Harburg
Harburg

Zahntechniker fürchten China

Situation des Gesundheitshandwerks: Unternehmer aus Harburg suchen das Gespräch mit Bundespolitikern

Harburg. Wenn die Rede vom Handwerk ist, verbinden viele Menschen damit meistens traditionelle Berufe wie den Zimmermann oder nostalgische wie den Geigenbauer. An den Hörgeräteakustiker, den Orthopädieschuhmacher oder Zahntechniker denkt kaum jemand. Dabei machen die Firmen aus dem Gesundheitsgewerbe die größte Gruppe im Handwerk im Bezirk Harburg aus. Von insgesamt 1417 Handwerksbetrieben in Harburg sind 562 auf dem Feld Gesundheit tätig.

Dass sie von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden, war für die Gesundheitshandwerke bislang nicht weiter tragisch. Über genügend Arbeit konnten sie sich nicht beklagen. Ihre Kunden sind beispielsweise die Zahnärzte, die Orthopäden. Doch jetzt gibt es einen unliebsamen Trend. Immer mehr Arbeit fließt an den Handwerksbetrieben aus der Gesundheitsbranche vorbei. Industrielle und im Ausland gefertigte Produkte werden verstärkt nachgefragt und nehmen deutlich an Umsatzvolumen zu.

Auf diese Misere machte jetzt die Hamburger Handwerkskammer aufmerksam, indem sie die Bundestagsabgeordneten Metin Hakverdi (SPD) und Dr. Herlind Gundelach (CDU) aus dem Wahlkreis Bergedorf-Harburg-Wilhelmsburg einlud, Harburger Handwerksbetriebe zu besichtigen und sich auszutauschen.

Hakverdi und Gundelach machten sich ein Bild von der Arbeit der Schuhorthopäden Christine Rose und Reiner Schuhmacher, des Augenoptikers Michael Maizak und des Zahntechnikers Uwe Mahn in Harburg. So sollten die Bundespolitiker für die Zwänge der Branche sensibilisiert werden.

Beispiel Linnich und Mahn Zahntechnik am Beerentalweg 144: Uwe Mahn muss als zugelassener Zahntechnikermeister umfassende Arbeits-, Umwelt- und Gesundheitsschutzbestimmungen erfüllen. Verordnungen und Gesetze halten die Messlatte der Produkte, die Uwe Mahn und sein Team produzieren, ebenso hoch. „Höhere Auflagen als die des deutschen Medizinproduktegesetzes und des Arzneimittelgesetzes gibt es nicht“, sagt Uwe Mahn.

Doch zugleich macht der Zahntechniker immer öfter die Erfahrung, dass die Krankenkassen die Ärzte dazu anhalten, günstigere Anbieter zu wählen. Die kommen meistens aus China. „Damit können wir nicht konkurrieren. Es diktiert nur noch der Preis. Das ist das Traurige. Wer es billiger macht, bringt aber nicht unbedingt die gleiche Leistung“, sagt Uwe Mahn. Viele vergessen, dass der Zahnersatz jahrzehntelang im Mund des Patienten bleibt.

Mahn steht in seiner Halle, vor ihm auf dem Tisch liegen mehrere Zahnmodelle. Er präsentiert Hakverdi und Gundelach, wie mit Hilfe von kleinen Schrauben der Zahnersatz im Mund montiert wird. Dann hält er einen so genannten Artikulator hoch. Damit simulieren die Zahntechniker jede einzelne Bewegung des Kiefergelenks. Unerlässlich, um passende Kronen, Schienen oder Prothesen anzufertigen. Mahn und seine Mitarbeiter modellieren die Produkte im Artikulator und scannen diese dann in den Computer ein. Nach diesen Maßstäben werde in China in keinem Fall produziert, sagt Mahn. „Mit deren Klipp-Klapp-Produkten können sie die Kaubewegungen nicht imitieren“, sagt er.

Der Zahntechniker hält es für gefährlich, ausgerechnet bei den Zähnen zu sparen. „Die Zahngesundheit ist für den ganzen Körper wichtig. Viele wissen nicht, dass die Zähne mit den Füßen korrespondieren“, sagt Mahn. Ein falscher Biss – wenn Ober- und Unterkiefer nicht in idealer Position aufeinander treffen – könne fatale Folgen haben, so der Experte. Die Kaumuskeln sind mit der Nacken- und Rückenmuskulatur verbunden. Fehlbelastungen im Kausystem könnten also zu Verspannungen im Nacken und Rücken sowie zu Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden führen.

Deshalb denkt Zahntechniker Uwe Mahn auch ganzheitlich und arbeitet unter anderem eng mit Physiotherapeuten, Osteopathen und Neurologen zusammen. Er konnte Patienten etwa die schmerzhafte Migräne nehmen, indem er falsche Bisse korrigierte. Auch individuellen Mund- und Sportschutz fertigt das Unternehmen Linnich und Mahn an.

Deshalb erwartet auch der Verband Deutscher Zahntechniker Innungen, dass die Politik die Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und dem selbstständigen Zahntechnikermeister als Spezialist für die Zahngesundheit stärkt. Von der Politik mehr wahrgenommen zu werden, war das Ziel der Betriebstour durch Harburg. Ist das gelungen? „Ja“, glaubt Mahn.