Harburg
Wilhelmsburg

Brüder bekennen sich zum Stadtteil

Die Chefs des vor drei Monaten eröffneten Restaurants „Flutlicht“ widersprechen jedem Abgesang auf Wilhelmsburg

Wilhelmsburg. Der Behauptung, dass nach der Internationalen Bauausstellung die Luft aus Wilhelmsburg raus sei, widerspricht Haschmat Abdul energisch: „Die Entwicklung in dem Stadtteil ist gewaltig“, sagt der Junggastronom. Viele kleine Schritte in den vergangenen zehn Jahren hätten einen Riesenschritt ergeben. Sein Bekenntnis zu Wilhelmsburg hat der 25 Jahre alte Hotelfachmann sichtbar untermauert und vor drei Monaten das Restaurant „Flutlicht“ im Reiherstiegviertel eröffnet. Zwei weitere Gastronomiebetriebe würden in diesem Jahr noch in seiner Nachbarschaft in der quirligen Veringstraße eröffnen, sagt Haschmat Abdul. Das wisse er von Bekannten.

Noch im Oktober hatten Medien von Flaute und Ladensterben im Reiherstiegviertel berichtet. Mittlerweile zeigt sich ein anderes Bild: In dem damals aufgegebenen Restaurant „Mittenmang“ hat Haschmat Abdul das „Flutlicht“ eröffnet. Das Café „Kaffeeliebe“ hat inzwischen ein neues Domizil im Atelierhaus gefunden. In der damals geschlossenen Restaurant-Bar „Tonne“ am Veringkanal hat der Musikclub „Turtur“ geöffnet.

Zwar mussten die Boutique „Wilhelmine“ und das Designer-Geschäft „Messie de Luxe“ schließen. Aber bei derart spezialisierten Einzelhändlern ist Fluktuation nicht ungewöhnlich. Möglicherweise reicht für diese Segmente die Kaufkraft in Wilhelmsburg noch nicht. Aber niemand käme auf die Idee, das Schanzenviertel für tot zu erklären, sollten dort zwei Boutiquen aufgeben.

Mit Mona Michels, 28 Jahre alt, im „Turtur“ und Haschmat Abdul, 25 Jahre alt, haben junge Einheimische aus dem Reiherstiegviertel Läden eröffnet. Beide richten ihre Angebote an der Kaufkraft ihrer Nachbarn aus. Haschmat Abdul und seine Brüder Massieh, 22, und Esmat, 24, haben mit etwa 250 Menschen aus der Nachbarschaft gesprochen und sie nach ihren Wünschen für ein Restaurant befragt.

Bei der Marktforschung am Deich, im Park und auf der Straße fragten die Brüder nach dem Lieblingsessen oder was die Einheimischen bisher an der Gastronomie im Quartier gestört habe. Ergebnis: Die Menschen im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel wollen keine Gastronomieketten, sondern Leute, die versuchen, aus dem Stadtteil etwas zu machen“, sagt Haschmat Abdul. Und türkisch sollte die Küche nicht mehr sein – davon gäbe es schon ein Überangebot. Stattdessen stünden vegetarische Gerichte im Reiherstiegviertel hoch im Kurs. Eine Erklärung dafür könnten die vielen Studenten im Quartier sein.

Was also isst das Reiherstiegviertel? Zum Beispiel Burger – wenn die Zutaten aus der Region kommen. Das Fleisch liefert der Fleischer um die Ecke, das Brot die Bäckerei nebenan. Die „Tortellini à la Flutlicht“ sind vom afghanischen Ashak inspiriert. Die Abduls servieren die Teigwaren mit Porree, Hackfleischsauce und Quark. Die Kombination ist eine Reminiszenz an das Heimatland der Familie, obwohl die Brüder in Wandsbek groß geworden sind und seit zehn Jahren in Wilhelmsburg leben. Experimentierfreudige probieren vielleicht das Saisongetränk Chai-Latte-Grog, ein gewürzter Milchkaffee mit Rum. Oder die heiße Schokolade, die mit Marshmallowstücken garniert ist.

Gemütlich solle das Restaurant sein, lautet ein weiteres Ergebnis der Befragung im Quartier. Haschmat Abdul hat die aus dem „Mittenmang“ bekannte Bibliothek erhalten, nur um einige Regale reduziert. Den freien Platz belegen heute Fotos mit Wilhelmsburger Motiven: die Soulkitchenhalle oder Hafenkräne. Beim Stöbern in den Buchregalen stoßen Gäste auf einen abenteuerlichen Literaturmix, der sich ähnlich fantasievoll wie die Speisekarte zeigt: Neben Edzard Reuters „Schein und Wirklichkeit“ steht ein Rockmusik-Lexikon und Johannes Mario Simmels Roman „Und Jimmy ging zum Regenbogen“. Sogar Bücher to go gibt es, darunter eine „Anleitung, die Deutschen zu lieben“.

Als internationales Restaurant, wie es heute ein Stadtviertel haben müsse, beschreibt Haschmat Abdul das „Flutlicht“. Der Name ist deutsch. „Ein englischer Name hätte nicht gepasst, wir haben keinen Tourismus hier“, sagt der Hotelfachmann. Der Wortbestandteil „Flut“ erinnere an die Überschwemmungskatastrophe von 1962, die bis heute die Elbinseln prägt, erklärt Haschmat Abdul und blickt dabei aus dem Fenster auf das wellenförmige Dach über dem Stübenplatz direkt gegenüber dem Restaurant. Der zweite Namensbestandteil „Licht“ hat eine poetische Bedeutung, steht für einen Neuanfang, das Licht am Ende des Tunnels.

Zuversichtlich stimmt den jungen Gastronomen der geplante Umbau der Veringstraße zu einer Tempo-25-Zone mit mehr Raum für Außengastronomie. In einer verkehrsberuhigten Straße werde man wieder die Menschen hören. „Wenn ich auf die Veringstraße blicke“, sagt Haschmat Abdul, „sehe ich Potenzial.“