Harburg

Ein Bahnwaggon als Zeitzeuge

Im Frühjahr 1945 kamen mehr als 250 KZ-Häftlinge in Lüneburg ums Leben. Ab Sonntag haben sie ein Mahnmal

Fünf Tage befindet sich der Zug schon auf dem Weg. Hinter den geschlossenen Toren der Güterwaggons sind Menschen, die vom KZ-Außenlager Wilhelmshaven nach Neuengamme gebracht werden sollen. Bei einem Halt am Bahnhof Lüneburg kommt der Tod ausgerechnet aus den Bombenschächte derer, die sie eigentlich befreien sollen: US-Flugzeuge werfen im März 1945 ihre tödliche Last wenige Wochen vor Kriegsende über dem Bahnhof ab. Zahlreiche Häftlinge sterben bei dem Angriff. Wer die Bomben überlebt, wird in unmittelbarer Nähe von den Wachen, die den Zug begleiten, erschossen. Vergangen, vergessen. Dies wird sich jedoch bald ändern. Ein Eisenbahnwaggon wird künftig in Lüneburg an die 256 getöteten KZ-Häftlinge erinnern.

Schon seit zehn Jahren beschäftigt sich die Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V. mit dem Gedanken, einen Waggon gegen das Vergessen zu präsentieren. Fehlende finanzielle Mittel sowie mangelnde Aufstellungsmöglichkeiten verhinderten lange die Realisierung des Projekts. Ein Zusammenschluss der Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V. mit dem Berufshilfsträger job.sozial und anderen Kooperationspartnern ermöglichte schlussendlich doch noch die Fertigstellung des Waggons. Am kommenden Sonntag, 22. März 2015, ist es endlich soweit: Ein Güterwaggon wird um 11.30 Uhr im Lüneburger Wandrahm-Park zum Mahnmal. Dort soll er künftig an die Ereignisse im Zusammenhang mit dem KZ-Transportzug vom Spätwinter 1945 erinnern und mahnen.

Alleinig um die Schaffung einer Mahnstätte ging es bei dem Vorhaben jedoch nie. „Das Ziel des Projekts ist nicht ausschließlich, eine Gedenkstätte zu errichten“, sagt Projektleiter Michael Raykowski. „Wir wollen Langzeitarbeitslose wieder an die Arbeitswelt gewöhnen und sie im Idealfall dauerhaft an Firmen vermitteln.“ Meist gelingt das Vorhaben. 50 Prozent der Arbeiter erhalten im Anschluss an die Projekte von job.sozial eine Ausbildungsstätte oder einen festen Arbeitsplatz. Erst kürzlich ist das wieder gelungen. „Das sorgt natürlich für große Freude“, so Raykowski. Neben einer erfolgreichen Integration in den Arbeitsalltag, steht für den Projektleiter besonders die Stärkung des Selbstbewusstsein seiner Mitarbeiter im Fokus. „In unserem Projekt klopft ihnen endlich mal jemand auf die Schulter. Unglaublich, was eine schlichte Bestätigung des eigenen Könnens für Kräfte freisetzen kann.“ Wie schnell das Selbstwertgefühl durch Arbeitslosigkeit zerstört wird, weiß er aus eigener Erfahrung. „Am schlimmsten war es auf den Familienfeiern“, so Raykowski, „sich als arbeitslos outen zu müssen, ist unglaublich erniedrigend.“

Damit den Arbeitssuchenden möglichst schnell geholfen werden kann, ist für Raykowski das tägliche Beisammensein ganz besonders wichtig. „Nur so können wir auf die ganz individuellen Vorlieben und Eigenschaften der Menschen eingehen“, berichtet er. Um genau das garantieren zu können, hat sich das Team um Raykowski nicht weit vom Bahnhof eine ganz eigene Arbeitsstätte errichtet. Passend zum „Waggon-Projekt“ wird nicht in klassischen Büros, sondern in selbst renovierten Eisenbahnwaggons und Bauwagen geschuftet. Einer der Wagen dient als kleine Stahlwerkstatt, ein anderer wurde zum Aufenthaltsraum umfunktioniert. Dort sorgen ein langer Tisch und ein kleiner Holzofen in der Ecke für Gemütlichkeit. „Wir machen hier immer gemeinsam Pause“, sagt der Projektleiter.

Sowohl die Anleiter, wie auch die Teilnehmer scheinen sich hier sichtlich wohl zu fühlen. In dieser angenehmen Umgebung kam es dann zu der originalgetreuen Restaurierung des aus den 1920/30er-Jahren stammenden Güterwaggons der Deutschen Reichsbahn. Das Ergebnis kann sich in jedem Fall sehen lassen.

Aber da nicht nur eine angenehme Arbeitsumgebung zum Gelingen beiträgt, sucht Raykowski primär nach Objekten, die für allgemeine Aufmerksamkeit sorgen. „Die Motivation unter den Teilnehmern ist dann gleich eine ganz andere“, erzählt er. Mit seiner enormen Motivation hat ihn letztlich besonders ein Syrer beeindruckt. „Obwohl der eigentlich Frisör werden will, hat er mit einer unglaublichen Motivation geglänzt“, lächelt er. Schon in einem vorherigen Projekt, dem Nachbau des historischen IImenau-Ewers und des Salzprahms, bewies der Berufshilfeträger job.sozial, wie gut sich das Integrationsprojekt für arbeitslose Menschen mit einem allgemeinen Nutzen für Lüneburg verbinden lässt.