Harburg
Susanne Rahlf

Seit zehn Jahren nur noch auf dem Rad

Karin Sager ist die frischgebackene neue Vorsitzende des ADFC Kreisverbands. Sie kämpft gegen Schilderwahn und unsinnige Verkehrsregeln

Harburg. Karin Sager fährt schon seit zehn Jahren kein Auto mehr – aus vollster Überzeugung. Ihr Fortbewegungsmittel ist das Fahrrad: „Ich bin schon mein ganzes Leben lang Rad gefahren“, erzählt die 56-Jährige, die mit ihrem Mann Rüdiger Henze in Asendorf lebt. Beide engagieren sich stark im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), seit einigen Wochen ist Karin Sager die neue Vorsitzende des Kreisverbands Harburg. Aufgewachsen ist sie auf dem Land in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. „Schon als Vorschülerin musste ich alleine los – immer mit dem Rad, es gab ja damals keine guten Busverbindungen“, berichtet die überzeugte Radlerin. Auch die 20-Kilometer-Strecke nach Neumünster radelte sie ihre ganze Schulzeit hindurch bei Wind und Wetter, anders als heute mussten viele Kinder selbst zusehen, wie sie von A nach B kamen, den Fahrservice der Eltern gab es da noch nicht.

Vielleicht auch aus diesen Erfahrungen wurde „Fahrrad macht frei, Auto macht abhängig“ zu ihrem Wahlspruch. Wenn sie einkaufen muss, kommt ein Anhänger an ihr Tourenrad, geht es zum Arzt oder hat sie einen Termin beim Friseur, sitzt sie ebenfalls auf dem Fahrradsattel. Rund Zehn- bis Zwölftausend Kilometer legt sie im Jahr auf ihrem Rad zurück. Dementsprechend sind sie und ihr fahrbarer Untersatz bestens präpariert. Ihr Tourenrad hat unplattbare Reifen, für die Winterzeit, in der die Straßen glatt sind, hat sie einen Satz Reifen mit Spikes in petto. Außerdem fährt sie nie ohne ihr dickes Kettenschloss. Die Stahlkette wiegt gute zwei Kilo, die mit einem dicken Schloss gesichert ist. Pendlern, die ihren Drahtesel an einem Bahnhof abstellen müssen, empfiehlt sie, sich zwei Ketten zuzulegen, „mit unterschiedlichen Schlössern.“ Ein weiterer Schutz gegen Langfinder ist der gelbe ADFC-Codierungsaufkleber, der auf ihrem Rad prangt. Die Codierung kann sie jedem Radler nur wärmstens empfehlen: „Alle Ortsgruppen bieten das für kleines Geld an, das macht wirklich Sinn“. An ihrem Drahtesel hängen zwei große rote Satteltaschen, hier ist alles drin, was sie braucht. Regenzeug und eine Garnitur zum Wechseln hat sie immer dabei, denn schließlich kommt man auf der Fahrt schon mal ins Schwitzen. In der Lenkertasche hat sie außerdem Taschentücher, einen Expandergurt und Müllbeutel. Die benutzt sie regelmäßig, wenn sie Glassplitter und Flaschen auf den Radwegen entdeckt.

Als Vorsitzende des Harburger ADFC Kreisverbands will sie vor allem für mehr Sicherheit für Radfahrer auf den Straßen und Wegen im Landkreis kämpfen. In Laufe ihres Radlerlebens hat sie selbst fünf Unfalle gehabt, erst vor kurzem ist ihr Mann Rüdiger Henze auf seinem Pedelec an der Abbiegung zu einem kleinen Gewerbegebiet in Ramelsloh von einem Auto angefahren worden. De Fahrer hatte ihm die Vorfahrt genommen, wegen eines Firmenaufstellers direkt an der Einmündung hatte er den Mann nicht gesehen. Zum Glück ging der Unfall einigermaßen glimpflich aus, das 3000 Euro teure Bike allerdings ist ein Totalschaden.

Auf einer Radeltour durch Seevetal fährt sie mit dem Abendblatt an die Stellen, wo es ihrer Meinung nach besonders gefährlich ist, die Stelle in Ramelsloh, wo ihr Mann verunglückt ist, ist nur eine von vielen. Gleich beim Start in Hittfeld hat sie den ersten Brennpunkt ausgemacht. An der Ortsdurchfahrt in Höhe der Einmündung zur Kirchstraße hält sie an. Hier moniert sie eine fehlende Beschilderung und Fahrbahnmarkierung, die zur Folge haben, dass Radler auf der linken Seite über einen Zebrastreifen in Richtung Jesteburg auf einem völlig maroden Fußweg fahren. „Eigentlich müssten die Radler auf der rechten Seite auf der Straße fahren. Doch wenn die dicken Lkw durch den Ort brettern, haben die meisten Angst“, hat Sager festgestellt. Die wenigsten, denen ihr Leben lieb ist, und die deshalb verbotenerweise auf der linken Seite durch Hittfeld auf dem Bürgersteig fahren, wissen, dass dies bei einem Unfall möglicherweise unschöne Folgen haben könnte: „Wenn zum Beispiel ein Auto aus einer Ausfahrt kommt und einen Radler anfährt, kann der sich eine Teilschuld einhandeln.“ Karin Sager selbst fährt deshalb nur noch außerhalb der Ortschaften auf den Radwegen. Sobald sie ein gelbes Ortsschild passiert hat, schwenkt sie auf die Straße: „Man wird viel besser gesehen. Ich habe seitdem keinen einzigen Unfall mehr gehabt“.

An der neu gebauten Ortsumgehung um Hittfeld herum stiften auf dem Radweg gemalte Vorfahrtzeichen an der Abzweigung nach Lindhorst Verwirrung. Radler die geradeaus in Richtung Maschen fahren, müssen trotz Vorfahrtsstrecke an der Kreuzung halten. Logik sieht anders aus. Eine kleine Atempause vom hektischen Straßenverkehr bietet die Strecke in Richtung Horster Mühle an der Seeve entlang: „Ein echter Traum, von diesen Fahrmöglichkeiten durch die Natur müsste es viel mehr geben.“ In gemütlichem Tempo geht es weiter nach Ramelsloh. Kurz vor dem Kreisel am Ende des Dorfes hält Karin Sager an und weist auf blaue Verkehrsschilder hin, die auch schnellen Mofa- und E-Bike-Fahrer die Benutzung des Radwegs erlauben: „In meinen Augen ist das ein ‚No go‘, die müssen auf die Straße“. Wer mal mit Karin Sager radeln möchte, kann eine ihrer Tourangebote wahrnehmen. Sie ist nicht so sehr die Heidefahrerin, sondern will Jüngere ansprechen: „Ich fahr ganz gern ins Hard Rock Café oder auf den Dom nach Hamburg.“

Mehr Infos über die Arbeit des Harburger Kreisverbands, über Touren und Angebote gibt es im Internet: www.adfc-kreis-harburg.de