Harburg
Landgasthof

Familie Schmanns dreht in Horst das große Rad

Serie „So schmeckt der Norden“ im Bereich Harburg Restaurant Horster Mühle. Maik Schmanns (37), Jörn Schmanns (35), Silja Schmanns (8), Wilhelm Schmanns (61)

Serie „So schmeckt der Norden“ im Bereich Harburg Restaurant Horster Mühle. Maik Schmanns (37), Jörn Schmanns (35), Silja Schmanns (8), Wilhelm Schmanns (61)

Foto: Marcelo Hernandez

Seit fünf Generationen gibt es Gastronomie in der Mühle. Und die sechste steht in den Startlöchern

Horst.  Das große Wasserrad dreht sich unaufhörlich. Befördert von der Strömung, durchpflügen die Schaufeln endlos kreisend die Seeve. Man hört dumpfes Stampfen und das Rauschen des Wassers, das gleich daneben schäumend über das Wehr schießt. Unterhalb der Barriere erweitert sich der Heidefluss zu einem seichten Becken.
Die Hosenbeine bis zum Knie aufgekrempelt, waten Jungen und Mädchen auf sandigem Grund durchs kühle Nass. Die Horster Mühle ist eine Attraktion – ganz besonders für Kinder.

Die zehn Jahre alte Fina Schmanns und ihre jüngeren Schwestern gönnen dem Spektakel keinerlei Aufmerksamkeit. Schließlich leben sie hier wie Generationen vor ihnen. Seit 1888 dreht sich für ihre Familie alles um die Mühle. Und um Gastronomie. Schon Ur-Ur-Ur-Großvater Heinrich hatte Kutscher mit Bier und Stullen bewirtet, während die darauf warteten, dass Korn gemahlen und Tierfutter geschrotet wurden.

Seit fünf Generationen gibt esGastronomie in der Mühle

Anstatt des Wassers treibt die Mühle heute ein Generator an. Und anstatt Bauern genießen Ausflügler und Festgesellschaften bei Grützwurst und Wiener Schnitzel den romantischen Ausblick auf Fluss, knorrige Bäume und grüne Wiesen. Die Horster Mühle läuft wie geschmiert, im doppelten Sinne.

Die Gaststätte floriert. Zweifellos profitiert sie von ihrer idyllischen Lage. Aber noch entscheidender für den Erfolg sind die schmackhafte gutbürgerliche Küche und die persönliche Einsatzbereitschaft der Inhaber-Familie. Fina Schmanns wohnt direkt über der Gaststube und erlebt täglich hautnah, was es bedeutet, ein Restaurant zu betreiben. Sie sieht, wie hart ihr Vater, Onkel Maik und Opa Wilhelm arbeiten. Weiß nur zu gut um die Schwierigkeit, Job und Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Trotzdem: Sie wünscht sich, später einmal zum eingeschworenen Mühlen-Team zu gehören. Schon jetzt ist es für sie und ihre Schwester Silja, 8, das Größte, beim Servieren helfen zu dürfen.

Finas Vater Jörn Schmanns, 34, ist Bäcker und für Service, Veranstaltungen und Vermietung der Räumlichkeiten zuständig. Das Regiment in der Küche führt sein älterer Bruder Maik, ein gelernter Koch. Zu den begehrten Mühlenspezialitäten gehört seit jeher vor allem Deftiges: Sülze oder hausgeräucherter Schinken mit Bratkartoffeln, Labskaus mit Spiegeleiern und Matjesrolle, zartrosa Roastbeef mit Remoulade. Maik hat die althergebrachten Familien-Rezepte von seiner Mutter übernommen und behutsam verfeinert. Die Speisekarte erweiterte er mit Fisch und mediterranen Gerichten. Wenn er nicht einkauft oder am Herd steht, wacht der studierte Betriebswirt über die Finanzen.

Es sei wichtig, dass es für jeden Bereich einen Chef gibt, finden beide Brüder. Und es sei entscheidend, dass sich niemand scheut, anzupacken, wo Not am Mann ist. „Wir machen bei Bedarf auch den Abwasch oder fegen den Saal.“ Diese vorbildliche Einstellung beeindruckt das Personal. Jedes einzelne Teammitglied ist bereit, sich voll einzusetzen. Auch Vater Wilhelm unterstützt seine Söhne nach Kräften. Er ist die Seele des Geschäfts, seit Jahrzehnten bei den Stammgästen bekannt und beliebt. Der 60-Jährige sorgt für Unterhaltung, schafft vertraute Atmosphäre.

Er und seine Frau Inge haben den gastronomischen Teil des Unternehmens Stück für Stück vorangebracht. So konnte stetig reduziert und schließlich ganz aufgegeben werden, was über lange Zeit Haupteinnahmequelle gewesen war: Müllerei und Landwirtschaft. Bis 1980 standen noch Kühe und Schweine im Stall. Anfang der 1990er -Jahre ließ Wilhelm Schmanns ein Backhaus mit Steinbackofen nach historischem Vorbild errichten und an der wasserseitigen Gebäudefront einen großen Wintergarten anbauen. Beides erwies sich als Publikumsmagnet. Damals musste die Familie erstmals „fremde“ Hilfskräfte einstellen. „Vorher hatten stets Oma und Opa, Onkel und Tanten ausgeholfen, wenn Not am Mann war“, sagen die Brüder Schmanns.

Der Ausbau des Kuhstalls brachtefür das Gasthaus den Durchbruch

Den Durchbruch brachte der Ausbau des Kuhstalls. Die urige Location mit separatem Eingang ist beliebt, zumal eine riesige Markise bei Bedarf auch den Hof überdacht. So kann bei jedem Wetter draußen gegrillt werden. Der Kuhstall ist mittlerweile jedes Wochenende an mindestens einem, wenn nicht an zwei oder gar drei Tagen für Hochzeiten, Geburtstage oder Jubiläen gebucht. Wahre Kultveranstaltungen sind die großen Haxenessen, eine urige Kombination aus krossem Schwein, bayerischem Bier und Südtiroler Live-Musik. Auch die Mühlenfeste unter freiem Himmel sind Publikumsmagneten.

Für die Gäste ist die Horster Mühle nostalgisches Paradies. Für die Inhaber ist sie Lebensaufgabe. Bewirtschaftung und Erhalt des großen Anwesens kosten Zeit, Tatkraft und Investitionen. „Das Haupthaus stammt von 1936. Da besteht großer Renovierungsbedarf. Reich werden wir damit nicht“, sagen Jörn und Maik Schmanns. Einen für Gastronomen besonderen Luxus gönnen sich die Familienväter trotzdem: Zwei Ruhetage pro Woche und zwei Wochen Betriebsferien. Und zwar jetzt, in den Sommerferien. Noch bis einschließlich 19. August bleibt das Lokal geschlossen. Denn gemeinsame Freizeit ist wichtig. So unverzichtbar wie vorübergehendes Aussteigen aus dem Hamsterrad des Alltags. Für die Elternpaare, für die Kinder, für den Zusammenhalt der Großfamilie. Damit die Horster Mühle läuft, braucht es eben doch mehr als nur Wasserkraft.

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