Harburg
Bendestorf

Seniorenpaar im Urlaub abgezockt

Eigentlich wollten die Schmidts aus Bendestorf auf Teneriffa nur einen Tablet-PC kaufen, am Ende waren 4000 Euro weg

Bendestorf. Hildegard Schmidt (Name geändert) schläft zurzeit keine Nacht durch. Immer wieder wacht die 74-Jährige neben ihrem Mann Werner auf und grübelt stundenlang. Sie ärgert sich über sich selbst, über ihre Gutgläubigkeit und ihre Naivität. Das es so ist, das hat sie Schwarz auf Weiß, wenn sie sich ihre Kontoauszüge anschaut. Denn dort fehlen seit ein paar Wochen knapp 4000 Euro. Das Ehepaar, das in Bendestorf lebt, ist Opfer einer perfiden Abzocke geworden, mit der vor allem ältere Menschen um ihr Geld gebracht werden. Heute ist es Hildegard Schmidt peinlich, dass sie sich so hat über den Tisch ziehen lassen. Ihren wirklichen Namen möchte sie deshalb nicht in der Zeitung lesen. Aber, sie kann auf der anderen Seite nicht akzeptieren, dass sie völlig machtlos gegenüber den Gaunern ist, die sie um ihr Geld gebracht haben: „Ich finde man muss andere vor dieser Masche warnen“, sagt die Seniorin und erzählt deshalb auch ganz selbstkritisch, wie der schmerzhafte Betrug zustande gekommen ist.

Die Schmidts verbringen einen Teil des Winters im sonnigen Süden. Zwei Monate Kanaren, von Ende Januar bis Anfang März, gönnt sich das Paar auf Teneriffa im eigenen kleinen Feriendomizil. Sie genießen die Sonne, die milden Temperaturen, das gute Essen. Natürlich ist auch ab und zu ein Bummel durch die Geschäfte angesagt. So auch Ende Februar. Das Paar war an diesem Tag im Süden der Insel unterwegs und machte einen Spaziergang auf der Strandpromenade Playa de Troya. Hier hat man einen schönen Blick auf das Meer, hier gibt es viele Geschäfte, mit allem, was das Touristenherz begehrt. Klamotten, Souvenirs, zwischendurch eine Bar und viele Geschäfte in denen man elektronische Artikel aller Art kaufen kann.

Vor einem dieser Läden blieben die Schmidts stehen und begutachteten die Auslage. Hildegard Schmidt wollte schon lange einen kleinen Tablet-PC haben, sie will im Urlaub auch im Internet surfen und Mails abrufen, ohne jedes Mal ein schweres Laptop aus Deutschland mitnehmen zu müssen. Ziemlich schnell stand auch schon ein Verkäufer neben ihnen und lud sie in den Laden ein. Man kam ins Gespräch und der freundliche Verkäufer riet ihr zum Kauf eines 7 Zoll Tablets, Modell „Clickonica Exclusive Movie Tab“. Das Gerät wollte er der Rentnerin zum Superpreis von nur 250 Euro gern verkaufen. Hätte Hildegard Schmidt das gleiche Produkt in Deutschland gekauft, wäre ihr sehr schnell aufgegangen, dass es sich keinesfalls um einen Superpreis handelte, bei Ebay werden die Geräte unbenutzt momentan für 129 Euro angeboten.

Diese Differenz hätte die Seniorin noch als Lehrgeld verschmerzen können, doch dies war erst der Anfang einer viel größeren Abzocke. Zunächst wurde dem Ehepaar erzählt, dass das Gerät von Spanisch auf Deutsch umgestellt werden müsse, auch eine deutsche Betriebsanleitung sollte nachgeliefert werden. In einer Woche sollten die Senioren den PC abholen können, nach Abendblattrecherche ist so eine Umstellung innerhalb von ein paar Minuten problemlos möglich. Doch das Ehepaar war arglos, eine Woche später, am letzten Urlaubstag, wurden die Schmidts von einem Fahrer abgeholt und ins Elektronikgeschäft gebracht. Doch das Gerät war immer noch nicht fertig, als die Schmidts eine Stunde später in den Laden zurückkehrten, war auf einmal der angebliche Sohn des Geschäftsführers vor Ort. Der teilte dem Paar nun mit, dass das Tablet ohne Internetverbindung gar nicht nutzbar sei und präsentierte den arglosen Schmidts einen Karte und einen Chip, mit dem man lebenslänglich via Satellit einen kostenlosen Zugang zum Internet hätte. Ein verlockendes Angebot, doch zunächst schreckte Hildegard Schmidt der Preis ab: 2000 englische Pfund stand auf dem Preisschild in dem spanischen Geschäft, das bekanntermaßen schon lange den Euro eingeführt hat.

Natürlich war der Verkäufer kulant: dank einer eigenen Umrechnungstabelle und einem „Seniorenrabatt“ von sieben Prozent kam er auf die überraschende Summe von 3700 Euro für dieses „Schnäppchen“. „Der Verkäufer hat uns derart eingewickelt, dass ich nicht misstrauisch geworden bin“, sagt Hildegard Schmidt im Rückblick. Abgesehen davon kennt sie sich nicht besonders mit Rechnern aus, bis auf Emails schreiben und Homebanking ist ihr das Thema ein Buch mit sieben Siegeln. „Der Mann hat uns die Technik erklärt, davon habe ich sowieso nichts begriffen“, gibt sie unumwunden zu. Nachdem der Verkäufer eine SIM-Karte in das Tablet eingesetzt hatte, behauptete er, dass die verbindlich drin bleiben müsse und der Kauf damit getätigt sei. Daraufhin fühlte sich Hildegard Schmidt zunächst unter Druck gesetzt und wollte gehen. „Doch da hat mich mein Mann zurückgehalten, dem war die Situation total peinlich“, berichtet sie weiter. Schließlich einigte man sich und die Schmidts kaufen auch noch die Wunderkarte für den lebenslangen Internetzugang. Werner Schmidt ließ sich vor Ort 998 Euro abbuchen, den Rest wollte seine Frau von Deutschland aus überweisen. Wenn die Überweisung getätigt wäre, sollte das Paar eine Telefonnummer kontaktieren und sich das Gerät freischalten lassen. Außerdem vermachte der Verkäufer den beiden Senioren eine DVD, auf der Bilder von Hotels sein sollten, die er auf Teneriffa angeblich betreibt und in denen die Senioren 30 Prozent Rabatt bekommen könnten.

Zunächst vermutete das Ehepaar Schmidt nichts Böses und fuhr einen Tag später mit ihrem neuen Tablet-PC nach Hause. Dort setzte sich Hildegard Schmidt gleich an ihren Laptop und überwies den restlichen Betrag von 2072 Euro. Danach packte sie die DVD aus, um sich schöne Bilder von schönen Hotels anzusehen. Dabei stellte sie fest, dass sie einen unbeschriebenen CD Rohling in Händen hielt: „In dem Moment ist mir erst richtig klar geworden, dass da etwas faul war.“ Als erstes versuchte sie in dem Geschäft auf Teneriffa anzurufen. Natürlich vergebens. Daraufhin ging das Ehepaar zur Polizei. Dort stellte sich heraus, dass die kleine schwarze Karte mit der Aufschrift „Full HD Video Hard Disc“, der angebliche Satellitenempfänger, eine Speicherkarte war. Ihr Wert: ungefähr 14 Euro.