Harburg
Erlebnissbericht

Deutsche Bürokratie – „Zustände wie in Indien“

Auf seinen Termin zur Zulassung hätte Marc Albano drei Wochen warten müssen

Auf seinen Termin zur Zulassung hätte Marc Albano drei Wochen warten müssen

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Marc Albano hat versucht, in Harburg sein Auto zuzulassen. Ein Erfahrungsbericht aus der realen Welt deutscher Bürokratie.

Ärger mit Behörden hat fast jeder schon einmal gehabt. Marc Albano wollte seine Erlebnisse mit anderen teilen und hat uns ausführlich geschildert, was ihm beim Versuch, ein Auto zuzulassen, widerfahren ist. Hier sein sehr persönlicher Erfahrungsbericht. Deutschland verändert sich. Hamburg auch. Und bald soll es mit Olympia ganz herrlich werde. Aber wie schmerzhaft ist dann der Absturz in die häßliche, niedere Realität unserer Stadt, wenn man einmal eine einfache, kleine, amtliche Dienstleistung erledigt haben möchte. Zum Beispiel die Anmeldung eines neu gekauften Autos. Hingehen, Papiere abgeben, Schilder besorgen, stempeln lassen, fertig. So war es lange Zeit und so ist es vermutlich auch überall sonst in der Republik. Dafür nimmt man in Kauf, dass sich das Amt diese Dienstleistung recht teuer bezahlen lässt. Sogar etwas lästiges Warten nimmt man hin, auch wenn es bei dem gleichzeitigen Kassieren von Gebühren für diesen Service ziemlich unprofessionell und unzeitgemäß erscheint. Eine Stadt oder ein Land soll Leistung gegenüber den Bürgern erbringen, nicht schlafmützige, schlecht organisierte Bürokratie. Aber so war es schon immer und so erwartet man es auch heute, wenn man seinen Schritt in Hamburg zur Zulassungsstelle des Landesbetriebs Verkehr (LBV) richtet, in Harburg gelegen am Großmoorring.

Natürlich hat man sich vorher im Internet auf den Seiten der Stadt Hamburg informiert und dort erfahren, dass für eine KfZ-Anmeldung ein Termin zu vereinbaren ist. Das klingt effizient, ein Termin bedeutet vermiedene Wartezeit und schnelles, organisiertes Bearbeiten des Falles. Angeboten wird auf der Webseite aber auch, als Alternative zum Termin die Unterlagen am Schalter abzugeben und, wie es dort heißt „frühestens am nächsten Ausgabetag“ am Schalter fertig bearbeitet wieder abzuholen. Also ein Wartetag, zwei Anfahrten – nun ja, was soll’s, so arbeiten Behörden nun mal.

Einen Termin gibt es erst in drei Wochen

Dann aber das böse Erwachen. Man betritt die Halle der LBV-Stelle und möchte eine Wartemarke ziehen. Der Automat jedoch ist einfach überklebt und außer Betrieb. Ein gelangweilter Herr in schwarzem T-Shirt, auf dem in Großbuchstaben „Security“ steht, tritt heran und erkundigt sich nach dem Anliegen. Da er offensichtlich nicht zuständig ist, verweist er an einen Mitarbeiter hinter dem Tresen. Dieser erdreistet sich sogar, Späße zu machen über die Unkenntnis des dummen Bürgers. Natürlich könne hier niemand einfach so reinmarschieren und sein Auto anmelden.

Dazu ist ein Termin zu machen und diesen bekäme man frühestens in 3 Wochen. IN DREI WOCHEN! Sprachlos steht man da und glaubt sich nicht mehr in Hamburg, in Deutschland, in der zivilisierten Welt einer Industrienation. Aber, der Mitarbeiter glaubt noch gnädig darauf hinweisen zu müssen, wenn man morgens früh vor sieben Uhr vor der Tür bei Wind und Wetter sich in eine meist lange Schlange einreiht, hätte man eine gewisse Chance, eine Bearbeitungsmarke noch für den gleichen Tag zu ergattern. Es werde aber nur eine begrenzte Zahl ausgegeben, in der Regel weniger, als Interessierte da sind. Und dann käme natürlich noch gründliches Warten hinzu.

Eine träge, ineffiziente Bürokratie mit findigen Kleinunternehmer im Umkreis

Wie benommen wankt man zurück vor die Tür der Zulassungsstelle. Draußen verrät ein eingeweihter Mitbürger mit spöttischem Grinsen, dass es ja noch gewisse Hintertüren gäbe, und zwar auf dem Weg über die Schildermacher vor Ort. Diese arbeiten in kleinen Buden um die Zulassungsstelle herum und nutzen ihre regulären Geschäftsfächer in der Behörde dazu, die eigenen Anträge beschleunigt abfertigen zu lassen. Der Kunde zahlt selbstverständlich ein gutes Dienstleistungsentgeld.

Indien! Dort haben wir solche Prozesse bereits persönlich erlebt. Eine träge, ineffiziente Bürokratie, dazu findige Kleinunternehmer im Umkreis, die gegen Aufpreis die Behördengänge erledigen. Aber, man muss sich wirklich kneifen, es ist doch nicht Indien hier. Es ist Hamburg, in Deutschland. Eine Stadt, die sich Olympia einlädt. Man möchte laut auflachen. Und dann dem Zorn freien Lauf lassen.

Aber das Auto ist schon gekauft, eine Zulassung ganz unaufschiebbar. Also wenden wir uns an eine der umliegenden Buden. Ja, wir erfahren, für 20 Euro ist man dabei, dafür gibt’s die Zulassung in 1-2 Tagen. Hinzu kommen rund 40 Euro für die Behörde und ihre herrliche Dienstleistung. Der Schildermacher hält ein Sofa bereit, auf das man entkräftet niedersinkt. Aber auch er selber ist völlig erschöpft, bis zu 70 Anträge pro Tag kommen herein und wollen in die Behörde und zurück geschleust werden. Es ist offenkundig genau die Menge, die den regulären Kundenverkehr und die Terminvergabe dann in der Zulassungsstelle blockiert. Ja, so funktioniert das bei uns.

Wir haben uns den Kopf gerauft und am Ende bezahlt, alles was verlangt wurde. Zum Glück war der Schildermacher eine so liebenswürdige Person, dass es uns mit aller Anstrengung noch gelang, den eigenen Zorn abklingen zu lassen und wieder halbwegs gefasst nach draußen zu treten. Auf dem riesigen Parkplatz vor der Zulassungsstelle: gähnende Leere. Aber wenigstens arbeitet der Security-Mann.