibt es aber nicht, sonst wäre der Landwirt am Ende nur ein Scheinselbstständiger. Backhaus zum Beispiel muss die Bürokratie selbst erledigen, ebenso die Lagerung der Ernte und den Verkauf. „Wir bezahlen das Lohnunternehmen aus dem Gewinn heraus, den wir erwirtschaften“, sagt er. Doch auch für ihn bleibt etwas übrig, obwohl er natürlich weiß, dass der Gewinn eines Landwirts zum Großteil vom Wetter abhängt. Ein Risiko bleibt also immer.

Das Wetter ist auch der große Unsicherheitsfaktor für das Lohnunternehmen bei der Planung seiner Einsätze. „Wir versuchen natürlich immer, das Getreide aller Kunden trocken zu dreschen“, sagt Ropers. 20 bis 30 Prozent müssten in der Regel aber letztlich doch getrocknet werden, das Wetter ist nunmal nicht hundertprozentig berechenbar und der Zeitpunkt nicht unendlich verschiebbar. Zwar versucht das Lohnunternehmen, eine Reihenfolge festzulegen. Doch weil beispielsweise der Weizen langsamer trocknet als etwa Raps, kann schon mal ein Rapsfeld um einen Tag nach vorne rücken, damit die Maschinen ausgelastet sind.

„Natürlich gibt es unter den Landwirten oft Diskussionen, wer dran ist“, räumt Ropers ein. Am Ende sei man aber eine Solidargemeinschaft, und außerdem müsse man die Ernteergebnisse immer über die Jahre verteilt sehen. „Dass einer jedes Jahr nassen Weizen hat, geht nicht.“

Doch nicht nur die Ernte ist heikel. Auch die Pflanzenschutzmaßnahmen sind ein absolutes Tagesgeschäft und erfordern eine genaue Koordination. „Bei Regen oder Wind braucht man gar nicht losfahren“, sagt Ropers. Insgesamt könne man sagen, dass man für Getreide bis zu 17 Mal im Jahr aufs Feld müsse, und zwar drei bis vier Mal für die Bodenbearbeitung, einmal für die Aussaat, sechs Mal für Pflanzenschutzmaßnahmen – dabei handelt es sich jeweils nur um Kleinstmengen, um die Umweltbelastung möglichst gering zu halten –, fünf Mal für die Düngung und einmal für die Ernte. All das muss das Lohnunternehmen für sieben Kunden und seinen eigenen Betrieb koordinieren.

Trotzdem sagt Ropers: „Mit unserem jetzigen Maschinenpark könnten wir noch zehn Prozent mehr leisten, um die meisten Tätigkeiten im optimalen Zeitfenster zu erledigen.“ Er müsste dann noch mehr Kunden wie Christian Backhaus gewinnen, die sich nicht von der elterlichen Scholle, aber ebenso wenig von ihrer festen Arbeitsstelle trennen wollen.

Die Landwirte dürften wohl vor allem aus dem Raum Rosengarten kommen, denn laut Ulrich Peper von der Außenstelle Buchholz der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist die Übertragung eines kompletten Betriebs auf ein Lohnunternehmen ein sehr regionales Phänomen. Hauptgrund: Der Boden in Rosengarten ist im Vergleich zum restlichen Landkreis um ein Vielfaches besser. Die Erträge fallen höher aus, dadurch kann sich ein Landwirt die Fremdbewirtschaftung finanziell erlauben.

Ansonsten lagert der Großteil der 950 Landwirtschaftsbetriebe im Landkreis – 430 davon sind im Haupterwerb geführt – nur einzelne Arbeiten wie etwa das Mähdreschen an Lohnunternehmen aus oder ist im Maschinenring organisiert, bei dem Maschinen geteilt werden. „Ein Mähdrescher ist so teuer wie ein Haus, das könnten sich Landwirte üblicherweise gar nicht leisten“, sagt Peper.