Harburg
Wilhelmsburg

Sprechen gegen die Terrorgefahr

Pädagogen beraten, wie sie islamistischen Verführern in Wilhelmsburg den Nährboden entziehen können

Wilhelmsburg. Woran erkennt man einen islamistisch aufgehetzten Jugendlichen? Und wie kann man ihren Verführern den Nährboden entziehen? Jugendexperten von den Elbinseln suchen Antworten auf diese Fragen. Etwa 50 Lehrer, Mitarbeiter von Jugendeinrichtungen, Kirchenvertreter und Bürger von den Elbinseln haben am Montagabend im Offenen Bildungsforum Wilhelmsburg damit begonnen, ihre Sinne für islamistische Erscheinungsformen zu schärfen. Zwei Extremismus-Experten des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg halfen dabei.

Die Sondersitzung des Offenen Bildungsforums ist eine Reaktion auf die Terroranschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Ein Terrorist werde man nicht durch das Internet, sondern durch konkrete Vorbilder, sagt Wilhelm Kelber-Bretz. Der Lehrer an der Stadtteilschule Wilhelmsburg leitet das Offene Bildungsforum, das alle zwei Monate zusammenkommt.

Lehrer und Mitarbeiter von Freizeithäusern haben bereits Hinweise auf islamistisch aufgehetzte Jugendliche in Wilhelmsburg beobachtet. Die Leiterin des Freizeithauses Kirchdorf-Süd, Barbara Kopf, ist sich sicher, dass im vergangenen Jahr mindestens in einem Fall eine Gruppe „Salafisten“ aus Harburg zu einem Treffen einen Saal im Freizeithaus gemietet habe.

Das Landesinstitut für Lehrerfortbildung in Hamburg vermeidet den Begriff Salafisten, weil er den rein Frommen Unrecht tue. Man dürfe auch radikal religiös sein, ohne ein Verfassungsfeind zu sein. Islamismus sei der richtige Begriff, denn er meine einen politischen Extremismus.

Eher diffus wirkt der Hinweis, den ein türkischer Lehrer dem Bildungs- und Beratungszentrum in Wilhelmsburg gab. Er habe vor Nachhilfelehrern mit islamistischen Interessen gewarnt, die über Nachhilfeunterricht Einfluss auf Schüler gewinnen wollten, berichtete eine Teilnehmerin des Forums.

Konkreter ist die Beobachtung einer Lehrerin der Schule an der Burgweide in Kirchdorf-Süd: Sie berichtet von einem muslimischen Elternpaar, das ihren Kindern verbiete, Musikinstrumente zu spielen oder Geburtstage zu feiern. Mehr als 80 Prozent der Schüler seien Muslime, sagt sie. Gabriele Glatz-Levermann, Lehrerin an der Grundschule Rotenhäuser Damm, weiß von dem Fall einer Mutter, die bei sich zu Hause eine islamische Schule gegründet habe.

Wolfgang Cohrs berichtet von einem 22 Jahre alten Mann, dem er vor Weihnachten in Wilhelmsburg begegnet sei. Dieser habe nachts Exemplare des Korans verteilt. Heute sei der Mann verschwunden – wohin auch immer.

Die Schilderungen legen nahe, dass Islamisten in Wilhelmsburg werben. Laut dem dritten Hamburger Bildungsbericht zählen die Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel zu den Stadtteilen in Hamburg mit den meisten Schulabgängern ohne Schulabschluss. Fehlende Bildung gilt als Nährboden für politische Radikalisierung.

Eine Religionslehrerin des Helmut-Schmidt-Gymnasiums hat aber auch den Eindruck gewonnen, dass muslimische Schüler nach den Terroranschlägen in Paris kritischer reflektieren, was im Namen des Islams geschehe. Die Begeisterung für den islamistischen Prediger Pierre Vogel, der kurze Zeit in Wilhelmsburg wohnte, sei rapide gesunken.

Nach den Erfahrungen des Landesinstituts für Lehrerbildung verlassen islamistisch aufgehetzte Jugendliche plötzlich und grußlos ihr Elternhaus. Die Radikalisierung verlaufe meist hinter dem Rücken der Eltern. Ein Anzeichen sei die Weigerung, zu sprechen.

Wie können Pädagogen verhindern, dass junge Muslime dem Islamismus verfallen? Ramses Oueslati, Extremismus-Experte und interkultureller Koordinator an der Nelson-Mandela-Schule in Wilhelmsburg, gibt Antworten: Wichtig sei, im Dialog zu bleiben. „Solange sie mit uns sprechen, auch wütend und inadäquat, dann ist noch nichts verloren“, sagt Ramses Oueslati.

Schulklassen in Hamburg hätten nach den Attentaten in Paris geschlossen mit dem Islamismus kokettiert und trotzig gesagt: „Wir sind nicht Charlie!“ Lehrer müssten dem mit Freude an der Debatte begegnen, rät Ramses Oueslati. Wie das geht, erfahren Eltern von Demokratiepädagogen in dem neuen Angebot „Dialog macht Schule“ am Montag, 2. Februar, 19 Uhr, in der Nelson-Mandela-Schule.