Harburg
Dibbersen

In Dibbersen herrscht jetzt Ruhe

Leben und arbeiten mit der B75 neu: Anwohner freuen sich, Geschäftsleute stehen noch vor großen Herausforderungen

Dibbersen. „Endlich haben die Politiker mal was richtig gemacht“, sagt Ernst Fengler. Der Buchholzer, der den Seniorentreff in der Dibberser Mühle besucht, meint die B75 neu, die vor drei Monaten eröffnet wurde und den Verkehr nun um Dibbersen herum leitet. Auch Christa Brinkmann aus Buchholz ist begeistert: „Unwahrscheinlich, wie leer das jetzt ist!“ Die Harburger Straße, die alte B75, sei jetzt leicht zu überqueren. Wolfgang Messow, ehrenamtlich im Ort engagiert, sieht das mit Sorge. Denn autofrei ist die B75 alt nicht. „Manche nutzen die Fußgängerampel nicht mehr. Wir wollen sie aber erhalten, für jene, die mit dem Rollator die Straße überqueren.“

Noch nicht so ganz an die neue Verkehrsführung gewöhnt hat sich Wolfgang Ambos aus Dangersen. Er ist einer der Ehrenamtlichen, die für den Seniorentreff den Fahrdienst machen. „Ich habe mich doch glatt verfahren“, sagt er. Er ist nicht der einzige. Immer wieder halten auswärtige Autofahrer am Straßenrand. Wenn Wolfgang Messow in der Nähe ist, hilft er gern. „Nicht jeder hat die aktuelle Software in seinem Navi“, weiß er. So wie jener Bierwagenfahrer, der gerade vor Hotel Frommann gestrandet ist: „Nach Tostedt?“ ruft er einem der Bauarbeiter zu, die die Kreuzung nach Buchholz und Emsen umbauen, deswegen geht es hier im Moment nicht weiter. „Da musst du wenden und zurück“, ruft der zurück.

Für Heiner Frommann ein Ärgernis: „Erst im vorigen Jahr haben wir unseren Parkplatz planiert. Und jetzt brettern die 40-Tonner drüber“, klagt der Gastwirt. Die neue Straße hat für ihn Vor- und Nachteile: Die Durchreisenden, die zum Mittagstisch anhalten, gibt es nicht mehr. „Das ist aber generell nicht mehr so gefragt“, erläutert er. Deshalb sei die Küche werktags schon seit August mittags nicht mehr geöffnet. Die Hotelgäste freue es hingegen, dass es jetzt viel leiser ist. Viele Stammkunden hätten schon angekündigt: „Wir freuen uns auf die Biergartensaison.“ Am Wochenende brummt der Laden, „besser als im Vorjahr.“ Nun freut sich Frommann auf das jährliche Oldtimertreffen, das er diesmal am 11. und 12. April ausrichtet.

Die Betriebe machen weniger Umsatz – auch, weil immer noch gebaut wird

Schräg gegenüber, bei McDonald’s, hat sich die Lage stabilisiert. „Zu Beginn der Bauarbeiten hatten wir einen Einbruch, heute fehlt uns etwa jeder siebte Gast“, erläutert die Chefin Frauke Petersen-Hanson, die Franchisenehmerin von insgesamt drei Restaurants ist. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass beim Personal nicht gespart werden musste. „Wir haben die Mitarbeiter auf die anderen Filialen verteilt. Alle haben mitgezogen“, sagt sie. In Dibbersen arbeiten 42 Angestellte in Voll- und Teilzeit. Inzwischen hätten die Kunden festgestellt, dass McDonald’s dank der neuen Straßenführung schneller zu erreichen ist als vorher. Einen Schub verspricht sie sich vom Umzug der Aral-Tankstelle aufs Nachbargrundstück.

Aral-Pächter Andreas Hermann ist mit der Situation alles andere als glücklich. Weil die Straße ein halbes Jahr früher als geplant fertig geworden ist, hinkt der Neubau der Tankstelle hinterher. Obwohl Aral im Hinblick auf die B75 neu die Fläche schon vor sechs Jahren gepachtet hat. „Die Baugenehmigung hat sich verzögert und liegt erst seit Dezember vor“, sagt er. Er geht davon aus, dass erst im April mit dem Bau der neuen, kleineren Tankstelle ohne Waschanlage begonnen wird. Die Zeit drängt, denn seit der Freigabe der B75 neu ist der Umsatz um 30 Prozent eingebrochen. Die Sperrung wegen des Kreuzungsumbaus ist nicht hilfreich.

Eigentlich wollten die Gewerbetreibenden einen Werbepylon aufstellen. Weil die neue Straße in einer Senke verläuft, sind ihre Betriebe von dort aus nicht zu sehen. Doch die Stadt Buchholz hatte das abgelehnt. Bei McDonald’s steht jetzt ein kleinerer Mast, ein Kompromiss. „Er leuchtet nur in Richtung Gewerbegebiet, in Richtung Siedlung ist er von einem Wäldchen verdeckt“, sagt Frauke Petersen-Hanson. Auch Andreas Hermann darf seine Benzinpreise dort maximal auf 8,50 Höhe anzeigen.

Dimitriou Georgios macht sich Sorgen. Vom Umsatz seiner „Taverna Rhodos“ hängt seine Familie – Ehefrau und Sohn – ab. Die Laufkundschaft zu Mittag sei weg. Während der Bauzeit seien die Bauarbeiter oft eingekehrt. „Die Leute, die kommen, sind sehr zufrieden, aber es sind zu wenige. Dibbersen ist zu klein, die Leute wollen ja nicht ständig zum Griechen“, sagt er. Er hofft, dass er mit dem Lieferservice, den er jetzt anbieten will, die Defizite ausgleichen kann. Ein Flyer ist in Arbeit.

Stellenabbau kam für den Fliesenhandel Demireks nie in Frage. „Wir sind auf Endverbraucher nicht angewiesen, unser Hauptgeschäft ist der Groß- und Außenhandel“, sagt Prokurist Mahmud Srouji. „Die Laufkundschaft hätten wir aber gern mitgenommen. Ohne Umgehungsstraße hätten wir jemanden dafür einstellen können.“

Familie Gollnick an der Harburger Straße hat ein neues Lebensgefühl. „Es ist sehr ruhig geworden“, freut sich Horst Gollnick (65). „27.000 Fahrzeuge täglich – das ist schon eine Menge gewesen. An die Ruhe haben wir uns schnell gewöhnt.“ Seine Frau Anke, die in dem Haus aufgewachsen ist, ergänzt: „Autoverkehr gab es hier immer. Früher war es morgens der Strom nach Hamburg und abends zurück. Aber es wurde immer mehr, vor allem die Lkw. Wenn die nachts an der Ampel anfuhren, war das laut.“ Trotz Lärmschutzfenster, und bei offenem Fenster fernsehen war sowieso unmöglich. Jetzt können die Gollnicks können auf ihrem Balkon sitzen und die Sonne genießen. Nur ihr „Spiel“ fällt nun weg: „Wenn die Sonne tief stand, konnten die Autofahrer nicht erkennen, ob die Ampel rot oder grün zeigt. Wir haben dann immer gewettet, wer vorzeitig los fährt“, sagt Anke Gollnick.

Am 18. Juli wird auf der alten B 75 ein Straßenfest gefeiert

Es gibt auch Bürger, die anfangs weniger begeistert waren. Jene, die jetzt auf die B75 neu schauen, beziehungsweise auf den Lärmschutzwall. „Die Proteste sind aber leiser geworden“, weiß Wolfgang Messow. Der Lärmschutzwall werde noch bepflanzt, kündigt Ortsbürgermeisterin Gudrun Eschment-Reichert an. Sie sieht als wichtigste Aufgabe nächsten Zeit den Rückbau der alten Bundesstraße, die Fördermittel aus dem Dorferneuerungsprogramms würden jetzt beantragt. „Dass die Ortschaft wieder richtig zusammenwachsen kann, werden wir am 18. Juli mit einem großen Straßenfest auf der alten B75 feiern“, kündigt sie an. „Manchmal fühlt es sich immer noch an wie ein kleines Wunder.“