Harburg
Neugraben

Wo sich Bedürftige holen, was sie brauchen

Beim ökumenischen Obdachlosenfrühstück in Neugraben bekommen jeden Tag dutzende Besucher gutes Essen, Gesellschaft und Fürsorge – und so manche Prise Humor

Neugraben. Morgens um halb zehn im Saal der Neugrabener Heilig Kreuz-Gemeinde: Bunte Luftschlangen ringeln sich um blütenweißes Geschirr. Auf einem Servierwagen stehen Kannen mit frisch gebrühtem Kaffee, Teller mit liebevoll arrangiertem Aufschnitt und Körbe mit duftenden Brötchen bereit. Angelika Maack heißt die Frühstücksgäste willkommen und erzählt zur Begrüßung einen Witz: „Die junge Frau des Jägers serviert stolz ihren ersten gebratenen Fasan. ‚Sieht ja köstlich aus, womit hast Du ihn denn gefüllt?‘, fragt ihr Mann. ‚Gefüllt? Der war doch gar nicht leer!‘“

Alle lachen herzlich. Dabei hat längst nicht jeder den Scherz verstanden. Mit der Zubereitung von frischem Geflügel haben sich die meisten nie im Leben befasst. Die hier versammelt sind, stehen auf der Schattenseite des Lebens. „Obdachlosenfrühstück“ heißt das ökumenische Projekt der katholischen Heilig Kreuz- und der evangelischen Michaelis-Gemeinde Neugrabens. Montags bis freitags dürfen sich Bedürftige ordentlich sattessen.

Sie werden sogar bedient. Ehrenamtliche Helfer, darunter auch Männer und Frauen aus den Nachbargemeinden der Cornelius- und Thomas-Kirche, bringen die von zwei örtlichen Schlachtern und zwei Bäckern gespendeten Speisen an die Tische. Sie gehen von Gast zu Gast und bieten jedem einzelnen an, aus der reichen Auswahl von Leckereien zu wählen. Das ist ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung, beugt aber auch Verschwendung vor. „So nimmt sich jeder nur das, was er auch wirklich mag und es bleibt nichts auf den Tellern liegen“, erklärt Angelika Maack. Meist ist so viel da, dass die Gäste noch Proviant fürs Abendbrot mitnehmen können.

Das Angebot hängt es davon ab, was die Sponsoren spenden und wechselt deshalb täglich. Heute gibt es Roastbeef, Katenschinken, Sülze und Landleberwurst, dazu Brötchen aller Art, Brot, Pizza und Kuchen. Von der Thomasgemeinde ist Joghurt gekommen, der von der Harburger Tafel stammt. Margarine, Honig, Marmelade und Kaffee werden aus den Kollekten beider Gemeinden finanziert. genau wie das große Grillfest im Sommer und das Grünkohlessen in der Adventszeit. Letzteres wird von den Scheideholzer Chören unterstützt, die alljährlich ein Benefizkonzert zugunsten des Obdachlosenfrühstücks veranstalten.

Mettwurst oder Bratenaufschnitt? Helga kann sich nur schwer entscheiden. „So eine Auswahl hätte ich zuhause nicht“, sagt die 77-Jährige, eine Dame mit äußerst gepflegter Erscheinung. „Ich müsste auch ohne dieses Frühstück nicht hungern. Es wäre eben nur nicht so schön.“ Allein der Gemeinschaft wegen komme sie mit dem Bus aus Heimfeld. Seit Jahren sitze sie täglich am selben Tisch, mit immer den gleichen beiden Frauen aus Neugraben.

Gemeinsames Essen hält eben nicht nur den Leib, sondern auch die Seele zusammen. Das Miteinander beim Tafeln ist für auch für Horst wichtig. Der 56-Jährige, von Krankheit gezeichnet, kommt schon seit zwei Jahrzehnten. Lange war er obdachlos. Heute lebt er in der Seniorenwohnanlage Fischbek. Natürlich bekäme er dort auch Frühstück. „Trotzdem komme ich hierher. Das gehört zu meinem Tagesablauf. Ich kenne die Ehrenamtlichen hier alle. Und auch viele meiner Kollegen.“ Er nickt zu den anderen Tischen herüber. Inzwischen ist fast jeder Platz besetzt.

Ein schweigender Afrikaner sitzt einem Roma-Ehepaar aus Neuwiedenthal gegenüber. Zwei junge Polen ohne Arbeit und Obdach häufen sich ihre Teller voll. Eine lebhafte Russlanddeutsche erzählt ihrem Gegenüber, dass sie Musiklehrerin in Sibirien gewesen sei und nun in einem Altonaer Männerwohnheim lebe, weil sie sich keine Wohnung leisten könne. Sie komme nur einmal im Monat nach Neugraben, bedauert die 76-Jährige. Das Geld reiche nicht für häufigere Bahnfahrten.

Da ist Heinrich, 78, besser dran. Der hat eine Jahreskarte. Seit er alleinstehend ist, seit nunmehr elf Jahren, reist er jeden Tag aus Lüneburg an. Dort gäbe es kein entsprechendes Angebot, meint er. Auch Tobias, 43, keine Ausbildung, kein regelmäßiger Job, nimmt den Weg von der Kellinghusenstraße nach Neugraben auf sich. Nördlich der Elbe habe er eine entsprechende Einrichtung nicht gefunden. Keine habe so regelmäßig geöffnet und darüber hinaus eine so angenehme Atmosphäre.

„Natürlich geht es hier ganz anders zu als in großen Institutionen“, sagt Angelika Maack. Ruhig sei es hier, die Beziehungen zwischen Gästen und Helfern sehr persönlich. Ärger gäbe es eigentlich nie, keine Pöbelei, keine Randale. Kaum jemals komme jemand betrunken hierher. Die Gäste seien einander Vorbild: Sie zeigten sich höflich und äußerst dankbar. Überhaupt habe das Publikum sich seit der Gründung des Frühstücks vor 23 Jahren sehr gewandelt, erzählt die 59-Jährige.

Die Hausfrau und Mutter dreier Kinder gehört zu den Aktiven der ersten Stunde. In den Anfangsjahren, erzählt sie, seien zum Obdachlosenfrühstück tatsächlich hauptsächlich Menschen ohne Wohnsitz gekommen, bis zu 50 am Tag. Heute erscheinen im Schnitt täglich 25 Personen, Hartz-IV-Empfänger, viele Rentner, darunter zunehmend Frauen. Etwa ein Dutzend kommen zu Monatsbeginn, gegen Ende oft weit mehr als 30, weil dann das wenige Geld aufgebraucht ist. „Die Armut hat heute eindeutig breitere Schichten erfasst“, stellt Angelika Maack fest.

Es ist nicht nur das Gebot der Nächstenliebe, das die gläubige Katholikin und ihre 19 christlichen Mitstreiter in ihrem Ehrenamt bei der Stange hält. Jeder der Helfer tut ein bis zweimal pro Woche „Dienst“ und bekommt jede Menge positive Rückmeldung. „Ich freue mich immer richtig darauf, hierher zu kommen“, sagt Heike Schrader.

„Mich nur um Kinder und Enkel zu kümmern, würde mich nicht ausfüllen“, erklärt die Witwe. Joachim Meyer ist dabei, seit er vor zehn Jahren in Ruhestand ging. Er mag das Gefühl, gebraucht zu werden. „Und jedes Mal, wenn ich in meine schöne Wohnung zurückkomme, zu meiner Frau, wird mir bewusst, wie unendlich gut ich es habe“, sagt der 66-Jährige. Die meisten Gäste haben kaum Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lebenssituation. „Was kann ich diesen Menschen schon Erbauliches sagen?“, fragt Angelika Maack. Deshalb beginnt das Obdachlosenfrühstück unter dem Dach der katholischen Kirche eben manchmal weder mit einem Gebet noch mit einem Bibelvers, sondern mit einem Witz.