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"Die Stadt Hamburg verschleudert das IBA-Erbe"

Foto: Thomas Sulzyc

Der frühere IBA-Projektkoordinator, Gottfried Eich, warnt im Abendblatt-Gespräch vor dem Scheitern der Bildungsoffensive in Wilhelmsburg.

Wilhelmsburg.  Gottfried Eich, der frühere IBA-Projektkoordinator für Bildung, warnt vor einem Scheitern der von der Internationalen Bauausstellung eingeleiteten Bildungsoffensive in Wilhelmsburg. Die Stadt drohe das IBA-Erbe zu verschleudern, sagt er. Bei einem Cappuccino im Inselpark-Café erläutert der Experte die Gründe.

Hamburger Abendblatt: Im Zuge der Internationalen Bauausstellung und der Internationalen Gartenschau sind mehr als eine Milliarde Euro auf den Elbinseln investiert worden. Hat das die Bevölkerung voran gebracht?

Gottfried Eich: Das war richtig, wichtig und notwendig, hat aber nicht die Not gewendet, die auf sozial-struktureller Ebene immer noch vorhanden ist. Die eine Milliarde Euro hat nicht dazu geführt, dass sich der Anteil der von Sozialhilfe abhängigen Menschen reduziert hat.

Welche Entwicklungen in Wilhelmsburg sehen Sie als gefährlich an?

Eich: Etwa 1500 junge Erwachsene im Alter von 25 und 35 Jahren auf den Elbinseln leben von Arbeitslosengeld II. 75 Prozent von ihnen haben keine Berufsausbildung. Für Umschulungen hat das Jobcenter Wilhelmsburg pro Jahr etwa 100 Bildungsgutscheine. Für die Gruppe der 25-35-Jährigen nur 30. Das ist ein schwerer Fehler und für die Entwicklung des Stadtteils sicher nicht gut. Gleichzeitig wird in diesen Tagen bekannt, dass die Arbeitsagentur auf Bundesebene einen Überschuss von 1,9 Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Unabhängig von den Zuständigkeiten ist das wirklich absurd.

Bürgerbeteiligungsgremien in Wilhelmsburg haben den massiven Abbau von Ein-Euro-Jobs kritisiert. Auch ein Fehler?

Eich: Mehr als 700 sogenannte Arbeitsgelegenheiten sind weggefallen. Die Auswirkungen zeigen sich inzwischen im Schulalltag. Kindern ist es wichtig zu sehen, dass Vater oder Mutter morgens zur Arbeit gehen. Wenn Eltern aus Arbeitszusammenhängen herausfallen, ist das ein Problem für die Kinder. Die Eltern haben dann oft nicht die Kraft, morgens früh aufzustehen.

Haben es Lehrer in Wilhelmsburg schwerer?

Eich: Die Anzahl der Inklusionskinder an Wilhelmsburger Schulen ist höher als in anderen Stadtteilen Hamburgs. Flüchtlingskinder werden noch hinzukommen. Ich sehe die Gefahr, dass die Klassenhöchstgrenzen überschritten werden. Das würde den Lernerfolg sicher beeinträchtigen.

Hat die Bildungsoffensive auf den Elbinseln denn gar keinen Erfolg mit sich gebracht?

Eich: Bei den Übergängen junger Leute in den Beruf haben sich Erfolge eingestellt. Der Anteil der Schüler, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen haben, ist auf acht Prozent gesunken. Vor zehn Jahren waren es noch 27 Prozent. Die Schulen und Jugendhilfeträger haben auch die Übergänge von Schülern in duale Ausbildungen verbessert.

Im Zuge der Bauausstellung sind besser gebildete Menschen in den Stadtteil gezogen, die früher nicht einmal auf die Idee gekommen wären, in Wilhelmsburg leben zu wollen. Macht die Zuwanderung den Stadtteil nicht stabiler?

Eich: Trotz der Zuwanderung von Studenten und Mittelschichtsangehörigen verharrt der Anteil der Sozialhilfeempfänger bei etwa 23 Prozent.

Die Entwicklung lokaler Ökonomien könnte Menschen aus der Sozialhilfe holen. Sie könnten sich dabei mehr Unterstützung von der städtischen Immobilienverwalterin Sprinkenhof GmbH vorstellen...

Eich: Die Sprinkenhof GmbH könnte die überwiegend leerstehenden Gewerberäume im Veringhof 9-21 zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellen. Ich habe vorgeschlagen, ein Drittel der leerstehenden Flächen für Flüchtlingsprojekte kostenfrei, nur gegen Erstattung der Betriebskosten zur Verfügung zu stellen, ein Drittel für vier Euro netto pro Quadratmeter und ein Drittel für sechs Euro kalt.

Wenn Sie sich ein Projekt wünschen dürften, das die Stadt Wilhelmsburg schenkt. Was wäre das?

Eich: Mein Vorschlag wäre eine Schule als Produktionsschule im Regelbetrieb als durchgängiger Projektunterricht. Eine Klasse könnte Kostüme für Theater nähen und auf diese Weise Professionalität entwickeln. Schüler könnten die Schule mit einem Gabelstaplerschein verlassen und so den Weg in die Logistikwirtschaft finden. In Wilhelmsburg stoße ich ständig auf neue Firmeninhaber und Initiativen. Gerade in diesem Stadtteil könnte man viel machen. Die Basketball-Bundesligateam Hamburg Towers und die Parksportgenossenschaft bedeuten neue Chancen. Schüler könnten Kenntnisse im Eventmarketing erwerben. Und verstehen Sie mich richtig: Es geht nicht darum, Deutsch und Mathe abzuschaffen.

Was also benötigt eine erfolgreiche Bildungsoffensive auf den Elbinseln?

Eich: Der Bezirk Hamburg Mitte hat heute gerade einmal eine halbe Stelle für die Bildungskoordination. Ich meine, es muss eine Bildungskoordination mit eineinhalb Stellen geben. Die formulierten Ansprüche des Rahmenprogramms Integrierte Stadtteilentwicklung sind für die Elbinseln faktisch zu Grabe getragen worden. Die verschiedenen Behörden kooperieren einfach nicht in einer wirkungsvollen Weise miteinander. So ist der Anspruch der Arbeitsmarktpolitik mit Verknüpfung zu Qualifizierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose in den Quartieren aufgegeben worden, ebenso die gezielte Förderung der lokalen Ökonomie, wie es sie jahrzehntelang gab.

Was würde eine Bildungskoordination kosten?

Eich: Das wäre mit 100.000 Euro pro Jahr zu finanzieren. Wer angesichts der Entwicklungen und erkennbaren Aufgaben keine wirksame, zielgerichtete und konzeptionell unterfütterte Koordination und Kooperation sicherstellt, ist verantwortlich dafür, dass sich Wilhelmsburg zu Hamburgs Herzkammer des sozialen Elends entwickelt.

Zur Person: Gottfried Eich

Gottfried Eich ist 64 Jahre alt und heute an der Stadtteilschule Wilhelmsburg als Projektkoordinator für das geplante Maritime Zentrum Elbinseln tätig. Der Lern- und Forschungsraum soll Schüler mit Wissenschaftlern, Unternehmen aus der Hafenwirtschaft und Künstlern zusammenbringen. Bis zum Jahr 2002 war der Soziologe für die SAGA/GWG in der Stadtteilentwicklung in Kirchdorf-Süd tätig.

Im Rahmen des EU-Programms EQUAL organisierte Gottfried Eich die Entwicklungspartnerschaft Elbinseln, die als Zusammenschluss verschiedener Organisationen und Träger innovative Konzepte für Qualifizierung und Bildung entwickelte. Früh vertrat er die These: Die Internationale Bauausstellung (IBA) brauchte eine internationale Bildungsausstellung. Von 2008 bis 2014 arbeitete der Wilhelmsburger als IBA-Projektkoordinator für die Bildungsoffensive Elbinseln