Harburg
Langeloh

Lobby für die Frauen auf dem Lande

Karin Plate und Birgit Meyer haben zwölf Jahre lang den Landfrauen-Kreisverband Harburg angeführt. Ein Blick zurück und nach vorn

Langeloh. Wenn die Landfrauen am Montag in Nenndorf einen neuen Kreisvorstand wählen, wird Karin Plate, die das Amt der Ersten Vorsitzenden zwölf Jahre inne hatte, nicht mehr kandidieren. Auch ihre Stellvertretern Birgit Meyer legt, ebenfalls nach zwölf Jahren, ihr Amt nieder. Die beiden 55-Jährigen, die sich seit Schulzeiten kennen, blicken zurück auf eine spannende Zeit.

„Ich habe damals einen tollen Vorstand übernommen“, sagt Karin Plate eingangs. Eine gute Basis für eine erfolgreiche Amtszeit, in die auch ein so spannendes Projekt wie die Landesgartenschau 2006 in Winsen fiel. Die Landfrauen hatten zwei Projekte übernommen: Sie bildeten für die Schau 30 Gästeführerinnen aus, die am Ende 1400 Besucher über das Ausstellungsgelände begleiteten. Zudem erhielten die Landfrauen ein eigenes Areal auf der Landesgartenschau. Der Schaugarten mit dem Themenschwerpunkt Kräuter ist bis heute erhalten und wird vom Winsener Landfrauenverein betreut. Auch ein Kräuter-Kochbuch ist dabei entstanden. Schöner Nebeneffekt: „Wir haben viele neue Mitglieder dadurch gewonnen“, sagt Karin Plate. In ihrer Amtszeit sind die 15 Ortsvereine auf insgesamt 5500 Mitglieder angewachsen.

Aufgabe der Landfrauenvereine ist, die Interessen von Frauen und deren Familien auf dem Lande zu vertreten. Damit sind ausdrücklich alle Frauen angesprochen, nicht nur diejenigen aus Landwirtsfamilien. „Die machen nur zehn Prozent der Mitglieder aus“, erläutert Birgit Meyer. So liegt ein Aufgabenschwerpunkt in Bildungsangeboten – vom Vortrag über Reisen bis hin zu beruflichen Qualifikationen. Meist in Zusammenarbeit mit der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) als Träger werden Kurse für Seniorenbegleiterinnen oder Pflegefachhelferinnen angeboten. Bis vor wenigen Jahren boten die Landfrauen auch Tagesmütterkurse an, wegen strengerer Richtlinien und damit gesunkener Nachfrage gibt es derzeit solche Kurse nicht mehr. Die Altenpflegekurse richten sich an Berufsrückkehrerinnen, Arbeitslose, aber auch Migrantinnen – und prinzipiell auch an Männer. Viele schließen an den Kursus eine Ausbildung zur Pflegefachkraft an.

Ein großer Erfolg ist das Projekt „Kochen mit Kindern“ vom Niedersächsischen Landfrauenverband, das der Harburger Kreisverband in Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum am Kiekeberg anbietet. Dort sind zwei Oecotrophologinnen im Einsatz. „Auf unsere Initiative hat das Kiekeberg-Museum im Agrarium die Lehrküche eingerichtet“, sagt Karin Plate. An dem Projekt haben in zehn Jahren landesweit 200.000 Kinder teilgenommen. Die Landfrauen haben auch hier die Dozentinnen dafür qualifiziert, Voraussetzung war, dass sie einen hauswirtschaftlichen Beruf hatten. Zu den regelmäßigen Angeboten gehören auch das jährliche Religionsseminar oder die Kurse „Fit fürs Ehrenamt“, das sich an die Mitglieder richtet, die in ihren Ortsverbänden einen Vorstandsposten übernehmen wollen.

Nach außen hin betreiben die Landfrauen Lobby- und Aufklärungsarbeit, ein Schwerpunkt ist Ernährung. „Da sind viele Alltagskompetenzen verloren gegangen“, sagt Birgit Meyer. „Zum Beispiel haben wir vor vier Jahren schon die Kampagne ‚Zu gut für die Tonne’ gestartet, um auf zu viele weggeworfene Lebensmittel hinzuweisen. Das kommt erst jetzt in den Köpfen an“, sagt die gelernte Hauswirtschafterin Karin Plate. Und die Landwirtin Birgit Meyer ergänzt: „Die Menschen regen sich auf über Massentierhaltung – werfen 25 Prozent der Lebensmittel weg.“

Netzwerken ist eine wichtige Aufgabe für die Vorstandsdamen. Zum Beispiel, um interessante Referenten für Vorträge zu gewinnen, oder sich in politische Debatten einzubringen. Alles hängt von Kontakten ab, ob zu lokalen Politikern oder anderen Landfrauenvereinen. Eng ist auch die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft – mit der Landwirtschaftskammer, insbesondere mit der Beraterin Heike Dittmer, und mit dem Landvolk. Gemeinsam werden Fortbildungen zu landwirtschaftlichen Themen angeboten, wie das Treckerseminar. Der Landfrauen-Kreisvorstand ist auch automatisch Vorstandsmitglied beim Landvolk, dessen Vorstand von Männern dominiert wird. „Die Herren haben Ideen, aber sind sich oft nicht so ganz klar darüber, wie sie umzusetzen sind. Da müssen wir dann ran“, sagen Plate und Meyer augenzwinkernd. Das gilt auch im Umgang miteinander. „Karin hat immer so viele Ideen, und ich muss sie dann oft in die Realität zurückholen“, sagt Birgit Meyer über ihre Kollegin und Freundin. Da fliegen schon mal die Fetzen, „aber keine Angst, das gehört für uns dazu“, sagten sie.

Ab Montag beginnt für sie beide ein neuer Lebensabschnitt. Karin Plate, die im Örtchen Langeloh bei Tostedt Ferien auf dem Bauernhof anbietet, will sich auf ihre Arbeit im Landesvorstand der Landfrauen konzentrieren, wo sie seit einem Jahr tätig ist. Und Birgit Meyer legt ihr Amt auch deshalb nieder, weil ihr Job bei einer Landberatungsfirma und die Arbeit auf dem eigenen Hof eher mehr als weniger werden. Aus dem Vorstand wird auch die zweite Stellvertreterin Birgit Mollenhauer ausscheiden. Im Vorstand bleiben wollen Hilke Koch, Angelika Meyer und Britta Meyn, Sybille Kahnenbley kandidiert als Erste Vorsitzende, außerdem treten Martina Wiegers und Margret Riedel an.

„Ich möchte keinen Tag missen“, sagt Karin Plate zum Ende ihrer Amtszeit. „Ich habe so viele tolle Frauen kennengelernt.“ Birgit Meyer faszinierte auch die Möglichkeiten zu gestalten und sich weiterzuentwickeln. „Wir können uns ja auch bei allen Themen einbringen, ob Fracking, Y-Trasse oder Energiewende – was auch das Jahresthema ist“, sagt Karin Plate. Ihr Fazit: „Es gibt nichts schöneres als Landfrauenarbeit!“