Harburg
Heimatforschung

Tostedter sind ihren Vorfahren auf der Spur

Tostedter studieren die Sütterlinschrift im Tostedter Archiv

Tostedter studieren die Sütterlinschrift im Tostedter Archiv

Foto: Bianca Wilkens

Ahnenforschung hat Hochkonjunktur. Doch kaum jemand beherrscht noch die Sütterlinschrift. Lesezirkel im Archiv hilft

Tostedt. Lange brüten die Tostedter nun schon über ein einzelnes Wort. Ist das ein H? Wenn ja, dann geht es in dem alten Dokument um die Erneuerung einer Brücke am Ringwehl in Tostedt. Mit Ringwehl kann aber keiner etwas anfangen. Das ist ungewöhnlich. In der Runde sitzen Experten der alten deutschen Schrift und der Tostedter Geschichte im Seniorenalter, etwa Heinrich Müller, aus Bötersheim und Burkhard Gerlach, aus Tostedt.

Es ist Montag, Zeit für den Lesezirkel alter deutscher Schriften im Tostedter Gemeindearchiv. Jeder hat eine Kopie eines Protokollauszugs vom 22. Januar 1902 vor sich liegen. Buchstabe für Buchstabe arbeiten sich die Tostedter durch die Vergangenheit. Eine mühsame Aufgabe. „Die haben unmögliche Handschriften. Die einen schreiben so, die anderen so“, sagt Marion Peschko. Aber die Neugierde über die Geschichte siegt dann doch, und die Gruppe brütet weiter. Einmal im Monat trifft sie sich.

Die Ahnenforschung hat den Lesezirkel vor Jahren zusammengebracht. Familiäre Wurzeln zu erforschen, ist beliebter denn je. Das Internet vereinfacht das Aufspüren von Verwandten und hat der Ahnenforschung noch Auftrieb gegeben. Nachdem 2009 den Standesämtern vorgeschrieben wurde, ältere Geburten-, Ehe- und Sterberegister an die Archive abzugeben, rannten die Familienforscher Dorothea Ebner, Leiterin des Tostedter Archivs, die Bude ein.

Sie kamen, um den eigenen Familienstammbaum zu vervollständigen und alte Dokumente zu studieren. Marion Peschko ging damals mit einem Bewerbungsschreiben ihres Ur-Ur-Ur-Ur-Opa vor fünf Generationen in das Tostedter Gemeindearchiv. Gerda Heßlinger und ihre Tochter Tonia interessierten sich für die Familie von Weye aus Bötersheim als altes Adelsgeschlecht. Zwei Jahre lang gingen sie im Archiv ein und aus.

Schnell war klar, dass viele allerdings an der alten deutschen Schrift scheiterten und Hilfe brauchten. „Wir hatten große Schwierigkeiten, das alte Taufregister zu entziffern“, sagt Gerda Heßlinger. Am Ende entstand aus dieser Not die Idee von Dorothea Ebner, einen Lesezirkel zur Sütterlinschrift zu gründen. Inzwischen sind die Teilnehmer des Zirkels längst über den Punkt der Familienforschung hinaus und verstärkt in die Tostedter Geschichte eingestiegen. Sie gehen nach und nach alte Gemeindeprotokolle durch. Die Schriftstücke sind im trockenen Behördendeutsch verfasst und handeln etwa von Straßenausbesserungen oder vom Aufstellen von Laternen.

Nicht gerade eine fesselnde Lektüre. Aber da Heimatkundige der Gruppe angehören, können sie die Informationen mit ihren Geschichtskenntnissen anreichern. „Dadurch erfahren wir viel über die Historie der Gemeinde, das macht es sehr interessant“, sagt Ebner.

Die Blütezeit Tostedts Mitte des 19. Jahrhunderts als Knotenpunkt der Eisenbahnlinie Hamburg-Bremen war beispielsweise mehrmals Thema. Die überlieferte Geschichte über einen Nächtwächter in Tostedt, der in der Postkutsche ein Nickerchen machte und sich am Ende mit einem Nachtwächter in Scheeßel schlug, machte im Lesezirkel ebenso die Runde.

Aufschlussreich fanden die Tostedter auch, was Amtsrichter Hottendorf aus Tostedt im 19. Jahrhundert als Ausstattung für sein Wohnhaus wünschte: etwa vornehme Tapeten und zwei Waschküchen, einen großen Garten und ein einfaches Häuschen für das Personal. Über zwei Jahre erstreckten sich die Zuschussanträge des Amtsrichters.

Im Lesezirkel darf einer nie fehlen: Heinrich Müller aus Bötersheim. Er ist Ehrenmitglied des Geschichts- und Museumsvereins Buchholz und hat sich ein Leben lang mit alten Schriftstücken befasst und Urkunden transkribiert. „Ich interessiere mich für die ganz alte Geschichte. Damit kann man viele heutige Entwicklungen erklären“, sagt er.

Er war es auch, der einen Hinweis in einer Urkunde vom 16. Oktober 1035 auf den Töster Markt entdeckte. Seitdem kann der Tostedter Flohmarkt von sich behaupten, fast 1000 Jahre alt zu sein. Welcher kann das schon?