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Das modische Potenzial von Seekarten

Mit ihrem Funkelwerk bringt Christiane Wagener Reiseimpressionen auf Damentaschen

Wilhelmsburg. Wer hätte gedacht, dass nautisch-hydrografische Daten so chic sein können. Dass auf der Elbinsel Wilhelmsburg ansässige kleine Modelabel Funkelwerk verarbeitet Seekarten zu Motiven für Ledertaschen. Küstenlinien, Seezeichen und Angaben zu versunkenen Wracks verbinden sich zu geheimnisumwitterten Mustern, die zu Mythen taugen. Das modische Potenzial der nüchtern-technischen Seekarten hat die Hamburgerin Christiane Wagener erkannt. Die Modeschöpferin schaffte einen hanseatischen Chic mit klassisch-gradlinigen Schnitten, der Frauenaugen funkeln lässt.

Christiane Wagener bringt Reiseimpressionen auf Taschen. Nicht nur Seekarten, auch Comics oder Fotos. Eine Spezialedition ihrer Kollektion zeigt einen Druck mit verschiedenen Definitionen des Begriffs Liebe aus den Wörterbüchern dieser Welt. Eine andere Linie zeigt, dass die Koordinaten von Breitengraden den Unterschied auf dem Markt für Damentaschen ausmachen können. Die Vorstellung der schönsten denkbaren Auftragsarbeit hat die junge Modedesignerin fest im Kopf: „Ich warte auf den ersten Mann, der den Heiratsantrag an seine Verlobte auf einer Tasche verewigen möchte“, sagt sie.

Mindestens so abenteuerlich wie die Mode von Funkelwerk dürfte den meisten Menschen die Biografie der Unternehmensgründerin erscheinen. Die heute 30 Jahre alte alleinerziehende Mutter hat vor drei Jahren ihre kaufmännische Karriere bei einem großen deutschen Versicherungskonzern geschmissen. Anlass, das Leben komplett umzukrempeln und der inneren Bestimmung zu folgen, war die Weigerung des Arbeitgebers, dem Wunsch der jungen Mutter nach einer Viertagewoche nachzukommen.

So ist aus der Fachwirtin für Versicherung und Finanzen eine Modeschöpferin geworden. Damals war sie verantwortlich für 40 Mitarbeiter und hat viel Geld verdient. Dafür bringt die Frau, die konsequent Röcke trägt und in deren Kleiderschrank nur eine Jeans hängt, heute mit Modeideen das Leuchten in die Augen ihrer Kundinnen. bei dem kleinen Modelabel ist die Gründerin alles in einer Person: Designerin, Näherin, Einkäuferin, Verkäuferin.

Das Projekt Stoffdeck der gemeinnützigen Passage GmbH in den Veringhöfen in Wilhelmsburg hilft ambitionierten Modemachern wie Christiane Wagener beim Unternehmensstart. Es vermietet vier Einzelateliers an zurzeit sechs Modeschaffende, bietet Coachingkurse an und ist damit eine Schnittstelle für professionelle Designer. Christiane Wagener zahlt 150 Euro Monatsmiete für ein 15 Quadratmeter großes Atelier, dem Firmensitz von Funkelwerk.

Stoffdeck trägt dazu bei, dass sich die Elbinsel Wilhelmsburg zu einem Zentrum für kleine Modelabels in Hamburg entwickelt hat. Das insgesamt 262 Quadratmeter große Gemeinschaftsatelier bietet neben günstigen Mieten einen Maschinenpark, den sich kaum ein Modeschaffender auf Anhieb leisten kann. Zum Beispiel eine Überdeckmaschine für besonders kunstvolle Nähte. Bei Stoffdeck lassen sich auch dicke Planen oder Leder nähen. „Welcher Modedesigner, der ein Label gründen will, hat schon 15.000 Euro Startkapital?“ fragt Projektleiterin Lotte Erhorn und gibt die Antwort dazu: So gut wie niemand.

Stoffdeck ist auch für alle Hobbynäherinnen aus dem Stadtteil da. Wer seine Hose kürzen möchte oder im Siebdruckverfahren ein T-Shirt gestalten will, mietet einen der insgesamt neun Arbeitsplätze in der Gemeinschaftswerkstatt. 8,50 Euro kostet das Stundenticket, 34 Euro das Tagesticket. Eine Gruppe von 15 türkischen und arabischen Frauen hatte eine Zeit lang prächtige Abendkleider bei Stoffdeck produziert. Früher haben sie in der Moschee genäht.

Lotte Erhorn sieht bei ihren Kundinnen aus dem Stadtteil viele Frauen mit dem Potenzial, mit der Textilverarbeitung Geld zu verdienen. In den Flüchtlingsunterkünften leben syrische Frauen, die zwar keinen Meisterbrief hätten, aber die Fähigkeit, die Maschinen zu bedienen.

Stoffdeck ist im Frühjahr 2013 entstanden, als die Internationale Bauausstellung (IBA) soziale Entwicklungsprozesse in Wilhelmsburg anschieben wollte. Heute wirft die langfristige Finanzierung erfolgreicher Projekte aus dem IBA-Erbe Fragen auf. Die Kulturbehörde hat Stoffdeck mit einem Zuschuss unterstützt, der im Mai aufgebraucht sein wird. Dem Projekt zur Förderung der Kreativwirschaft und Integration in Wilhelmsburg wird spätestens dann die Miete in dem Gewerbehof ein Problem bereiten.

Vermieter des Gewerbehofes Am Veringhof ist die Sprinkenhof GmbH. Bürgerbeteiligungsgremien in Wilhelmsburg haben in letzter Zeit öfter ihren Unmut über die Mietpreispolitik des städtischen Immobilienunternehmens geäußert. Es verlange zu hohe Preise, die sozale Projekt ausschlössen, und nehme Leerstand in Kauf, so lautet der Vorwurf. Stoffdeck zahlt nach eigenen Angaben 8,50 Euro kalt pro Quadratmeter. Mittes Bezirksamtsleiter Andy Grote hat Gespräche mit dem Vermieter in Aussicht gestellt.

Für kleine Modelabels wie Funkelwerk ist Stoffdeck auch deshalb Gold wert, weil die Möglichkeit zu Atelierbesuchen einen wichtigen Baustein der Marketings darstellen. Christiane Wagener empfängt Kunden im Arbeitsraum und bietet ihnen ein besonderes Erlebnis. Wer darf schon dem Designer bei H&M schon über die Schulter schauen? Am 18. März veröffentlicht Funkelwerk seine neue Kollektion im Internet.

Stoffdeck, Am Veringhof 13 (2. OG), in Wilhelmsburg, Telefon 040/319 77 124, www.funkelwerk.com