Harburg
Literatur und Alkohol

Im Buchstabenrausch an der Bar

Schreibtrainer Jörg Ehrnsberger (r.) liest am Tresen der Deichdiele seine Kneipengeschichte vor

Schreibtrainer Jörg Ehrnsberger (r.) liest am Tresen der Deichdiele seine Kneipengeschichte vor

Foto: Thomas Sulzyc

In Hamburgs erster Kneipen-Schreibwerkstatt in der Deichdiele lernen Autoren, den Perfektionsdrang abzulegen.

Wilhelmsburg. Mit Freunden in einer gemütlichen und vertrauten Umgebung zu trinken und zu sprechen sei eine der am gröbsten unterschätzten Freuden des Lebens, hat die New Yorker Autorin und Bargängerin Rosie Schaap in „Drinking with men“ geschrieben. Dass Literatur und Alkohol das Zeug zu engen Verbündeten haben, davon ist auch der Wilhelmsburger Schreibtrainer Jörg Ehrnsberger überzeugt. Er hat Hamburgs erste Kneipen-Schreibwerkstatt erfunden. Das neue literarische Format nach dem Motto “Write and drink“ („Schreibe und trinke“) hatte jetzt Premiere in der Bar Deichdiele in Wilhelmsburg.

Die Autoren schreiben im Barbetrieb . Sie trinken mit und lassen sich von der Umgebung inspirieren – von einem Song, der im Hintergrund läuft oder Gästen, die an den Tresen treten. Sechs Stunden haben die Autoren Zeit, ihre Kneipengeschichte zu Papier zu bringen oder in das Laptop zu hacken. Nebenbei gibt Jörg Ehrnsberger eine Einführung in die Theorie der Kurzgeschichte. Er beginnt bei Aristoteles und mahnt am Ende die überraschende Wendung an, die eine solche Geschichte haben sollte.

Jörg Ehrnsberger bringt also die Literatur dorthin, wo die Menschen sind. Und wo sie voll sind. Dass das Schreiben in der Kneipe in der heutigen, asketischen Zeit, in der selbst Dorfpolitiker im Gasthaus nur noch Mineralwasser bestellen, provozieren muss, ist ihm klar.

„Es ist eine Art Sakrileg, in der Kneipe zu schreiben“, sagt Jörg Ehrnsberger. Aber genau das nehme der Literatur den hohen Anspruch, den sie in Deutschland habe – und damit den Menschen die Berührungsangst mit ihr. „Wichtiger als der Alkohol ist der Ort, die Kneipe“, sagt der Schreibtrainer, „um den Perfektionsdrang herauszunehmen.“

Der Einfluss geistiger Getränke hilft, all das Belastende zu vergessen, das jeder im Deutschunterricht gelernt hat. „Ein bisschen Alkohol ist gut, um den inneren Kritiker zu überwinden“, sagt Ehrnsberger. So steht eine Kiste Bier der Marke Astra unter dem langen Holztisch, an dem sich die Autoren niedergelassen haben. Alle 60 Minuten unterstützt ein Longdrink den Buchstabenrausch, in kleineren Gläsern als an der Bar üblich. Gin mit Himberpüree, Zitrone und Soda lässt die Worte flutschen. „Die Drinks haben das Ganze flüssiger gemacht“, sagt die Autorin Christina, 52, zweideutig.

Entstanden ist die Idee zur der Kneipen-Schreibwerkstatt in der Bar. Jörg Ehrnsberger und Deichdielen-Wirt Andreas Kürschner waren sich einig: „Wir machen was mit Schreiben und Trinken.“

Für Jörg Ehrnsberger ist das keine Schnapsidee, sondern ein Format mit Potenzial, das erst Hamburg und dann die Welt erobern soll.

Der Poetry-Slam schaffte es aus den Kneipen in die Theater. Und der Rausch gehörte schon immer zur Literatur wie das Wasser zum Bier. Jack London gab mit „König Alkohol“ seine Lebensbeichte ab. Literaturkritiker loben Peter Wawerzinek, der in „Schluckspecht“ berichtet, wie der Suff sein Leben prägt.

Am Ende der Schreibwerkstatt lesen die Autoren am Tresen der Bar. Das Publikum lauscht den Geschichten über den Rausch. Christina, 47, lässt das Schicksal der Protagonisten ihres Bardramas offen – und die Gäste beginnen, über Varianten zu dem Ende der Story nachzudenken.

Spontan befeuert die Wirtin den Denkprozess: eine Runde Kräuterschnaps der Wilhelmsburger Marke „Deichbruch“ für alle – aufs Haus natürlich.

Fragen zur Kneipen-Schreibwerkstatt an:

ehrnsberger@literaturwegen.de