Harburg
Skater

Ärger um Geländer-Akrobaten in Wilhelmsburg

Ein Skater am Kurt-Emmerich-Platz

Ein Skater am Kurt-Emmerich-Platz

Foto: Jörg Stielow

Skater lieben die Mauern und Treppen am Kurt-Emmerich-Platz in Wilhelmsburg. Anwohner sind genervt von dem Lärm

Wilhelmsburg. Geländer wollen hinabgerutscht und Sitzbänke übersprungen werden – die besonders talentierten Skater lieben es, die Stadt mit ihren Treppen und Asphaltpisten zu meistern. Eine international beliebte Kulisse für akrobatische Rutschpartien mit dem Skateboard oder Inline-Skates ist mittlerweile der steil abfallende Kurt-Emmerich-Platz in Wilhelmsburg, der frühere Haupteingang zur Internationalen Gartenschau. Anwohner aber sind genervt von dem lauten Klacken der Rollen unmittelbar vor ihren Fenstern, Terrassen und Balkonen. Die Wilhelmsburger SPD will deshalb prüfen lassen, das Streetskating an der Stelle zu unterbinden.

„Das Poltern ist sehr laut. Da kriegt man die Krise“, sagt Anwohnerin Rita Stielow. Sie habe nichts dagegen, wenn Kinder auf dem Weg zum Inselpark mit dem Skateboard hinabrollen oder voller Spielfreude mit dem Ball prellen. Aber wenn Skater stundenlang von den Geländern rutschen und springen, sei das einfach zu viel.

Die monumental breite und stark abfallende Betonpiste am Wilhelmsburger Inselpark ist inzwischen zum Insider-Tipp in der Skater-Szene avanciert. „Sie kommen hierher und drehen Videos oder machen Fotos“, weiß Anwohnerin Giordana Querceto. Sie hat mit Skatern gesprochen, die nur fünf Meter vor ihrer Terrasse im Erdgeschoss ihre akrobatischen Rutschpartien vollführten. Oft seien es Erwachsene, die den „Kick“ abseits der erlaubten Wege suchten. Sogar abends um 23 Uhr seien einige gefahren. Eine Gruppe sei sogar aus Kalifornien gekommen. Je bekannter der Kurt-Emmerich-Platz in der Szene werde, desto mehr Nachahmer kämen nach, fürchtet Giordana Querceto.

Die lang abfallenden Treppen mit der breiten Quader-Architektur scheinen wie geschaffen für das Streetskating. Die bunte Gebäudefassade der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt bildet die ideale Kulisse, um Tricksprünge wie Lipslide oder Board­slide für Filmaufnahmen zu inszenieren. Das dürfte auch ein wichtiger Grund dafür sein, dass einige Brett- und Rollschuhsportler lieber auf den Geländern und Treppen am Kurt-Emmerich-Platz turnen als die nur 500 Meter entfernte Skateranlage im Inselpark aufzusuchen. Der 1500 Quadratmeter große Skaterpark gilt eigentlich als der derzeit schönste in Hamburg, geschaffen von Skatern für Skater.

Rutschpartien auf Geländern und Mauern gelten als die schwierigste Disziplin beim Skaten. Könner präparieren dazu ihre Inline-Skates mit Alu- oder Kunststoffschienen. Sie riskieren, auf Kanten aufzuprallen, und genießen deshalb hohes Ansehen in der Szene. Skaten ist nicht nur ein Sport, sondern ein Lebensgefühl, das Freiheit verspricht. „Die lassen sich nichts verbieten“, sagt Rita Stielow, die das Gespräch mit Streetskatern suchte.

Die SPD in Wilhelmsburg sieht genügend Gründe, den Kurt-Emmerich-Platz für Streetskater lahmzulegen. Im Regionalausschuss Wilhelmsburg wird sie am Dienstagabend, 28. April, den Antrag stellen, das Skaten auf dem Geländer und den Betonelementen zu stoppen oder zumindest stark zu erschweren. Dabei hält die Wilhelmsburger Bezirksversammlungsabgeordnete Kesbana Klein (SPD) weniger davon, Stopper auf die Geländer zu schrauben. Derartige „Skaterbremsen“ sind aus der HafenCity bekannt, gelten aber auch als gefährlich für die Skater. „Ich kann mir vorstellen, mit Blumenschalen, Sträuchern und Bäumen das Skaten zu unterbinden“, sagt Kesbana Klein. Schließlich sei man ja auch in einem Park. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete und Regionalausschussvorsitzende Michael Weinreich sieht zwar die Gefahr, dass seine Partei nun als Spaßbremse dastehen könne. Aber am Kurt-Emmerich-Platz sei die Verhältnismäßigkeit einfach nicht mehr gegeben. Die Anwohner müssten unter dem Lärm zu sehr leiden. Zwei Gebäude mit insgesamt 28 Wohnungen und ein Seniorenheim befinden sich dort, wo Skater die Geländer entlang rutschen. Anwohner hätten sich bereits an das Bezirksamt gewandt – aber ohne Erfolg. „Wir freuen uns, dass die SPD uns helfen will“, sagt Giordana Querceto.

Hinzu komme ein erhebliches Verletzungsrisiko für die Brett- und Rollschuhartisten selbst. Ein Aufprall auf der Kante oder dem Geländer könnte zu Kopfverletzungen und Knochenbrüchen führen. „Die Könner beherrschen diese waghalsigen Tricks vielleicht. Aber was ist mit den Nachahmern, die das im Internet gesehen haben?“, gibt Kesbana Klein zu bedenken.

Gegen das Skaten in urbaner Landschaft sprechen auch noch die sichtbaren Abriebspuren an den Betonsockeln am Kurt-Emmerich-Platz. „Wir haben hier Schäden am Eingang zu dem zurzeit attraktivsten Park Hamburgs“ sagt Kesbana Klein. Anwohner haben beobachtet, dass Skater auch die Metallgitter aus den Baumbeeten angehoben und einen Stein darunter gelegt hätten, um auf diese Weise eine Sprungschanze zu bauen.