Harburg
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Flüchtlings-Camp ist ein Pulverfass

In der Flüchtlingsunterkunft auf dem Schwarzenberg liegen die Nerven blank. Räumung nicht vor Ende Juni

Harburg.  Die Prügelszenen am vergangenen Sonnabend rund um die Unterkunft der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) auf dem Schwarzenberg haben ein lebhaftes Echo in den sozialen Netzwerken ausgelöst. In den Harburger Facebook-Gruppen wurden die Berichte über das Geschehen ebenso intensiv diskutiert, wie auf lokalen Webseiten. Besonders die Brutalität der Auseinandersetzung hat offenbar viele Menschen schockiert.

Um die Mittagszeit war der Konflikt ausgebrochen, ausgelöst durch den Streit um die Nutzung einer Waschmaschine. Innerhalb kürzester Zeit war der Streit zwischen einer Gruppe von Albanern und mehreren Männern aus Eritrea eskaliert. Ausgetragen wurde er aber nicht nur in der ZEA-Unterkunft selbst, sondern verlagerte sich über die Schwarzenbergstraße ins Uni-Viertel.

Dort schlugen mehr als 40 Asylbewerber nicht nur mit bloßen Fäusten aufeinander ein, sondern auch mit Holzknüppeln, Stühlen, Besenstielen und sogar Hantelstangen. Von einer regelrechten Straßenschlacht war in Posts der Facebook-Gruppe „Du bist ein Harburger, wenn...“, die Rede, die mit aktuell 6743 Mitgliedern zu den größten des Bezirks gehört. „Wir hatten große Angst“, schrieb eine Userin: „Es war wie in amerikanischen Filmen, nur ganz real“. Auch unbeteiligte Passanten sollen dabei attackiert worden sein.

Erst ein alarmiertes Großaufgebot von Sicherheitskräften mit 19 Streifenwagen und einer Hundertschaft Bereitschaftspolizisten konnte die verfeindeten Gruppen trennen und die handgreifliche Auseinandersetzung auf diese Weise beenden. 16 Personen mussten ärztlich versorgt werden, zu den schwereren Verletzungen zählten unter anderem Armbrüche und mehrere Platzwunden im Kopfbereich.

„Zum Glück war die Polizei schnell zur Stelle und hat die Situation relativ schnell unter Kontrolle gebracht“, sagte der Sprecher der Hamburger Innenbehörde, Frank Reschreiter, dem Abendblatt. Der Vorgang sei aber nicht nur im Hinblick auf die vielen Verletzungen heikel gewesen. „Denn klar ist auch, dass solche Vorkommnisse der Willkommenskultur in unserer Stadt abträglich sind und die Hilfsbereitschaft vieler Hamburger arg strapaziert“, so Reschreiter.

Das wird auch in den Wortmeldungen der Facebook-Mitglieder deutlich. „Einige wissen es einfach nicht zu schätzen, dass ihnen hier eine sichere Umgebung ohne Krieg und Hunger zur Verfügung steht“, schrieb ein User. Seiner Meinung nach sollten kriminelle Asylbewerber sofort ausgewiesen werden: „Wer unsere Kultur und unsere Gesetze nicht schätzt und sich nicht daran halten will, dem steht es frei, wieder nach Hause zu fahren, oder sich anzupassen.“

Diese Haltung ist bei weitem kein Einzelfall mehr. Es gibt unterdessen auch viele Menschen, die auf die angespannte Lage in den ZEA-Unterkünften verweisen. „Keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit und zusammen mit vier Personen in einem Container. Auch die Ungewissheit, das ewige Warten auf eine Entscheidung und die fehlende Perspektive zehren an den Nerven der Menschen, die in den Camps leben müssen. Da ist es nicht erstaunlich, dass bei dieser Massen-Mensch-Haltung die Nerven blank liegen. Eine Kleinigkeit reicht aus, dass sich die ohnmächtige Wut Bahn bricht“, fasste ein User die Befindlichkeit der Asylbewerber in der Facebook-Gruppe „Harburger helfen Flüchtlingen“ zusammen.

Reschreiter bestätigte die Analyse indirekt. Weil nach wie vor nicht genügend Plätze in der öffentlich-rechtlichen Folgeunterbringung zur Verfügung stehen würden, seien viele der zehn Hamburger ZEA-Standorte überfüllt. „Die Regelkapazität beträgt eigentlich 3700 Plätze. Wenn Anfang Mai die Harburger Zweigstelle am Elbcampus mit 448 Plätzen öffnet, wird es in allen ZEA-Einrichtungen aber sogar 5250 Plätze geben“, sagt Reschreiter.

Um weiteren Konflikten zwischen Albanern und Eritreern vorzubeugen, sind die Afrikaner umgehend auf andere Standorte verteilt worden, etwa an das ZEA-Hauptquartier am Harburger Bahnhof. Ob das der ursprünglich für 500 Flüchtlinge konzipierten, aktuell aber mit knapp 700 Plätzen voll belegten Unterkunft auf dem Schwarzenberg nachhaltig Ruhe bescheren wird, bleibt aber fraglich. Laut Neuplanung der Senatskommission sollte das Camp Ende Juni endgültig geräumt werden. Darauf festlegen will sich aber niemand.