Harburg
Eißendorfer begehren auf

Widerstand gegen Bauprojekt wächst

Anlieger des Grundstücks Bremer Straße protestieren gegen das Wohnungsbauprojekt auf dem Grundstück an der Bremer Straße 195 (v.l.) Heinrich Benecke, Johann Jung, Hanna Greve und Ines Cramme

Anlieger des Grundstücks Bremer Straße protestieren gegen das Wohnungsbauprojekt auf dem Grundstück an der Bremer Straße 195 (v.l.) Heinrich Benecke, Johann Jung, Hanna Greve und Ines Cramme

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Anwohner wollen den Neubau von drei Wohnblöcken auf dem Lidl-Gelände an der Bremer Straße verhindern. Vor vier Jahren war es ihnen schon einmal gelungen.

Eißendorf.  Seit Mitte Juli ist es mit der Ruhe in der beschaulichen Wohnanlage am Rande der großen Lidl-Filiale an der Bremer Straße 195 vorbei. Mit einem amtlichen Schreiben des Bezirksamtes Harburg wurden 26 Anwohner darüber informiert, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein neues Einfamilienhaus mit 25 Wohneinheiten entstehen soll. Dagegen regt sich Widerstand. Denn das geplante Projekt steht nicht im Einklang mit jenen Anforderungen, die im Bebauungsplan Eißendorf 15 fixiert sind.

„Der B-Plan sieht vor, dass hier vorrangig nur Einzel- und Doppelhäuser mit jeweils nicht mehr als zwei Wohnungen je Gebäude entstehen dürfen, damit der Einfamilienhaus-Charakter des Wohngebietes erhalten bleibt“, begründet Hartmut Pielot seinen Einspruch. Damit es nicht zu Verschattungen angrenzender Häuser komme, dürften Baukörper nicht mehr als zwei Geschosse haben.

Beantragt wurden vom Bauherrn, dem Bremer Straße Immo Projekt, im Auftrag des Grundstückseigners, der Lidl Dienstleistungs-GmbH, unterdessen drei Vollgeschosse plus Staffelgeschoss, was de facto auf vier Etagen hinausläuft. Dazu durften sich die Anrainer im Zuge der sogenannten „Nachbarbeteiligung“ innerhalb einer Zweiwochenfrist ab Zugang des Schreibens äußern.

Einwände erhoben hatten bis Mitte dieser Woche laut Bauprüfabteilung sechs Anlieger. Die Chancen auf Erfolg sind unterdessen gering. Das Bezirksamt teilte auf Abendblatt-Anfrage mit, die beantragten planungsrechtlichen Befreiungen seien städtebaulich durchaus vertretbar: „Die Grundzüge der Planung werden nicht berührt.

Das Gebäude fügt sich in seiner Höhenentwicklung in die nähere Umgebung ein und in direkter Nachbarschaft befinden sich bereits dreigeschossige Wohngebäude.“

Das sei zwar zutreffend, sagt Anwohnerin Ines Cramme, aber eigentlich nur direkt entlang der Bremer Straße. „Der Neubau soll jedoch praktisch im Hinterland entstehen. Und da galten bislang andere Regeln“, so Cramme.

Dubios sei aus ihrer Sicht überdies, dass die Anwohner nur über die Errichtung eines Baukörpers informiert wurden, obwohl auf dem besagten Grundstück tatsächlich drei neue Wohnblocks mit insgesamt 58 Wohneinheiten entstehen sollen.

Anrainer der Straße am Dahlenholzmüssen nicht mehr beteiligt werden

Das bestätigte das Bezirksamt. Allerdings mit dem Hinweis darauf, die anderen beiden Baukörper für den südlichen Teil des Terrains seien von der Geschosshöhe her planungsrechtlich konform. Weshalb sämtliche Anrainer von Grundstücken der südlich gelegenen Straße am Dahlenholz nicht beteiligt werden müssten und folglich auch kein Einspruchsrecht hätten.

Dr. Godehard Cordes, dessen Grund und Boden unmittelbar an das Neubau-Terrain grenzt, bezeichnet das als „Winkeladvokatie“. Seinen Informationen zufolge soll das noch brachliegende Grundstück auch noch geteilt werden, um somit jegliche juristische Einspruchsmöglichkeiten auszuschließen. Schließlich hätte es vier Jahre zuvor auch schon Streit um dieses Bauvorhaben gegeben. Und es sei letztlich nicht realisiert worden.

Seinerzeit waren erst zwei Wohnhäuser mit 40 Wohneinheiten beantragt worden, von denen eines drei Vollgeschosse haben sollte. Nach massiven Einsprüchen war laut Bezirksamt im Januar 2012 ein Vorbescheid für ein Wohngebäude mit 37 Wohneinheiten ohne planungsrechtliche Abweichungen ergangen.

Überdies existiere eine noch immer gültige Baugenehmigung vom 18. Dezember 2012 für die Errichtung eines Geschosswohnungsbaus mit 40 Wohneinheiten und 32 Parkplätzen. Warum er nie umgesetzt wurde, sei jedoch nicht bekannt.

Als problematisch erwiesen hatten sich damals auch die Resultate von Bodenluftmessungen, die im Jahr 2010 eine deutlich erhöhte Kohlendioxidkonzentration und Schwermetallbelastung ergeben hatte.

Wie das Bezirksamt die Lidl Dienstleistungs GmbH mit Schreiben vom 24. Januar 2012 wissen ließ, hätte auf dem Grundstück in den 30er-Jahren „eine Mergelgrube mit Bauschutt, Aschen, Schlacken und Hausmüll existiert. Deshalb dürften auf dem Grundstück auch „keine großflächigen Versiegelungsmaßnahmen vorgenommen werden“.

Laut Bezirksamt hat sich an den Ausdünstungen prinzipiell nichts geändert. Allerdings begründet sie sie heute mit dem „Abbau organischer Bestandteile“ in den Weichschichten des ehemaligen Urstromtals der Elbe. Diese Bodenluftbelastung stehe einer Bebauung des Areals grundsätzlich jedoch nicht im Wege. Nur müssten die Baukörper im konkreten Fall auf Betonpfähle gestellt und teilweise „freischwebend“ auf Stelzen über der Geländeoberfläche errichtet werden.

Der Zwang zum ebenerdigen Bau hat überdies zur Folge, dass es keine Tiefgarage und damit auch kaum ausreichende Parkflächen für die voraussichtlich mehr als 100 neuen Bewohner geben wird. Die aktuellen Planungen sehen gerade einmal 25 Stellplätze vor. „Das halten wir für vollkommen unzureichend.

Die Parkplatzsituation im Umfeld ist ohnehin schon sehr angespannt“, sagt Anwohnerin Hanna Greve. Deshalb sei umso unverständlicher, dass jetzt auch noch deutlich mehr Wohneinheiten geschaffen werden sollen, als vor vier Jahren.

Seit zwei Wochen sind bereitsErschließungsarbeiten im Gange

Erhebliche Zweifel an einer fairen Nachbarbeteiligung treiben die Anrainer auch deshalb um, weil auf der Brache bereits seit 14 Tagen Erschließungsarbeiten im Gange sind. „Teilweise bis 21 Uhr wurde dort mit schwerem Gerät gearbeitet“, berichtet Johann Jung und fragt, ob da etwa schon Entscheidungen gefallen seien, während der Beteiligungsprozess noch laufe. „Es gibt noch keinen Baubeginn, das Grundstück wird lediglich vom noch vorhanden Schutt befreit“, ließ Bezirksamtssprecherin Bettina Maak auf Abendblatt-Nachfrage wissen.

„Das ist, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit“, sagt Johann Jung: „Es wurde massenweise Muttererde aufgefahren und am südöstlichen Rand des Baugrundstücks ein gut fünf Meter hoher Erdwall aufgeschüttet. So etwas macht man doch nur, wenn man sich seiner Sache sehr sicher ist.“