Harburg
Seevetal

Konflikte lösen – ohne Sieger und Verlierer

Ehrenamtliche Schiedspersonen vermitteln bei Streitigkeiten unter Nachbarn. In mehr als 80 Prozent der Fälle geht es um Lappalien

Seevetal. Bekanntlich ist es heute schwierig, Freiwillige für verantwortungsvolle Ehrenämter zu finden. Kaum noch ein Verein, der nicht große Mühe hätte, Vorstandsposten zu besetzen. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich und erfreulich, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich als Schiedsperson zu engagieren. Deren Aufgabe ist es, mit Feingefühl und gesundem Menschenverstand Konflikte zu schlichten und auf eine außergerichtliche Einigung der Streitparteien hinzuwirken.

Sie verpflichten sich für mindestens fünf Jahre dazu, sich mit oftmals um Lappalien streitenden Nachbarn, mit Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch zu befassen. Und das beinahe gratis. Schiedspersonen bekommen nur eine geringe Aufwandsentschädigung für ihre Friedensmission an heimischer Front.

Die Gemeinde Seevetal sucht momentan solche „Landesehrenbeamte auf Zeit“ und war bereits vor Ablauf der Bewerbungsfrist in der komfortablen Lage, unter mehreren Anwärtern auswählen zu können. „Mir liegen bereits sieben Anfragen vor. Möglicherweise werden noch weitere dazukommen“, sagt Ron Gauger.

Dem Leiter der Ordnungsabteilung obliegen die Prüfung der Anträge und das Treffen einer Vorauswahl in Zusammenarbeit mit den Ortsräten. Die Wahl erfolgt durch den Gemeinderat. Für die Ernennung, Beaufsichtigung und fachliche Unterstützung der Schiedspersonen ist das Winsener Amtsgericht zuständig.

„In mehr als 80 Prozent aller Fälle, zu denen eine Schiedsperson hinzugezogen wird, geht es um Büsche und Bäume“, weiß Amtsgerichtsdirektor Albert Paulisch. Durch das Wirken der Schiedsmänner und -frauen landen deutlich weniger Streitigkeiten des klassischen Nachbarschaftsrechts vor Gericht.

Denn der Weg zur Klage steht laut Gesetz in diesen und einigen strafrechtlichen Konflikten nur dann offen, wenn ein Schiedsverfahren voraus gegangen ist und keine Einigung erzielt werden konnte. „Die danach folgenden Gerichtsverfahren werden in der Regel sehr energisch geführt. Den Kontrahenten geht es meist weniger darum, ob der Prozess wirklich etwas einbringt. Ihnen ist wichtig, die eigene Position durchzusetzen und Recht zu bekommen“, sagt Paulisch.

Schiedspersonen sprechen kein Recht und fällen keine Urteile. Am Ende eines erfolgreichen Schiedsverfahrens steht eine von beiden Streitparteien unterschriebene Vereinbarung, die drei Jahrzehnte rechtskräftig ist und im Fall der Nichteinhaltung vollstreckt werden kann.

„Ich habe früher gar nicht gewusst, welche Probleme es im Alltag so gibt“, sagt Diethelm Krause, der nach 16 Jahren als Schiedsmann des Bezirks Seevetal II nun aus gesundheitlichen Gründen sein Amt aufgeben muss. Weit mehr als 100 Verfahren und ein Vielfaches von Tür-und-Angel-Fällen hat er in der Zeit bearbeitet. „Es wäre unverantwortlich, die Gerichte mit diesen Bagatellen zu belasten“, findet der 72 Jahre alte Ex-Bankkaufmann.

Und tatsächlich: Die Vorteile der Schlichtungen gegenüber Gerichtsverfahren liegen auf der Hand: Schiedsverfahren erfolgen zeitnah, sind kurz, kostengünstig und vertraulich und ermöglichen beiden Beteiligten, das Gesicht zu wahren.

Keiner der Kontrahenten soll schließlich das Gefühl haben, Verlierer zu sein. Denn nur so sind weitere potenzielle Konflikte unter Nachbarn zu vermeiden. „Es gilt, eine Lösung zu finden, mit der beide leben können und über die später nicht mehr gestritten wird.“ So formuliert es Uwe Martens, der Geschäftsführer der Bezirksvereinigung Lüneburg des Bundes Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen.

Frieden und Kompromissbereitschaft zu schaffen, wo zuvor Streitklima vorherrschte, ist nicht leicht. Der Gesetzgeber fordert von Schiedspersonen, dass sie mindestens 30 Jahre alt sind, in ihrem Schiedsamtsbezirk wohnen und „nach ihrer Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten für das Amt geeignet“ sind. Eine juristische Ausbildung ist nicht nötig. „Schiedspersonen sollten Land und Leute kennen, keine Kontaktscheu haben und in der Mitte des Lebens stehen. Kommunalpolitiker sind meist gut geeignet“, weiß Richter Paulisch aus Erfahrung.

Uwe Martens ist es wichtig, dass die Ehrenamtsträger im wörtlichen wie im übertragenen Sinn die Sprache der Antragsteller sprechen. „Es sollten nach Möglichkeit keine Akademiker sein. Denen fehlt oft die nötige Bürgernähe“, meint der ehemalige Bahnbeamte, der selbst seit einem Viertel Jahrhundert Schiedsmann ist und in dieser Zeitspanne 125 Fälle bearbeitet hat, also etwa fünf jährlich. Durchschnittswerte hätten aber wenig Aussagewert, meint Martens.

„Es gibt Schiedsleute, die haben mehr als 20 Fälle im Jahr, andere gar keinen.“ Dennoch kann Martens Zahlen liefern, die die beachtliche Leistung der 631 niedersächsischen Schiedspersonen zeigen. 2013 wurden landesweit 2065 größtenteils nachbarrechtliche Anträge gestellt, davon 1700 zur Verhandlung gebracht und in rund zwei Drittel der Fälle – nämlich 1218-mal – Vergleiche geschlossen. Noch besser ist die Bilanz im Bereich des Strafrechts: Aus 250 Anträgen folgten 213 Verhandlungen, dabei wurden mehr als die Hälfte (121) mit Vergleich beendet.

Die Masse machen aber die sogenannten „Tür und Angel Fälle“ aus. Von den Anliegen, die nicht offiziell als Antrag bearbeitet, sondern vom Schiedsmann auf eher privater Basis mit den am Streit Beteiligten verhandelt werden, gab es 2013 immerhin 3776. Diese Praxis sei besonders in den Dörfern verbreitet, weiß Martens. „Man kennt sich schließlich untereinander.“

Er bedauert, dass viele Schiedspersonen zu dieser einfach erscheinenden Lösung neigen. „Das erspart ihnen zwar erst einmal viel Papierkram, ist aber weniger nachhaltig.“ Denn die „Tür und Angel Fälle“ haben einen Haken: Wird die Einigung nur mündlich ausgehandelt, gibt es kein rechtsgültiges Schriftstück. Somit ist die Vereinbarung im Zweifelsfall nicht durchsetzbar.

Amtsrichter Paulisch sieht das weniger kritisch. „Hauptsache, die Leute reden überhaupt miteinander. Wichtig ist doch der Frieden im Ort!“ Ihm zufolge komme eine Eskalation nach per Handschlag besiegelter Einigung eher selten vor.

Das größte Problem sehen sowohl der Richter als auch der Bezirks- und Landesverbandschef in der starken Überalterung. Nahezu alle der 105 überwiegend männlichen Schiedspersonen im Bezirk Lüneburg sind älter als 60 Jahre. Das habe zuweilen Mangel an Engagement zufolge und gerade bei jüngeren Antragstellern fehle es durch den großen Altersunterschied an Vertrauen. Auch die Bewerber um die Seevetaler Schiedsämter sind nicht mehr jung: Zwei der vier Damen und drei Herren sind weit über 70, drei in den 60-ern, einer Ende 50.

Nur eine Kandidatin hebt sich mit nur 35 Jahren deutlich ab. Des hohen Altersschnitts ungeachtet ist man in Seevetal sehr erfreut über die unerwartet hohe Einsatzbereitschaft. „Auswählen konnten wir meines Wissens noch nie“, sagt Ron Gauger.

Amtsrichter Paulisch meint, das große Engagement in Seevetal sei keine Ausnahme. „Das Interesse, sich in diesem wichtigen gesellschaftlichen Bereich einzubringen, wächst“, hat er beobachtet. Uwe Martens kann einen solchen Trend nicht bestätigen. Er selbst ist „U80“ und möchte seit langem als Schiedsmann und Verbandsvorsitzender „den geordneten Rückzug antreten. Aber es gibt ja keinen Nachfolger. “

Seevetaler Bürger, die aktiv werden möchten, haben noch die Chance dazu. Im Schiedsamtsbezirk II – bestehend aus den Ortschaften Hittfeld, Fleestedt, Emmelndorf, Glüsingen, Metzendorf, Beckedorf, Lindhorst und Helmstorf – wird zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine neue Schiedsperson gesucht. Interessierte können sich in der Ordnungsabteilung der Gemeinde Seevetal unter der Telefonnummer 04105/55-2242 oder per E-Mail unter ordnungsamt@seevetal.de melden.