Harburg
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Schall und Rauch gefährden die Neubaupläne in Wilstorf

Foto: FeWa

Es geht nicht voran: Während der Investor an der Winsener Straße bald mit dem Bau beginnen will, fordern Harburger Bezirkspolitiker neue Messungen der Lärm- und Luftbelastung.

Wilstorf. Der Bauherr will in einigen Wochen loslegen, die Bezirkspolitiker hingegen wollen noch prüfen lassen. Der Plan, in der Kurve der Winsener Straße, gegenüber dem Tivoliweg, 129 Sozialwohnungen und eine Kindertagesstätte zu errichten, sorgt weiter für Kontroversen.

Hintergrund sind die Befürchtungen von Anwohnern, die geschlossene Bebauung würde zu einer Erhöhung von Lärm- und Luftbelastungen über zulässige Grenzwerte hinaus führen. Politiker der großen Koalition, der Linken und der Neuen Liberalen haben sich diese Befürchtungen zu eigen gemacht. Nur: Belastbare Zahlen gibt es nicht.

Dort, wo die Wohnungen entstehen sollen, ist jetzt noch eine Grünfläche. Diese gehört zu einer ehemaligen Wilstorfer Hofstätte, dem „Harms Hoff“, die sich sich bis hoch zur Schule Kapellenweg erstreckt. Auf der ehemaligen Hofstätte stehen noch einige verlassene Häuschen.

Ein großer Teil der Fläche soll grün bleiben. Der Investor FeWa will sie nach Fertigstellung des Häuserriegels wieder herrichten und der Stadt zurück verkaufen. „Die Stadt Hamburg plant dort eine öffentliche Grünanlage“, sagt FeWa-Geschäftsführer Kurt Schroeder.

Die Anwohner, die sich gegen den Neubau sperren, sind der Meinung, dass die bestehende Grünfläche derzeit noch Lärm und Schadstoffe, die der Verkehr auf der Winsener Straße verursacht, absorbiert. Dabei sei es an dieser schon jetzt eigentlich zu laut und belastet, wegen des Busdepots der Hamburger Hochbahn.

Der Neubau würde Schall und Rauch in der Straße kanalisieren, statt sich die Schadbringer über dem Hügel in Luft auflösen zu lassen. So einleuchtend diese Argumentation klingt, so wenig lässt sie sich allerdings belegen: Die letzten Schadstoffmesswerte an dieser Stelle wurden 1999 erhoben.

Danach wurde die Luftmesstation – sie stand genau dort, wo jetzt gebaut werden soll – abgebaut, weil jahrelang keiner der gemessenen Schadstoffe die damaligen Grenzwerte überschritt. Sie ist mittlerweile anderswo in der Stadt im Einsatz.

In der Zwischenzeit haben sich die Grenzwerte geändert und zumindest die Stickoxidwerte aus den 90er-Jahren liegen etwas über dem seit 2010 erlaubten Maximum von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Ob sie allerdings immer noch so hoch sind, kann man nur schätzen – oder man müsste neu messen.

Eine Studie, die die Stadt Hamburg 2009 durchführen ließ, kommt zu dem Ergebnis, dass der Wert gegenüber 1990 leicht gestiegen sein dürfte, aber mit fallender Tendenz. Das so genannte Lohmeyer-Gutachten, auf das sich auch die Kommunalpolitik bezieht, beruht allerdings nicht auf aktuellen Messungen, sondern auf Berechnungen geschätzter Werte.

In einem komplizierten Modell werden die letzten bekannten Luftmessergebisse – wo es sie gibt – mit dem geschätzten Verkehrsaufkommen und dessen ebenfalls geschätzter Zusammensetzung sowie dessen geschätztem Schadstoffausstoß in rechnerische Zusammenhänge gebracht. Ziel des Gutachtens war es seinerzeit, zu prüfen, ob eine innerstädtische Umweltzone die Luftschadstoffbelastung in Hamburg senken könnte. Die Antwort war nein.

„Eine exklusive Berechnung für den Bereich Winsener Straße 80 fand allerdings nicht statt, weil diese Stelle nicht bebaut war“, sagt Volker Dumann, Pressesprecher der Umweltbehörde. Berechnungen für die einseitig bebauten Abschnitte gegenüber und neben der Freifläche ergaben Staub- und Stickoxidwerte knapp um das erlaubte Maximum.

Grundsätzlich geht das Ingenieurbüro Lohmeyer davon aus, dass eine beidseitige Bebauung der Straße das Schadstoffaufkommen erhöht. Das würde den Projektgegnern recht geben.

Auf der anderen Seite berechnet Lohmeyer jedoch, dass die Belastung seit 2007 sinkt, weil der individuelle Schadstoffausstoß der Kraftfahrzeuge schneller zurückgeht, als das Fahrzeugaufkommen steigt. Setzt sich diese Tendenz fort, dürften die Werte an der Winsener Straße demnächst in vertretbaren Regionen liegen.

Nun ist die Lohmeyer-Studie allerdings auch schon sechs Jahre alt. SPD und CDU in der Bezirksversammlung fordern die Verwaltung deshalb auf, noch einmal sämtliche Erkenntnisse zur Lärm- und Luftbelastung vorzutragen, bevor die Bezirksversammlung der Baugenehmigung zustimmt.

Dieser Antrag der Großen Koalition wurde bei der letzten Sitzung der Bezirksversammlung mehrheitlich verabschiedet. Die Neuen Liberalen wollen das Projekt komplett auf dem Prüfstand sehen; während Die Linke den Bau der Wohnungen ausdrücklich gut heißt, aber die Belastungen rund herum gesenkt sehen möchte – durch Verkehrsbeschränkungen und eine Verlegung des Busdepots.

Die Anträge der kleinen Parteien wurden in den Stadtplanungsausschuss überwiesen. Eine Zustimmung der Bezirksversammlung zu einer endgültigen Baugenehmigung scheint sich also noch zu verzögern.

Der Bauträger geht allerdings davon aus, ab April bauen zu können. „Wir haben einen positiven Bauvorbescheid und bislang nichts gegenteiliges gehört“, sagt Schroeder. Zumindest die Lärmbelastung ist der FeWa bewusst: „Wir haben das bei der Planung berücksichtigt“, sagt Schroeder. „Die lärmempfindlichen Bereiche und die Balkone sind alle auf der Gebäuderückseite, zu der geplanten Parkanlage hin. Wir haben übrigens so geplant, dass wir möglichst viele der Bäume stehen lassen können. Die Bereiche der Wohnungen, die zur Straße hin gehen, werden mit so genannten Hafencity-Fenstern ausgestattet.“

Hafencity-Fenster haben zwei hintereinander angeordnete Flügel und erreichen selbst bei Kippstellung noch einen hohen Lärmschutzwert. Hersteller werben mit über 30db. Trotz dieser teuren Maßnahmen versichert Schroeder, dass alle Wohnungen in dem Bauvorhaben Sozialwohnungen im ersten Förderweg sein werden.

„Gerade in Harburg ist die Nachfrage nach diesen Wohnungen sehr groß. Die Vormerkliste ist schon sehr voll.“ Damit widerspricht er Gerüchten, hier sei kein sozialer Wohnungsbau mehr geplant. Einem anderen Bauherrn, der an anderer Stelle der Winsener Straße Wohnungen errichten möchte, hatte der Bezirk nämlich die Sozialbau-Auflage erlassen, weil der Lärmschutz nur sehr kostspielig zu realisieren wäre.