Harburg
Buchholz

Vier Ausstellungen zum 75. Geburtstag

Sven Nommensen (links), Vorsitzender des Buchholzer Kunstvereins, und Timm Ulrichs

Sven Nommensen (links), Vorsitzender des Buchholzer Kunstvereins, und Timm Ulrichs

Foto: Corinna Panek / HA

Zum 75. Geburtstag würdigen Jesteburg und Buchholz den Künstler Timm Ulrichs. Auch Cuxhaven und Neuenkirchen sind dabei.

Buchholz. Für einen Künstler, der für sich selbst den Begriff „Totalkünstler“ definiert hat, ist eine Ausstellung zum 75. Geburtstag nicht genug. Gleich an vier Orten werden ab diesem Wochenende Skulpturen, Video- und Tondokumente sowie Installationen des Hannoveraner Künstlers Timm Ulrichs gezeigt. Zwei davon im Landkreis Harburg: im Kunstverein Buchholz und an der Kunststätte Bossard in Jesteburg. In Cuxhaven im Kunstverein und in Neuenkirchen im Springhornhof gibt es zwei weitere Ausstellungen. Schirmherr ist Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der die Ausstellung bei Bossard eröffnen wird.

Mal inszeniert er sich selbst auf Fotos, mal lässt er sich tätowieren

Das Selbstverständnis Ulrichs’ als „Totalkünstler“ zeigt sich nicht nur in den unterschiedlichen Schwerpunkten der aktuellen Ausstellungskooperation unter dem Titel „des großen Erfolges wegen“, sondern auch beim Rückblick auf sein Lebenswerk. Mal inszeniert er sich selbst auf Fotos, mal lässt er sich tätowieren. Mal geht es um Klang, mal um Architektur. Oder um die Sprache. So schrieb er in das Goldene Buch seiner Stadt: „50 Jahre Wohn-Haft in Hannover“. „Passen Sie genau auf, was er sagt: Timm Ulrichs liebt Wortspiele“, sagt Sven Nommensen, Vorsitzender des Buchholzer Kunstvereins.

Im Buchholzer Kunstverein heißt der Untertitel „Ich sehe was, was du nicht hörst“. Es geht um Geräusche, im Alltag aufgezeichnet und als Video- oder Tonaufnahme wiedergegeben. Auch um Experimente. Timm Ulrichs geht den Dingen gern auf den Grund. „Das ist, als würde man eine Puppe geschenkt bekommen und herausfinden wollen, wie sie innen aussieht“, sagt er. So untersuchte und filmte er, was passiert, wenn man ein Mikrofon in Salzsäure taucht oder eine Kamera verbrennt.

In der Kunststätte Bossard steht die „Musterfassade“ im Zentrum

Ein Musiker ist aus Timm Ulrichs nicht geworden. „Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, mich ein Instrument erlernen zu lassen“, sagt er. Also holt er sich Profi-Percussionisten und lässt sie mit Paketklebeband experimentieren. Ein Modell im Kunstverein beschreibt eine Aktion, bei der ein Berg in den österreichischen Alpen eine eigene Telefonnummer samt Telefonzelle erhält. „Man kann den Berg anrufen“, sagt Ulrichs, „so dass das Echo von dort in alle Welt geht.“ Die Besucher können diese Klanginszenierungen entweder per Kopfhörer anhören, oder die Beschallung der Räume durch Bewegungsmelder auslösen.

In der Kunststätte Bossard steht die „Musterfassade“ im Zentrum. Sie entstammt dem Sprengelmuseum Hannover, das derzeit erweitert wird. Weil andere Musterfassaden weiterer Museen nicht zur Verfügung stehen, zeigt Ulrichs stattdessen Hindernisse aus dem Springreitsport. „Sie bilden ebenfalls Architektur ab, nur nicht in Originalgröße“, erläutert er. So zeigt er eine Mauer und eine Windmühle, die aus einem Parcours in Münster stammen, wo Ulrichs 33 Jahre an der Akademie der Künste unterrichtete. „Diese Musterfassaden sind als Potemkinsche Dörfer zu verstehen“, sagt er.

Der Cuxhavener Kunstverein zeigt die Ausstellung „In alle Winde“

Außerdem lässt Ulrichs auf dem Bossard-Gelände einen „statistischen Wald“ aus 100 Bäumen anpflanzen, der das Mengenverhältnis der Baumarten in Deutschland widerspiegelt. Eine Kaskaden-Blitzanlage wird Lichtimpulse abgeben, „gegen die Erdrotation“, sagt er. Aus dem All beobachtet, bleibe das Licht scheinbar auf der Stelle.

Der Cuxhavener Kunstverein zeigt die Ausstellung „In alle Winde“ mit Installationen zu vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten und vier Elementen. In Neuenkirchen gibt es seit 1977 Ulrichs’ „Ego-zentrischen Steinkreis“. Die aktuelle Ausstellung heißt „Kunst, natürlich“. „Timm Ulrichs’ Konzeptkunst verarbeitet wissenschaftliche Erkenntnisse aus Mathematik, Physik, Soziologie, Sprache“, sagt Nommensen, der Ulrichs eine sagenhafte Ausdauer zuspricht. Er habe kein Internet, sagt er selbst. Dafür lese er Zeitungen von vorn bis hinten, „das dauert dann aber drei bis vier Tage.“

Musterfassade, Kunststätte Bossard, Jesteburg.
26. Juni bis 27. September; Künstlergespräch: 1. August, 19 UhrIn alle Winde, Cuxhavener Kunstverein, 26. Juni bis 9. August. Führungen am 4. und 18. Juli, 11 Uhr.Kunst, natürlich, Springhornhof, Neuenkirchen.
27. Juni bis 30. August, 5. Juli: Insomnia Percussion Ensemble, 11 Uhr, 2. August: Radtour zum Ego-zentrischen Steinkreis, 11 Uhr.Ich sehe was, was du nicht hörst, Kunstverein Buchholz, Kirchenstraße 6, Buchholz. 28. Juni bis 16. August; Künstlergespräch 1. August, 16 Uhr, Workshop 11. Juli, 14 Uhr.