Harburg
Tostedt

Auszeit nach 22 Jahren: Kantorin verlässt die Orgelbank

Wiebke Corleis ist Kantorin der Johannesgemeinde Tostedt. Jetzt will sie sich eine Auszeit nehmen

Wiebke Corleis ist Kantorin der Johannesgemeinde Tostedt. Jetzt will sie sich eine Auszeit nehmen

Foto: Anna Kimm

Nach zwei Jahrzehnten verabschiedet sich die Kantorin Wiebke Corleis aus der Johannesgemeinde in Tostedt. Ein Nachfolger wird bereits gesucht.

Tostedt.  Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, doch gegen Ende ihrer Schulzeit entschied sich Wiebke Corleis, 49, dann doch für die Kirchenmusik. Und die führte sie nach Tostedt, wo sie 22 Jahre als Kantorin der Johannesgemeinde an der Orgel saß. Nun, in ihrem 23. Jahr, legt sie ihr Amt und auch das der Kreiskantorin ab, um neue Wege zu beschreiten.

Aufgewachsen ist Corleis in Bötersen, im Landkreis Rotenburg (Wümme). Schon damals hat sie sich in ihrer Heimatgemeinde Horstedt ehrenamtlich engagiert. Dies brachte sie letztendlich auch dazu, Kirchenmusik zu studieren. Ihr Studium führte sie zunächst nach Herford und dann für das Examen nach Frankfurt am Main. Doch schon bald zog es sie wieder zurück in den Norden.

Tostedter „waren sehr offen“

Nach einigen Bewerbungen erhielt Corleis eine Zusage aus Tostedt, wo sie ihren Vorgänger Paul Gerhard Schneider ablöste. Schneider ging in den Ruhestand und mit Wiebke Corleis übernahm 1992 eine junge Frau die Stelle der Kantorin. Probleme gab es nie, denn die Tostedter „waren sehr offen“, wie sie heute erzählt.

Mit der Zeit kamen bei ihr auch die Aufgaben dazu: nicht nur an der Orgel und dem Notenpult sah man sie oft, sondern auch in Kinderstunden, im Altenclub oder dem Konfirmandenunterricht. Was ihr daran immer am meisten gefallen hat: „Man hat mit so vielen Menschen zu tun“. Und so wundert es niemanden, dass statt einem Kinderchor, wie bei ihrem Amtsantritt, zwischenzeitlich sogar fünf aktiv waren. Im Jahr 2009 tritt sie zusätzlich das Amt als Kreiskantorin des Kirchenkreises Hittfeld an. Mit all den kleinen Aufgaben wird der Beruf schnell zu einem sieben-Tage-Job. Und genau diese Rund-um-die-Woche-Beschäftigung hat Wiebke Corleis nachdenklich gemacht. „Ich hab schon länger das Gefühl gehabt, dass ich mich verändern möchte“, sagt Corleis und fährt fort: „Ich möchte nicht auf diese Weise noch bis zum Ruhestand arbeiten.“

Doch wer jetzt denkt, dass sie die Nase voll hat von Chorgruppen, Konzerten und Gottesdiensten, der liegt vollkommen falsch. „Ich glaube, ich wäre hier nicht so lange gewesen, wenn es mir nicht gefallen hätte.“ Und das trotz manchen Höhen und Tiefen. Da war der Friedensmarsch nach dem 11. September, der vom Sande bis zur Kirche führte, in der eine Andacht stattfand, von der sie erzählt, und sie erinnert sich an die Nähe innerhalb der Gemeinde zu dieser Zeit. Oder all die Momente mit den Kleinen der Gemeinde. Vor allem durch ihr Engagement bei der Arbeit mit Kindern hat Wiebke Corleis sich ein Netzwerk geschaffen. „Mit diesem begleite ich sie lange und kann Verbindungen schaffen“, erklärt sie und wird somit zu einem bindenden Glied zwischen den Altersklassen in der Gemeinde.

Bald beginnt ein neuer Abschnitt

Doch nun kommt ein neuer Abschnitt auf sie zu. „Ich habe Sehnsucht nach etwas Anderem“, sagt sie und erzählt von ihrer geplanten „Sabbat-Zeit“, einer unbefristeten Auszeit, in der sie sich sortieren möchte und nach neuen Herausforderungen suchen will. Musik möchte sie weiterhin auch beruflich machen, doch es darf auch mal etwas anderes sein als Kirche. Denn dort ist sie zu sehr in das ganze Geschehen eingebunden, wie sie selbst sagt.

Ein Nachfolger wird bereits gesucht, ebenso muss der Kirchenkreis seine Stelle neu besetzen. Die Stelle in Tostedt kann zwar erst zum 1. Juli angetreten werden, doch weiß Corleis jetzt schon, dass es „genug Bewerbungen gibt“. Voll eingespant ist sie selbst bis dahin trotzdem noch, denn bis zu ihrem Abschiedsgottesdienst am Sonntag, 31. Mai hat sie noch die musikalische Leitung. Danach beginnt dann die „Sabbat-Zeit“ mit neuen Herausforderungen und viel Entspannung, denn geplant hat sie für diese Zeit nichts. „Es ist komisch für mich, denn sonst habe ich so geplant, dass ich immer weiß, was in einem halben Jahr sein wird.“