Harburg
Neu Wulmstorf

Mienenbüttel hat ein Verkehrsproblem

Auf der 80 Hektar großen Fläche des VGP Parks siedeln sich insbesondere Logistikunternehmen an

Auf der 80 Hektar großen Fläche des VGP Parks siedeln sich insbesondere Logistikunternehmen an

Foto: Ines van Rahden / VGP

Das Gutachten aus 2008 ist offenbar zur falschen Einschätzung des Verkehrsaufkommens gelangt. Die Gemeindeverwaltung will jetzt eine neue Studie.

Neu Wulmstorf.  Rotklinkerhäuser mit Rhododendren in den Vorgärten, Vogelgezwitscher, klare Luft. Ein typisches Bild für Mienenbüttel. Doch mit dem Ort an der Autobahn 1 bringt schon längst keiner mehr eine Dorfidylle in Verbindung, obwohl hier nur 250 Menschen wohnen. Mienenbüttel steht für den größten Logistikpark Deutschlands. Für 80 Hektar Gewerbe, für namhafte Mieter wie Geodis Logistics, DHL und C&A in riesigen Hallen. Die Wut der Bürger war groß, als der Park am Ortsrand entstand. Eine Initiative zog vor das Oberverwaltungsgericht, um den Park zu verhindern, scheiterte aber am Ende.

Jetzt müssen die Gegner des Parks feststellen, dass vieles von dem, was sie befürchtet haben, eingetreten ist: massive Verkehrsprobleme und quälender Lärm. „Der Verkehr hat sich genauso entwickelt wie wir es vorhergesagt haben“, sagt Markus Smid, ehemaliger Sprecher der Initiative. Offenbar gab es Fehler in der Verkehrsplanung.

Lediglich eine Ampel regelt den zu- und abfließenden Autobahnverkehr an der Bundesstraße 3. Die Folge: Der Verkehr staute sich in den Verkehrsspitzen so stark zurück, dass die Lastwagen zeitweise sogar auf der Fahrbahn der A 1 standen. Eine hohe Unfallgefahr. Auch auf der Bundesstraße 3 stehen am Nachmittag die Autos Schlange. Deshalb hat die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) Neu Wulmstorf bereits im vergangenen Jahr eine eigene Abfahrt in den Logistikpark gefordert.

Die Gemeindeverwaltung Neu Wulmstorf stützt die Forderung. Doch die Idee ist nicht neu. Schon bei der Planung des Gewerbegebiets stand eine direkte Autobahnabfahrt im Raum genauso wie ein Kreisel. Beides wurde von den Verkehrsbehörden abgelehnt. Dass es diesmal anders sein wird, glaubt keiner aus Neu Wulmstorf so recht. „Eine eigene Autobahnabfahrt zum Logistikpark wird es nicht geben“, ist etwa Malte Kanebley, Vorsitzender der CDU-Fraktion, überzeugt.

Um die Stausituation zu entschärfen, hat die Landesbehörde für Straßenverkehr den Ausfädelungsstreifen um 300 Meter verlängert und die Ampelschaltung optimiert. Das linderte das Problem etwas. „Aber die Verkehrsprobleme sind damit nicht gelöst“, sagt Hans-Werner Kordländer, Ortsvorsteher von Rade und Mienenbüttel. Denn der Logistikpark ist nur bis zur Hälfte ausgelastet. Sobald alle Flächen entwickelt sind, werden weitaus mehr Lastwagen in das Gewerbegebiet rein und raus fahren. „Die Ampelanlage wird den Verkehr nicht aufnehmen können“, sagt Kordländer.

Verwaltung und Politik haben inzwischen mehrere Punkte erarbeitet, mit denen sie an die niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr herangetreten sind. Dazu zählen neben der Autobahnausfahrt ins Gewerbegebiet, eine zweispurige Ausfahrt aus Richtung Hamburg, eine Verlängerung der Verzögerungsspur bis zum Buchholzer Dreieck und Überprüfung der Hinweisschilder an der A 1, der Ausfahrt und der B 3.

Doch das kostet viel Geld. Wer soll das zahlen? Die Landesverkehrsbehörde? Die Verwaltung? Damit kommt das Gutachten von 2008 ins Spiel, das offenbar von einem viel niedrigeren Verkehrsaufkommen ausgegangen ist, so dass die Planer eine eigene Autobahnabfahrt als nicht erforderlich ansahen. „Damals hießt es, der Knotenpunkt hält den Verkehr aus. Das kann man heute nicht mehr behaupten“, sagt SPD-Fraktionschef Tobias Handtke, der selbst fast täglich auf der Strecke unterwegs ist. Ortsvorsteher Kordländer sagt dazu nur knapp: „Das Gutachten ist völlig daneben.“

Die Gemeinde will jetzt eine zweite Studie in Auftrag geben und dafür 4000 Euro bereit stellen. Sie soll prüfen, ob der Verkehr tatsächlich höher ist als in der ursprünglichen Studie angenommen und warum der Knotenpunkt an der B 3 überlastet ist. Sollte das Ergebnis des Gutachtens sein, dass der Logistikpark die Verkehrsprobleme verursacht, wird die Verwaltung voraussichtlich die Kosten der Baumaßnahmen tragen müssen. Das Thema wird heute um 19.30 Uhr im Ausschuss für Verkehr, öffentliche Ordnung und Feuerschutz behandelt.

Mit den massiven Verkehrsproblemen könnten nun alte Wunden, die aufgrund der Auseinandersetzungen vor Gericht entstanden sind, wieder aufreißen. Viele Bürger sind auch heute noch bitter enttäuscht. „Ich finde es niederträchtig und hinterhältig, was man hier gemacht hat“, sagt ein 50-jähriger Kaufmann, der nicht namentlich genannt werden möchte. Der Hintergrund: Zunächst versprachen Politik und Verwaltung, dass sich am Rande des Gewerbegebiets Kleingewerbe ansiedeln werde. Doch jetzt stehen da ausschließlich riesige Hallen.

Beide Seiten – die Boykottierer und die Verwaltung – haben offenbar in dem Streit um den Logistikpark Federn gelassen. Wenn Bürgermeister Wolf Rosenzweig nach der schwierigsten Phase seiner Amtszeit gefragt wird, muss er nicht lange überlegen: Der Protest gegen den Logistikpark. Dennoch: SPD und CDU, die damals das Projekt maßgeblich unterstützten, stehen weiter dazu. Handtke sagt: „Ich bereue die Entscheidung nicht, die Begleiterscheinungen aber schon.“ Kanebley (CDU) verweist auf die entstandenen Arbeitsplätze.

500 Menschen haben im Logistikpark einen Job gefunden. Dafür zahlt Mienenbüttel allerdings einen hohen Preis. Der Logistikpark hätte fast den Ort entzweit. „Das Dorfgefüge und die Lebensqualität wurden stark beeinträchtigt“, räumt auch Handtke ein. Auf dem Höhepunkt der Protestwelle stritten sich die Anwohner, die sich vor Schwerlastverkehr und Lärm fürchteten mit den Befürwortern wie etwa den Landwirten, die ihre Flächen verkaufen wollten, und anderen, die den Zuwachs an Arbeitsplätzen hervorhoben. Inzwischen haben Gegner und Befürworter gelernt, dennoch miteinander Sommerfest, Faslam und Schützenfeste in Mienenbüttel zu feiern. Das Thema Logistikpark meiden sie.