Harburg
Heimfeld

Sie wollen doch nur spielen

Beim ersten Harburger Fußballturnier für Flüchtlingskinder vergessen 150 Kicker den Alltag in der Notunterkunft

Heimfeld. „Olé, olé, olé, olé, Migranten, olé, olé!“ ruft ein schmächtiger arabischer Junge in der Melodie des bekannten internationalen Fußballschlachtrufs. „Migrant“ dürfte eines der wenigen deutschen Worte sein, die er bisher kennt. So stolz und fröhlich hat wohl kaum jemand in Deutschland zuvor den Begriff des Einwanderers lauthals gerufen haben. Der überschwängliche Schlachtruf eines Jungen drückt aber wunderbar aus, was am Sonnabend bei dem Fußballturnier für geflüchtete Kinder und Jugendliche in Heimfeld passiert ist: An diesem Tag fühlen sich alle Migranten als Sieger.

Einen Tag lang den beengten Alltag in den Notunterkünften vergessen. Einen Tag den Gedanken an Geschwister, Eltern oder Freunde verdrängen, die in einem Kriegsgebiet zurück bleiben mussten, weil das Geld zur Flucht fehlt. Einfach nur mal Spaß haben und bolzen. 150 Flüchtlingskinder aus Harburger Notunterkünften hatten in der Sporthalle am Hans-Dewitz-Ring zum ersten Mal die Gelegenheit dazu.

Der 17 Jahre alte Mohamed ist vor einem Monat in eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Harburg gekommen. Der junge Ägypter ist ein Fan des FC Barcelona – wie auffallend viele andere Flüchtlingskinder auch. Mohamed spielt zum ersten Mal Fußball, seit er in Deutschland angekommen ist. Er hoffe, bald in einem Fußballverein öfter spielen zu können, übersetzt ein Dolmetscher aus dem Arabischen ins Englische. Sein größter Wunsch sei es, später in Deutschland zu studieren. „Irgendwas mit Technologie“, sagt Mohamed.

Mehr als 40 ehrenamtliche Helfer von sieben verschiedenen Vereinen und Institutionen haben das erste Fußballturnier für Flüchtlingskinder in Harburg organisiert. Der Harburger Turnerbund, das Willkommensbündnis Refugees Welcome, der Jugendhilfeverein Falkenflitzer, das Café Refugio, der städtische Unterkunftbetreiber Fördern & Wohnen, die Technische Universität Hamburg-Harburg und die Partei Die Linke bilden ein so heterogenes Projektbündnis, dass es zuvor noch nicht gegeben hat.

Offenbar bedarf es eines so besonderen Bündnisses, um etwas Ungewöhnliches auf die Beine zu stellen. Dass es sich um kein normales Fußballturnier handelt, fällt dem Zuschauer auf dem ersten Blick auf: Die Fußballer spielen ausnahmslos barfuß oder in Strümpfen auf dem Hallenboden. Ein Umstand, der kurvenreiche Dribblings und präzise Schüsse aufs Tor erschwert. „Wir haben das aus Gründen der Chancengleichheit so entschieden“, erklärt Michaela Wollny, Leiterin des vom Harburger TB betriebenen Jugendcafés Eißendorf. Denn die meisten Flüchtlingskinder besäßen gar keine für die Turnhalle geeigneten Sportschuhe.

Auch für Journalisten gilt eine besondere Regel: Auf Fotos dürfen die Gesichter der jungen Fußballer nicht zu erkennen sein. Auch wenn die Jugendlichen nun in Harburg lebten, seien sie immer noch auf der Flucht, betont der Veranstalter. Sie selbst oder in den Heimatländern verbliebene Familienangehörige könnten Repressalien ausgesetzt werden, sollten sie erkannt werden.

Ein Dolmetscher aus Syrien übersetzt aus dem Arabischen ins Englische, während sich ein deutscher Journalist mit jungen Kickern aus Ägypten, Marokko und Tunesien unterhält. Mohamed findet diese babylonische Konstellation lustig und lacht: „Guck, wir sind alle aus Nordafrika!“. Draußen beginnt es zu schneien. Als er in Bilbao (Spanien) gewesen war, sagt der 17 Jahre alte Tarik, sei es noch kälter gewesen. Der Marokkaner ist Fan von Real Madrid.

Jugendliche aus Syrien, Algerien, Afghanistan, Serbien und sonst noch woher spielen miteinander und gegeneinander Fußball. Reibereien bleiben aus. Kommt es überhaupt mal zu einem Foul, reichen sich die Spieler die Hand und helfen sich hoch. „Die Fairness ist bemerkenswert“, sagt Michaela Wollny, „kein Geschubse, keine Streitereien.“ Wer hätte vorher wissen können, was passiert, wenn verschiedene Nationalitäten und Religionen aufeinander prallen?

Als Schiedsrichterin steht Michaela Wollny „auf der Platte“ und leitet allein mit Mimik und Gesten das Spiel. Die Brisanz hat der Veranstalter aus dem Spiel genommen, indem Tore gar nicht erst gezählt werden. Beim Fußball ohne zählbares Endergebnis gibt es nur Freundschaftsspiele. Am Ende gewinnen alle 150 Jungen und Mädchen. Jeder Teilnehmer erhält eine goldene Medaille zur Erinnerung.

„Wir überlegen, zwei bis drei Turniere im Jahr anzubieten“, sagt Michaela Wollny nach der erfolgreichen Premiere. Vielleicht auch ein Turnier nur für erwachsene Flüchtlinge.