Harburg
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Lebensgeschichten auf Leinwand

Anke de Vries in ihrem Atelier

Anke de Vries in ihrem Atelier

Foto: Louisa Estadieu

Künstlerische Aufarbeitung der Flüchtlingsthematik: Anke de Vries’ neue Porträtreihe in der Kulturwerkstatt Harburg

Harburg.  Seit wenigen Tagen stellt die Harburger Künstlerin Anke de Vries ihre neue Porträtreihe in der Kulturwerkstatt Harburg aus. Sie setzt sich darin mit einem der aktuellsten Themen auseinander: Gezeigt werden 21 aquarellierte Porträts von Flüchtlingen aus dem Hamburger Raum.

Die Intention hinter der Bildreihe ist, einigen der zahlreichen Flüchtlinge ihre Unverwechselbarkeit zurückzugeben. „Flüchtlinge, das sind Zahlen, ständig ansteigende Zahlen, das sind Mengen, das ist Masse. Um die Lebensbedrohten aus diesem Massenbegriff herauszulösen habe ich mich zu dieser Porträtreihe entschieden“, sagt Anke de Vries. Ihre Bilder sollen zu einem behutsameren Umgang mit den Flüchtlingen anregen.

Bei intensiven Treffen mit den Flüchtlingen hörte sich die Künstlerin deren Lebensgeschichten an, informierte sich über die Fluchtgründe sowie über die politisch-sozialen Situationen in den Heimatländern. „Ich höre immer wieder, dass sich die Betroffenen wie ausgelöscht fühlen, fremd in einem Land, dessen Formalien, Regeln und Sprache ihnen fremd sind, ohne Papiere, ohne Arbeit, ohne Zuhause“, sagt de Vries.

Beim reinen Zuhören blieb es jedoch nicht. Die Künstlerin fotografierte während der Sitzungen die Gesichter ihrer Gesprächspartner. Die Fotos dienten dann als Grundlage für die Porträts. Dabei bezog die Künstlerin die Flüchtlinge in den Entstehungsprozess mit ein. „Das Einbeziehen der Menschen in das Projekt ist sehr wichtig. Sie sind für mich nicht Modell oder gar Objekt, sondern Individuen, deren Wünsche, Ängste und Vorstellungen berücksichtigt werden müssen.“

Auch auf das Endprodukt hatten die Betroffenen einen direkten Einfluss. „Ich bitte meine Gesprächspartner, sich ein Foto auszusuchen, das sie aus ihrer Sicht am besten repräsentiert“, sagt de Vries. Die eigentliche Arbeit lag für sie somit nicht in der rein künstlerischen Gestaltung, sondern vor allem in der Herstellung einer Vertrauensbeziehung zu den Betroffenen. „Erst wenn diese Vertrautheit geschaffen ist, kann der malerische Prozess beginnen.“

Mit ihren Porträts möchte die Künstlerin nicht bloß das äußere Erscheinungsbild der Flüchtlinge abbilden. „Ich möchte auch die Gedankenwelt sichtbar machen“, so de Vries. Als künstlerisches Ausdrucksmittel wählt sie hierfür die Verwendung von Zitaten aus den Gesprächen. Die setzt sie dann unter die Portraits der Flüchtlinge. „Ich muss meine Herkunft akzeptieren, weil ich sonst meine neue Identität auch nicht leben könnte. Dann wäre ich gesichtslos“, steht zum Beispiel unter dem farbenfrohen Gemälde der türkischen Kurdin Fatma.

An der Malerei faszinieren Anke de Vries seit jeher die menschlichen Bekanntschaften und die damit verbundenen Geschichten. Das zeigen auch ihre bisherigen Porträtreihen. Nach Beendigung ihres Studiums der gestalterischen Kunst in Hamburg und Paris startete sie ihr erstes Projekt. Als Abbildungsobjekt wählte sie Hamburgs „Toilettenfrauen.“ „Dank meiner schwachen Blase kannte ich beinah jede öffentliche Toilette in Hamburg und war stets von den Toilettenfrauen in ihren bunten Sitzecken begeistert“, sagt de Vries. Als sie von der drohenden Schließung der öffentlichen Toiletten erfuhr, setzte sie ihren Plan in die Tat um.

Es folgte eine Bildreihe über Seeleute. Kennen gelernt hat sie die in den Duckdalben, der Seemannsmission im Hamburger Hafen. Auch hierbei ging es ihr erst einmal um die zahlreichen spannenden Geschichten aus aller Welt. Da viele Seeleute nur einige Stunden an Land weilten, musste es hierbei ganz fix gehen. „Sobald mir einer gefiel, bin ich direkt auf ihn zu und habe die meisten durch kleine Komplimente direkt vor meine Leinwand manövriert“, sagt Anke de Vries. Die Arbeit machte ihr so viel Freude, dass ein Ende schwer fiel. Insgesamt entstanden so 50 Porträts von Seeleuten.

Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit anderen Künstlern der Künstlervereinigung Kobalt-Kunst International e.V an einem Transit Projekt zwischen Toulouse und Hamburg. Für die kulturelle Verbindung soll der Flugzeugkonzern Airbus als Ausstellungsort dienen. „Mein Traum wäre eine sinnliche Umsetzung von Musik, Literatur, Skulpturen und Malerei – ein installatorisches Gesamtkunstwerk“, so de Vries.

Wer sich für die Arbeit von Anke de Vries interessiert, hat noch bis zum 7. Mai die Möglichkeit, sich in der Kulturwerkstatt im Harburger Hafen ein eigenes Bild zu machen.