Harburg
Adolphsens Einsichten

Wir müssen den Islam einfach besser kennenlernen

Gut vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Nach den Attentaten in Paris leiden sie noch stärker darunter, dass viele Deutsche nicht zwischen ihrem Islam und den radikalen Islamisten unterscheiden.

Angela Merkel hat in einer Rede nach den schrecklichen Ereignissen einen Satz gesagt, der mich aufhorchen ließ: „Wir müssen mehr über den Islam wissen.“ Ich bemühe mich seit langem, Kenntnisse über die Religion der Muslime zu vermitteln. In Seminaren, Predigten und Vorträgen. Meine Erfahrung dabei: Viele haben noch nie mit Muslimen über ihren Glauben gesprochen und haben Berührungsängste. So entstehen und verstärken sich Vorurteile. Und ein blinder Glauben an Schlagzeilen und Parolen. Ja, wir müssen mehr über den Islam wissen. Über die extremen und militanten Entartungen dieser Religion hören und lesen wir genug. Die Behauptung, dass der Islam nichts mit Gewalt zu tun habe, führt schon weiter. Wenn das nur zur Kenntnis genommen werden würde!

120 islamische Religionsführer und Gelehrte haben sich nach den Untaten der IS-Milizen im Irak detailliert mit der rechten Auslegung des Korans auseinandergesetzt. In den 24 Punkten ihrer Erklärung finden sich beachtenswerte Sätze: „Es ist im Islam verboten, Unschuldigen zu schaden oder sie gar zu töten. Ebenso auch ihrem Gott böse Taten zuzuschreiben. Oder bewaffnete Aufstände anzuzetteln.“

Von Navid Kermani, einem gläubigen Muslim, Schriftsteller und Gelehrten, ist Wichtiges zu lernen. Ihm ihm und vielen aufgeklärten Muslimen zufolge ist das höchste Gebot im Islam Barmherzigkeit, Güte und Menschenliebe. Er zitierte in einer Rede in Köln aus dem Koran die Sure 5,28: „Wahrlich, erhebst du deine Hand gegen mich, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen.“ Das sei das Grundprinzip der islamischen Ethik. Es entspricht genau dem, was Jesus in der Bergpredigt über die Feindesliebe, den Verzicht auf Vergeltung und die christliche Pflicht zur Gewaltlosigkeit gepredigt hat: „Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete die andere auch dar.“ Man komme nun nicht gleich mit dem sattsam bekannten Argument: „Aber es gibt auch viele kriegerische Stellen im Koran.“ Stimmt. Aber es gibt auch unzählige Verse im Alten Testament, die von Kriegsgeschrei tönen und zu Schlachten gegen die Feinde aufrufen. Ziemlich brutal! Aber nur Unkundige oder Böswillige bezeichnen die christliche Religion deshalb als eine gewalttätige Religion. Zu bekennen ist, dass sie in ihrer langen Geschichte Gewalt verherrlicht hat und dass irregeleitete Christen sich schuldig gemacht haben. Die eigentliche Intention der Bibel ist wie im Koran Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden. So hat es überzeugend Djavad Mohagheghi, Mitglied im Zentralrat der Muslime, formuliert.

Bibel und Koran sind kein Steinbruch, aus dem man sich die einem passenden Steine willkürlich herausbrechen kann. Ausdrücklich verwerfen die 120 Gelehrten diese Art des Umgangs mit dem Koran. Einzelne Verse dürfen nicht aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen werden. Wörtlich: Keiner darf sich „die Rosinen unter den Versen herauspicken“. Dasselbe gilt auch für uns Christen. Ohne die Zeitumstände und die Verhältnisse der Entstehung biblischer Schriften zu bedenken, können wir das Gemeinte nicht verstehen. Wir können Goethes Werke, die Kreuzzüge oder Hitlers Aufstieg an die Macht nur angemessen beurteilen, wenn wir sie aus ihrer Zeit heraus verstehen. Nur so können Christen und Muslime angemessen mit ihren heiligen Schriften umgehen. Vereinfachungen und Verkürzungen verdecken den eigentlichen Sinn und seine Bedeutung für uns heute. Das verleitet uns, alles Mögliche in die Bibel und den Koran hineinzulesen. Wie mit der Bibel kann man auch mit dem Koran alles beweisen. In der Tat, wir müssen mehr über den Islam und die Bibel wissen.

Mein Freund Prof. Dr. Hermann Rauhe und ich haben uns dieser Aufgabe gestellt. Wir haben den „Gesang der Sterne“ herausgebracht. Eine Art Friedensmusical. Hermann Rauhe hat die Musik komponiert, ich die Texte geschrieben. Der „Gesang der Sterne“ vermittelt die Botschaft von Toleranz, Frieden und Versöhnung zwischen Menschen, Völkern und Religionen. Diese Botschaft entfalten wir an der alten Abrahamgeschichte. Auf Abraham als ihren gemeinsamen Stammvater berufen sich die drei Weltreligionen, die Juden, die Christen und die Muslime. Abraham steht für bedingungsloses Gottvertrauen, für den Mut zu einem neuen Aufbruch in eine bessere Welt.

Am Sonntag, 1. Februar, 10 Uhr, wird der „Gesang der Sterne“ im Gottesdienst der Thomaskirche in Hausbruch erklingen.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel