Harburg
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Ein Mann für knifflige Fälle

Nachlasspfleger Bernd Clasen und sein 16-köpfiges Team sind Spezialisten für komplizierte Erbenermittlungen

Harburg . Antonie-Berta Zehser ist eine fiktive Verstorbene. Die echten Fälle von Bernd Clasen sind vertraulich. Aber anhand der erdachten Frau Zehser lässt sich seine Arbeit veranschaulichen. Bernd Clasen ist Nachlasspfleger, Testamentsvollstrecker und Erbenermittler. Er hat 16 Angestellte. Sein Büro liegt in Harburg, am Schlossmühlendamm. Hauptsächlich bearbeitet er Fälle aus dem Süden der Metropolregion, aber es gibt auch Anfragen aus ganz Deutschland, denn Clasen gilt als Spezialist für Kniffliges.

Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er eine Lücke. Hinterlässt Erinnerungen. Und hinterlässt Arbeit. Seine Bestattung muss organisiert werden, seine Geschäfte zu Ende gebracht und seine irdischen Hinterlassenschaften unter den Lebenden verteilt werden. Meistens kümmern sich nahe Angehörige um all dies. Gibt es keine Angehörigen, müssen dies andere Leute tun. Leute, wie Bernd Clasen und seine Mitarbeiter.

„Nachlasspfleger werden vom Gericht bestellt“, sagt er. „Nachlasspflege ist ein Ehrenamt. Theoretisch kann jeder bestellt werden, den das Gericht für geeignet hält. Praktisch muss man das Amt allerdings sehr professionell ausfüllen, um der Aufgabe gerecht zu werden.“

Antonie-Berta Zehser starb mit 80 Jahren, verwitwet und kinderlos. Auch andere Angehörige sind nicht bekannt. Sie besaß ein Eigenheim, Wertsachen und einige Rücklagen. Das Nachlassgericht hat Bernd Clasen als Nachlasspfleger bestellt. Seine erste Pflicht ist es nun, den Nachlass zu sichern: Besitzurkunden und Kontovollmachten müssen beschafft, Verträge gesucht und eventuell gekündigt werden. Bestehen Ansprüche gegen die Verstorbene, die nur steigen würden, wenn man sich nicht kümmert? Telefongesellschaften ist es beispielsweise erst einmal egal, ob ihr Kunde noch telefoniert, oder nicht. Solange sie den Anschluss vorhalten, kassieren sie – bis der Vertrag gekündigt ist. Ähnliches gilt für Mietwohnungen. Hat die Verstorbene noch Ansprüche gegen andere? Auch das muss Bernd Clasen klären und regeln.

Bei Frau Zehser bleibt nach Begleichung aller Ansprüche Einiges übrig. Jetzt muss der Nachlasspfleger die Erben ermitteln. Hier beginnt der knifflige Teil der Aufgabe: Direkte Angehörige gibt es ja nicht. Mit Hilfe der jeweils zuständigen Standesämter muss Bernd Clasen den Stammbaum der Verstorbenen zunächst herauf und an allen Abzweigungen wieder herab verfolgen um festzustellen, ob es noch lebende Verwandte gibt. Jede Person im Stammbaum muss er mit Abschriften mindestens der Geburtsurkunde belegen. Für die meisten Stellen im Stammbaum muss er auch noch Heirats- und Sterbeurkunden beibringen um die Erbberechtigung lückenlos nachweisen zu können. Das kann schon Jahre dauern, wenn es nur deutsche Standesämter sind. Hier ist es noch komplizierter: Antonie- Berta Zehser wurde im ehemaligen Ostpreußen geboren. Dort ist nun ein polnisches Standesamt zuständig. Nur wenige Gemeindebücher wurden nach Deutschland gebracht und liegen jetzt im Standesamt Berlin I.

„Ostpreußen und Schlesien sind Klassiker“, sagt Clasen. „Die Personalstandsregister wurden damals natürlich auf deutsch geführt. Und je weiter man zurückgeht, desto häufiger handschriftlich. Man könnte vielleicht einen polnischen Archivmitarbeiter finden, der Deutsch spricht – aber bei Sütterlin hört es endgültig auf.“

Für Bernd Clasen arbeiten deshalb Spezialisten, die sowohl die alte Handschrift lesen können, als auch genügend polnisch sprechen, um mit den Standesämtern vor Ort zügig und zu rechtssicher verhandeln. Auch eine russische Muttersprachlerin ist bei Clasen gut ausgelastet.

Bernd Clasen kam durch Zufall in das vergütete Ehrenamt. Er war vorher Verwaltungsfachwirt und verbeamtet. Mit Mitte 30 fand er sich durch den Beruf stark eingeengt und suchte eine Aufgabe mit Sinn und Selbstständigkeit. „In der Nachlasspflege habe genau diese Herausforderung gefunden,“ sagt er, „das ist jetzt gut 20 Jahre her.“

Zu Anfang waren es einfache Fälle, mit denen das Nachlassgericht Clasen betraute. Nach und nach stellte das Gericht fest, dass er auch den kompliziertesten Fällen gewachsen ist; zum Beispiel, wenn sich Firmen im Nachlass befinden oder unklare Eigentumsverhältnisse aufzuklären sind. Bernd Clasen ist unter anderem als Spezialist für Nachlässe mit landwirtschaftlichem Hintergrund bekannt. Neben der reinen Nachlasspflege betreibt er auch Erbenberatung und Testamentsvollstreckung. Manchmal vermittelt er auch als Mediator zwischen streitenden Erben. Auch Bernd Clasen ist mit seinen Aufgaben gewachsen und hat sich mittlerweile mit anderen Nachlasspflegern zu einem Berufsverband zusammengeschlossen. Ziel ist es, das Ehrenamt zu professionalisieren;gemeinsame Standards zu schaffen und Schulungen anzubieten.

Für Bernd Clasen arbeiten viele Juristen, einige Muttersprachler und viele Leute aus den verschiedensten, meist kaufmännischen Berufen. „Wir ergänzen uns alle gegenseitig und wollen auch, dass sich bei uns jeder verwirklichen kann“, beschreibt Clasen sein Team. Clasens Büro wird auf Honorarbasis tätig. „Wobei sich unsere Honorare eher auf dem Niveau eines Handwerksbetriebs bewegen, als auf dem von, beispielsweise, Anwälten“, sagt er. Außer dem Gericht können auch Hinterbliebene das Büro mit der Nachlasspflege beauftragen.

Für Antonie-Berta Zehser hat Bernd Clasen nach Recherchen erst in Polen und dann wieder in Deutschland Erbberechtigte gefunden: Cousine Dora Emils und Cousin Friedrich Gustaff leben in Bielefeld. Bernd Clasen macht gerade das Schreiben ans Nachlassgericht fertig.