Harburg

Ein Jungmusiker auf dem Sprung

Benjamin Wiegand aus Wilhelmsburg will als Geiger Karriere machen. Heute wird er vom NDR mit einem Preis geehrt

Das erste, was einem an Benjamin Wiegand auffällt, sind seine großen braunen Augen. Doch dann kommen gleich seine langen schmalen Hände, die sofort verraten: Der Mann muss etwas Künstlerisches machen, Malen zum Beispiel oder Klavier spielen. Das tut Benjamin Wiegand auch, er ist Musiker, aber sein Instrument ist nicht das Piano, sondern die Geige. 20 Jahre ist er gerade mal alt, aber ein sehr hoffnungsvolles und vor allem begabtes Talent. Heute Abend werden ihm die ersten offiziellen Lorbeeren verliehen, dann wird der junge Wilhelmsburger in der Sparte „Geige“ als bester Solist im Landeswettbewerb „Jugend jazzt Hamburg“ mit dem Ingolf Burkhardt Award ausgezeichnet. Gemeinsam mit der NDR Bigband wird er dann seine beiden Jazzstücke spielen. Zum einen ist es der Chanson „Autumn leaves“ von Joseph Kosma, anschließend performt der glückliche Preisträger „There will never be another you“. Diese beiden lockeren Swing-Songs präsentierte Wiegand übrigens auch der hochkarätigen Jury beim Vorspielen. Unter anderem überzeugte er den Jazzsänger Ken Norris, den viele vielleicht auch als Solisten in dem Musical „König der Löwen“ schon erlebt haben. Ebenfalls dabei waren der Jazz-Percussionist Mario Doctor, der Pianist Mischa Schumann, Jazz-Komponist Massoud Godemann und der gerade mal einundzwanzigjährige Ausnahmesaxofonist Sebastian Gille.

16 Bands und Solisten gingen bei dem Wettbewerb ins Rennen. Insgesamt 102 Teilnehmer kämpften um die Auszeichnung und vor allem den großen Auftritt mit der NDR Bigband, der heute Abend im Rolf Liebermann Studio des NDR in Hamburg über die Bühne gehen wird. Als Benjamin Wiegand beim Vorspielen die Geige unter das Kinn klemmte und die ersten Töne spielte, war für ihn ziemlich schnell klar, dass er seine Sache gut machte: „Die sind sofort voll mit der Musik mitgegangen“. Trotzdem war er überrascht, als sich die Jury für ihn entschied. „Ich konnte das am Anfang gar nicht realisieren“, sagt das Jazztalent.

Ganz allein war er zu dem Termin gegangen, zuhause in Wilhelmsburg ahnte keiner etwas davon. Als er dann nach dem Wettbewerb endlich mit der Sprache rausrückte, fiel seine Mutter Sylvana aus allen Wolken - und freute sich als stolze Mama unglaublich, „ich hoffe, dass es für ihn so weiter geht“, wünscht sie ihrem begabten Nachwuchs. Der Sohn hat es letztendlich ihr zu verdanken, dass er seine Liebe zur Musik entdecken und entwickeln konnte, denn sie machte den Unterricht möglich und sparte eisern für die Instrumente, die der Sohn brauchte.

Musik ist etwas Selbstverständliches in seinem Alltag: Direkt gegenüber wohnen seine Cousins Giovanni, Robert und Jeffrey Weiss, die als Swing-Combo „Django Deluxe“ auftreten. „Bei uns spielt immer irgend jemand vor der Tür“, erzählt Benjamin. Doch obwohl er fünf Geschwister hat, ist er der einzige in seiner Familie, der so für die Musik brennt. Schon als Fünfjähriger lauschte er der Jazzmusik, die der Vater bei den langen Fahrten in den Urlaub nach Bayern hörte, und krähte schon damals, „Das will ich auch“. Und obwohl er in der Schule im Fach Musik nie eine große Leuchte war, schlummerte dennoch tief drin in ihm der Wunsch, zu spielen. Allerdings musste Benjamin lange warten, bis er bei der Jugendmusikschule in Harburg angenommen wurde. Vier Jahre dauerte es, bis dort ein Platz frei für ihn bei einem Geigenlehrer frei wurde. Seitdem er zehn Jahre alt ist, geht er nun wenigstens einmal in der Woche zum Unterricht, mit 15 wechselte er zur Jugendmusikschule nach Hamburg und fährt seitdem zwei mal in der Woche zum Mittelweg um dort zu üben. Erstaunlicherweise hatte er fast immer Lust dazu: „Wenn Musikunterricht anstand, dann kam er aus der Schule, hat seinen Ranzen in die Ecke geschmissen, was gegessen und wollte los“, erzählt Sylvana Wiegand.

An der Landesmusikschule erkannte man schnell das Talent des Jungen

Schnell erkannten seine Lehrer das Talent der Jungen und förderten ihn. Benjamin spielt, seitdem er 14 ist, Klassik im Jugendsymphonieorchester, gerade hat er für ein halbes Jahr seine jungen Mitstreiter dirigiert. Am liebsten aber sind ihm die Stunden, wenn er Einzelunterricht bei seiner Lehrerin Christine Schwarz hat. Sie war es auch, die ihn dazu ermutigte, an dem NDR-Wettbewerb teilzunehmen. Weiterhin trainiert Benjamin Jazzstandards und Improvisation mit seinem zweiten Lehrer Tadeusz Jakubowski. Chet Baker und Django Reinhard sind seine musikalischen Vorbilder, Jazz und Swing ist die Musik, die er liebt. Klar, dass er in seinem Teeniezimmer auch nicht Poster von Popstars oder Metalbands hatte, obwohl er in seiner Freizeit auch gern mal so was hört. Benjamin pappte sich lieber ein Bild der Jazz-Trompeterlegende Miles Davis an die Jugendzimmerwand, „den fand ich so cool“.

Nun träumt er davon, von seiner Musik leben zu können. Er spielt privat in verschiedenen Formationen und geht gerade durch die harte Schule, durch die alle Berufsmusiker gehen muss: Die Bühnen sind klein, um auftreten zu können, muss Wiegand auch mal auch bei den Clubbesitzern Klinken putzen gehen, um einen Gig zu ergattern. Wenn er mit einen Kollegen spielt, dann ist es zumeist Tango und Piazolla. Diese Musik, die Sehnsucht ins Herz pflanzt, erklingt übrigens auch bei einem Konzert am Valentinstag, im Rahmen des „Arabesque“-Deutsch-Französischen Kulturfestivals in St. Johannis in Harvestehude. Und dann spielt er auch noch mit einer weiteren Formation bei Festen und tritt in Bars auf, mit diesem Trio widmet er sich dann dem Jazz.

Am meisten aber brennt sein Geigerherz für Swing und die Musik der Sinti. So träumt Benjamin davon, einmal im Leben die Legende Bireli Lagrene und den ungarischen Jazzgeiger Roby Lakatos live spielen zu sehen. Am liebsten auf dem Django-Festival, das jedes Jahr drei Tage lang im Sommer vor den Toren von Paris stattfindet. Wenn er davon erzählt, leuchten seine braunen Augen: „Das ist eine einzige große Jam-Session, bei der jeder mitspielen kann. All die ganz Großen kommen, da kann man sich eine Menge abschauen“. Dass er eines Tages einer von den ganz Großen werden könnte, daran glaubt nicht nur Benjamins Mutter. Ein Gönner hat ihm zum Üben einen ganz besonderen Schatz zu Verfügung gestellt: Den Nachbau einer Guarneri, einer Geige, die zur gleichen Zeit gebaut wurde, wie die berühmtesten Instrumente der Welt – die Stradivari.