Harburg
Stadtteil-Serie

Herbert Schulz hat sich in Marmstorf verliebt

Herbert Schulz aus Marmstorf kennt jeden Zentimeter seiner Stadt

Herbert Schulz aus Marmstorf kennt jeden Zentimeter seiner Stadt

Foto: unknown

Herbert Schulz wohnt seit einem halben Jahrhundert in seinem Stadtteil und hat sich inzwischen zum Chronisten gemausert.

Marmstorf.  Auf der glatten Oberfläche des Feuerteichs spiegeln sich reetgedeckte Bauernhäuser und hohe Bäume. Enten paddeln auf dem stillen Wasser, im Ufergebüsch singen Vögel. Herbert Schulz atmet tief durch, nimmt die romantische Atmosphäre in sich auf. Dies ist für den 71-Jährigen in „seinem“ Stadtteil einer der Lieblingsplätze. Aber es gibt noch viele andere Orte in Marmstorf, die ihm das Herz aufgehen lassen. Der Wiesengrund des Appelbütteler Tals, die verschwiegenen Waldpfade Richtung Lürade, der Weg, der dem Lauf des Engelbek zum Außenmühlenteich folgt. „Ich liebe diese leicht hügelige Moränenlandschaft, die Kombination von schmucken Siedlungen und landwirtschaftlich genutzten Flächen.“

Er kennt jede Straße, jedes Haus

Seit genau einem halben Jahrhundert lebt Herbert Schulz nun schon hier und er möchte nie wieder weg. Hier kennt er jede Straße, jedes Haus. Und er weiß nicht nur genau, wie es heute in Marmstorf aussieht. Er hat auch eine gute Vorstellung von der Vergangenheit des Dorfes. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er Marmstorf erforscht und seine Erkenntnisse in einer umfangreichen Chronik zusammen getragen. Die Recherche-Unterlagen füllen rund 80 Aktenordner und das Archiv im Dachgeschoss seines Hauses wächst noch immer. In regelmäßigen Abständen leitet er Führungen durch Marmstorf, berichtet von der Geschichte und zeigt dabei historische Fotografien des Dorfes. Leidenschaftlicher kann Heimatliebe kaum gelebt werden.

Dabei war der Entschluss des Hamburgers, von Stellingen nach Marmstorf zu ziehen, einst alles andere als emotional begründet gewesen. Es waren vielmehr wirtschaftliche Erwägungen, die ihn 1965 dazu veranlassten, ein Reihenhäuschen am Krönenbarg zu erwerben. „Ich wollte damals endlich eigene vier Wände und etwas zentrumsnäheres als Marmstorf konnte ich mir als 21-Jähriger nicht leisten“, erklärt Herbert Schulz lapidar.

Entstehung des neuen Marmstorfer Zentrums

49.000 Deutsche Mark blätterte der junge Offset-Drucker für das damals zehn Jahre alte Haus hin. Mehr als das Doppelte des ursprünglichen Preises – ein Zeichen des Wirtschaftswunders. 1955 hatte ein Mittelhaus am Krönenbarg noch 21.000, ein Eckhaus 23.000 Mark gekostet. Die spitzgiebeligen Bauten waren klein. „Das Wohnzimmer hatte gerade mal 16 Quadratmeter, in die winzigen Zimmer im Obergeschoss führte eine steile Treppe“, erinnert sich Herbert Schulz. Zum Zeitpunkt seines Einzugs galt eine solche Bauweise bereits als überholt. Mitte der 60er Jahre entstand nördlich vom alten Marmstorfer Ortskern buchstäblich auf der grünen Wiese das neue Marmstorfer Zentrum mit einem Hochhaus, dem sogenannten „Punkthaus“, großen Mietshäusern und Bungalows – allesamt kubische Flachdachbauten. Damals das Non-plus-Ultra moderner Architektur.

Kluger Schachzug der Stadtplaner

Die Hauptverkehrsachse, der Ernst-Bergeest-Weg, wurde im Zuge des Siedlungsbaus teilweise verlegt. Anstatt wie zuvor Richtung Feuerteich schwenkte die Straße nun im unteren Abschnitt zum Marmstorfer Weg und mündete gegenüber der 1959 erbauten Auferstehungskirche. „Ein kluger Schachzug der damaligen Stadtplaner. So wird der Verkehr weitgehend um den historischen Ortsteil herum geleitet und der idyllische Charakter des alten Dorfkerns bleibt erhalten. Das ist einer der Gründe, warum ich Marmstorf so vielen anderen Stadteilen Harburgs vorziehe“, sagt Herbert Schulz. Er freut sich, dass von den alten Bauernhäusern in den vergangenen fünf Jahrzehnten nur eines weichen musste: 1974 wurde der Fürkenshof schräg gegenüber vom Schützenhaus abgerissen.

Die alten Höfe gibt es noch, aktive Landwirte dagegen nicht mehr. Ackerland und Wiesen sind an auswärtige Bauern verpachtet, sofern sie nicht inzwischen bebaut wurden. „Als ich hierher zog gab es in Marmstorf noch zehn Bauern. Bis in die 70er Jahre wurden die Kühe von den Ställen über die Straßen zu den Weiden getrieben. Der Verkehr auf dem Langenbeker Weg kam dadurch zum Stillstand, die Hinterlassenschaften der Rinder machten den Asphalt glitschig. Heute wäre das undenkbar“, erzählt der Chronist und fischt zum Beweis einen Zeitungsausschnitt der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ aus einem seiner Ordner hervor.

Einige Läden mussten weichen

Nicht nur das Vieh ist aus dem Ortsbild verschwunden. Auch die kleinen Geschäfte, in denen Herbert Schulz einst einkaufte, gibt es nicht mehr. „Der Spar-Laden der Familie Matthies am Helferichweg hat zugemacht und der Edeka-Markt Krebs an der Ecke Langenbeker Weg/Frankenberg. Daneben gab es damals noch ein Kurzwarengeschäft, einen Schreibwarenladen und einen Friseur. Die Ladenzeile war fast ein kleines Einkaufszentrum.“

Heute gibt es nur noch das große Einkaufszentrum am Ernst-Bergeest-Weg. „Ich bin ein echter Fan davon“, sagt Herbert Schulz. „Der Branchenmix ist einfach toll. Man findet alles, was man braucht.“ Nur wenn er Kleidung benötigt, fährt er nach Harburg. „In Marmstorf haben wir ja alles andere: Supermarkt, Fischgeschäft, Bäckerei, Drogerie, Bücher, Schreibwaren, Blumen. Und es gibt sogar einen Optiker, eine Apotheke, eine Sparkasse und eine Gaststätte.“

Keinen Saal mehr für Feierlichkeiten

Das Stichwort Gaststätte versetzt seiner Euphorie allerdings einen Dämpfer. „Dass der Schützenhof nun schon seit zwei Jahren leer steht, finde ich schlimm. Wir haben keinen Saal mehr für Feierlichkeiten. Dabei lief der Laden einst so gut.“ Gern erinnert er sich an Jubiläen, Silvesterbälle und Vogelschießen. „Zum Glück wurde mit dem Meinshof ja ein neuer Platz für das Schützenfest gefunden“, sagt Schulz.

Auch wenn er selbst kein „Vereinsmeier“ ist – er hegt große Sympathien für das vielfältige Gemeinschaftsleben. „Der Schützenverein, der Sportverein Grün-Weiß Harburg, die Freiwillige Feuerwehr, die Liederfreunde, die Landfrauen, das Schülerorchester und die Kirchengemeinde mit ihrem Treffpunkt im Gemeindezentrum – Marmstorf ist ein sehr lebendiger Stadtteil. Man kennt und man hilft sich gegenseitig.“ Die Menschen seien engagiert, offen und freundlich. „Ich selbst habe bei meiner Recherche zur Marmstorfer Chronik von allen Seiten viel Unterstützung erfahren.“

Die falsche Zuordnung war historisch bedingt

Seit nunmehr 30 Jahren lebt Herbert Schulz am Rüterskamp in einem Einzelhaus . Für seine damals vierköpfige Familie war auch dieses Backsteingebäude von 1937 nicht wirklich großzügig bemessen, aber auf dem 1000 Quadratmeter-Grundstück des neuen Domizils fand auch das Familien-Pferd noch Platz. Und der Sohn genoss den kurzen Weg zur Schule. Das Immanuel Kant Gymnasium, das einst Gymnasium Sinstorf hieß, und die benachbarte Lessing Stadtteilschule – ehemals Haupt- und Realschule Sinstorf – liegen auf dem Hügel in Sichtweite von Schulz‘ Haus. Die ehemaligen Bezeichnungen seien nicht korrekt gewesen, erklärt der Dorf-Chronist. Beide Schulen stünden auf Marmstorfer Gebiet. Er zieht eine Karte mit dem genauen Grenzverlauf zwischen den Stadtteilen aus seinen Unterlagen. „Die falsche Zuordnung war historisch bedingt. Ursprünglich war die Schule nämlich in den Sinstorfer Flak-Baracken untergebracht. Die Bezeichnung wurde nach dem Umzug in die neuen Gebäude einfach beibehalten.“

Kein Durchkommen mehr

Die Nähe zu den Schulen war für den Vater zweier Kinder stets wichtig. Das ältere hat noch die alte Grundschule am Lürader Weg besucht, das jüngere wurde schon im Neubau am Ernst-Bergeest-Weg eingeschult. „Natürlich sind die beiden immer zu Fuß zur Schule gegangen“, sagt er. „Heute ist zu Schulbeginn für uns Anwohner Am Pavillon ja kein Durchkommen mehr, weil die Eltern ihre Sprösslinge mit dem Auto kutschieren.“

20-Minuten-Fahrt nach Hamburg

Von diesem temporären Engpass abgesehen findet er die Verkehrsanbindung aber sehr gut. „Wir sind im Nu auf der Autobahn. In 20 Minuten bin ich mit dem Wagen in Hamburg. Und ich habe auch die Möglichkeit, bequem und schnell mit Bus und S-Bahn nach Harburg zu kommen.“ Öffentliche Verkehrsmittel hatte er auch für den Weg zur Arbeit nutzen wollen, als er 1965 an den Stadtrand zog. Aber bald hatte die Druckerei, für die er arbeitete, ihren Standort von Hamburg nach Reinbek verlegt. „Ich bin dann täglich mit dem Auto gefahren. In Neuland auf die Autobahn, in Billstedt runter und dann über die Landstraße. Das war eine ganz schön lange Strecke.“ Wieso er nicht nach Reinbek gezogen ist? „Da hatte ich mich schon in Marmstorf verliebt.“ (Martina Berliner)