Harburg

Wenn’s dem Fernseher heiß und kalt wird

Beim Treo-Team im hit-Technologiepark werden Geräte auf Flug- und U-Boot-Tauglichkeit getestet. Aufträge kommen aus der ganzen Welt

Der Prüfling traf sorgfältig umhüllt und liebevoll verpackt im Haus Nummer 19 im hit-Technopark im Hamburg-Harburg ein. Er kam nicht allein zu Treo, dem Labor für Umweltsimulation und Elektromagnetische Verträglichkeit. Drei gewissenhafte Herren begleiteten das Objekt, und ließen es fast vier Wochen lang nicht aus den Augen. Denn so lange brauchte das Treo-Team mit Geschäftsführer Dr. Hanno Frömming an der Spitze, um das Gerät im wahrsten Sinne des Wortes in die Mangel zu nehmen und unter härtesten Umweltbedingungen zu testen.

Dabei ging es eigentlich nur einen Massenartikel, der millionenfach produzierten wird – es ging um ein Fernsehgerät. Allerdings um ein ganz besonderes. Es war ein großes mit einem 65-Zoll Bildschirm, also 1,65 Meter in der Diagonalen. Dazu war es eine Spezialanfertigung, hergestellt von einer deutschen Firma, deren drei Produktentwickler bei allen Prüfungen zugegen waren. Das Gerät musste die strengsten Sicherheitsmaßnahmen erfüllen, denn es sollte in einem luxuriösen Flugzeug für Unterhaltung sorgen. Was der Auftraggeber, ein Milliardär vielleicht oder eine exklusive arabische Fluggesellschaft, für Gerät samt gewissenhafter Dauerprüfung am Ende zahlte, blieb geheim, wie so vieles, was die Treo-Ingenieure prüfen. Aber ein paar hunderttausend Euro könnten für diesen vielleicht exklusivsten und sichersten aller Fernsehapparate durchaus auf der Rechnung gestanden haben.

Bei Treo haben sie das sündhaft teure Gerät zunächst im Klimaschrank fest verschraubt, eine DVD – sagen wir mit George Clooney – reingeschoben und es eisig abgekühlt. Bei 25 Grad Minus hat Clooney noch genauso gelächelt wie Minuten später bei 50 Grad Hitze. „Dieser blitzschnelle, extreme Temperaturwechsel kann bei einem Flugzeug ja auch in der Praxis vorkommen“, sagt Treo-Chef Hanno Frömming. „Wir simulieren und testen, was einzelne Bauteile oder komplette Geräte in der Praxis heil überstehen und aushalten müssen.“

Und worüber wir Menschen eigentlich nie nachdenken, wenn wir sie benützen. Deshalb, wenn Sie mal wieder im Flugzeug sitzen und aus der Halterung vor Ihnen die Sicherheitsbestimmung nehmen – wir wollen Ihnen ja nicht wünschen, dass sie dringend nach der speziellen Tüte greifen müssen, um los zu werden, was ihr Magen absolut nicht mit auf die Reise nehmen will – also in beiden Fällen können Sie ganz sicher sein: Da klemmt nichts fest. Im Tempowerkring in Harburg haben sie die Halterung 200.000 Mal auf und zu geklappt, und zwar bei frostiger Kälte wie auch bei großer Hitze.

Auch der Fernseher im Wert eines Eigenheims wurde zwei Tage lang extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt. Danach wurde er mächtig unter Druck gesetzt. „Wir haben eine Druckkammer, die in Norddeutschland einzigartig ist“, sagt der junge Chef, der an der TU Harburg in Maschinenbau promovierte. „In der sind wir mit dem Fernseher sozusagen bis auf 50.000 Fuß, also mehr als 15 Kilometer in die Luft gestiegen. Dann haben wir simuliert, was passiert, wenn durch einen Schaden der Kabinendruck schnell abfällt.“

Wie stark dieser Effekt sein kann, sieht man manchmal bei Katastrophenfilmen, wenn in dieser Flughöhe ein Fenster aus einer Maschine herausbricht, und der Passagier, der an dem Fenster sitzt, durch das Loch nach draußen gesaugt wird. In der Treo-Simulation wurde das Flugzeug mit dem Fernseher innerhalb von 15 Sekunden sozusagen auf Flughöhe gebracht. Auch nach dieser Tortur hat George Clooney auf dem Bildschirm weiter gelächelt.

Mit Bauteilen und Testgeräten können die Treo-Ingenieure nicht nur hoch in die Luft sondern auch bis zu 1000 Meter tief ins Meer absinken. Spezielle U-Boot-Komponenten müssen in solchen Tiefen, also bei hohem Überdruck, ungestört funktionieren. „Durch die Werften aber auch durch Airbus in unserer Nachbarschaft gehören der Schiffbau und die Flugzeugindustrie zu unseren Hauptkunden“, bekräftigt Frömming.

Vor fünf Jahren übernahm er die Leitung eines Zwei-Mann-Testlabors in Stade. Das stand damals vor dem wirtschaftlichen Aus. Inzwischen sind zehn hochqualifizierte Mitarbeiter in den modernen Räumlichkeiten des hit-Technoparks beschäftigt. Diese Maschinenbauer, Elektro-Ingenieure und Luft- und Raumfahrttechniker präsentieren den modernen Mittelstand. Und sie sind es, die für uns die Zukunft erobern.

Das Kapital des aufstrebenden Unternehmens sind Gewissenhaftigkeit, Korrektheit und Zuverlässigkeit. Damit haben sich die Experten in Harburg bereits einen Ruf erarbeitet, der bis in die USA und nach Japan schallt. Auch von da treffen immer häufiger Bauteile und neue Geräte zum Testen und Prüfen in Harburg ein. Neben der Zentrale im Tempowerkring hat Treo eine Dependance in Kiel. Dort wurde die Elektro-Magnetische Verträglichkeit des Fernsehers überprüft.

Was genau das ist? Stellen Sie Sich doch einmal vor, sie sitzen mit 50.000 anderen Menschen im Volksparkstadion. Und bei tausenden würde gleichzeitig das Handy klingeln. Dem einen bringen die unsichtbaren Elektro-Magnetischen Wellen ein Foto des neugeborenen Enkels aus Sydney, dem anderen eine Börsennachricht aus New York und dem Nachbarn ein Gruß aus der nächsten Kneipe. Tausende unterschiedliche Botschaften kommen gleichzeitig aus der Luft und keine landet auf einem falschen Handy.

Wir haben das Staunen verlernt. Und die Neugierde. Und damit auch die Anerkennung und Bewunderung für alle, die diesen technischen Fortschritt möglich machen und auch die, die dafür sorgen, dass er so reibungslos funktioniert.

Das exklusive Fernsehgerät wird jedenfalls der Bordelektronik keinerlei Probleme bereiten. Darauf haben die Hersteller von Treo Brief und Siegel bekommen.

In Harburg wurde das teure Stück noch auf den Shaker gespannt und stundenlang kräftig durchgerüttelt. Sie haben den Prüfling auch noch in den Schwitzkasten genommen. Vier Tage bei 90 Grad Luftfeuchtigkeit im Dauerbetrieb. Als letztes ließen die Treo-Prüfer aus dreieinhalb Metern Höhe eine 500 Gramm schwere Stahlkugel mitten auf den Bildschirm knallen. Es hat nur „plopp“ gemacht. Und George Clooney hat auch dazu freundlich gelächelt.