Harburg

Die Akte Moorburg – viel bleibt im Dunkeln

Als Fanal des Widerstands gedacht, endete der Hauskauf in Chaos und Mauschelei. Doch wer trägt die Schuld?

Das Haus am Moorburger Kirchdeich 40 sieht aus wie so viele andere in diesem Elbdorf auch. Drei Etagen, solide gebaut, aber wenig spektakulär. Trutzig ist anders. Dennoch trägt das Anwesen einen bedeutsamen Beinamen: „dii Moaburch“, die Moorburg. 1982 sollte sie zum Fanal des erbitterten Widerstandes gegen eine Hafenerweiterung, gegen das Auslöschen eines ganzen Hamburger Dorfes werden. Es ist die Geburt einer Legende. Heute sehen sich die Initiatoren von damals indes mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Es geht um persönliche Bereicherung und Täuschung. Und in letzter Konsequenz um die Diskreditierung eines symbolhaften Bürgerprotests durch dilettantische Fehler.

Die Moorburg, der Name weckt Erinnerungen. Zum Beispiel an jene Moorburg, die Hamburg 1390 errichten lässt, um den Schiffsverkehr auf der Süderelbe zu kontrollieren. Eine Festung, von der aus Zölle eingetrieben werden. Ein Bollwerk, um die große Stadt am anderen Ufer vor dem Zugriff fremder Mächte zu schützen. In dieser Tradition sehen sich auch jene Männer und Frauen, die im Januar 1982 das Haus am Moorburger Kirchdeich 40 kaufen wollen. Allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Denn diesmal geht es um die Verteidigung des kleinen Vorpostens selbst – gegen die „Mutter“ Hamburg.

Anfang der 80er-Jahre bringt der Senat der Freien und Hansestadt das Hafenerweiterungsgesetz auf den Weg. Um das „Herz der dynamischen Wirtschaftsmetropole“ zu stärken, konkurrenzfähig und zukunftssicher zu machen, soll es um rund 850 Hektar wachsen. Mit dem neuen Gesetz will sich Hamburg den nötigen Handlungsspielraum dazu verschaffen. Es sichert der Stadt unter anderem ein Vorkaufsrecht für alle Privatgrundstücke, im Ernstfall auch durch Zwangsenteignung. Zwar soll es ein „mehrstufiges Planungsverfahren“ mit Bürgerbeteiligung geben. Dennoch wird das Bundesbaugesetz in mehreren Punkten de facto außer Kraft gesetzt.

Das wollen die Bürger der drei direkt betroffenen Elbdörfer Altenwerder, Moorburg und Francop nicht hinnehmen. Vor allem in Moorburg formiert sich rasch Widerstand. Organisiert wird er durch die „Initiative Moorburger und Francoper Bürger zum Schutze des Süderelberaums“. An der Spitze steht mit Thea Bock eine grüne Aktivistin. Wenige Tage bevor die Bürgerschaft am 20. Januar 1982 das Hafenerweiterungsgesetz über alle Parteigrenzen hinweg einstimmig und ohne jede Diskussion beschließt, hat „die Moorburg“ den Besitzer gewechselt.

„350 Käufer nahmen die Moorburg im Handstreich“, titelt das Hamburger Abendblatt am 21. Januar 1982. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schreibt später sogar von 2000. Fakt ist, dass sich an einem kalten Januarabend sehr viele Menschen im Moorburger Schützenhof „Moorkathen“ drängen. Sie alle wollen sich am Kauf der „Moorburg“ beteiligen und so Miteigner werden. Der Hintergedanke: Viele Hundert Eigentümer lassen sich deutlich schwerer enteignen als ein einzelner. Entsprechende Bescheide müsste die Stadt jedem bekannten Besitzer zustellen lassen – und das kann dauern.

Also stellt Thea Bock an einem Tisch im Akkord Anteilscheine aus. Jeder hat einen Wert von 500 Mark. Er enthält den Passus, der Eigner „erwerbe damit 1/660 Bruchteil der Moorburg“. Es sind nicht nur Bewohner der Elbdörfer, Grüne und andere Aktivisten, die Anteilscheine kaufen. Laut Rainer Böhrnsen, der bald darauf Geschäftsführer der Moorburg wird, zeichnen auch Teilnehmer eines Priesterseminars, Gewerkschaftsgruppen, Lehrer und Ärzte Scheine. „Da mag auch so mancher Globetrotter dabei gewesen sein, der nur schwer aufzutreiben ist“, frohlockte Thea Bock seinerzeit im Abendblatt. Angeblich sind Scheine sogar nach New York und Bagdad, nach Schweden, Brasilien, Neuseeland und auf die Philippinen gegangen.

Nach Abendblatt-Recherchen sollen sich auch etliche Prominente beteiligt haben, wie die bekannte Schauspielerin und Autorin Peggy Parnass, der spätere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust für die Junge Union und der Staranwalt Johann Schwenn. Überhaupt sind in die Aktion erstaunlich viele Juristen involviert, von mehr als 100 ist die Rede.

Einer von ihnen ist Rechtsanwalt Michael Günther. Er hat nach eigener Aussage nicht nur den Anstoß zum Erwerb eines „Sperrgrundstücks“ in Moorburg gegeben. Im Auftrag der Initiative überwacht Günther dann auch das Treuhandkonto bei der Hamburger Sparkasse, auf das die Anteilscheinzahlungen und weitere Spenden überwiesen werden. Wie viele Anteilseigner es wirklich sind, ist heute nicht mehr exakt nachvollziehbar. Eine vollständige Liste existiert nicht. Und hat es wohl auch nie gegeben, behauptet Böhrnsen.

Ungeachtet dessen kommen die benötigten 330.000 Mark für den Erwerb der Immobilie tatsächlich zusammen. Sie gehört dem Harburger Schlachter Oskar Scheibe. 1902 hat sein Großvater das Haus bauen lassen. Später bewohnt es Emmi Scheibe, eine Tante des Verkäufers. Bis die Frau im Januar 1981 bei einem Überfall in ihrer Wohnung brutal zusammengeschlagen wird und ein Auge verliert. Drei Monate liegt sie im Krankenhaus, bleibt dauerhaft hörgeschädigt – und betritt das Gebäude am Kirchdeich 40 nie wieder.

Am 18. Januar 1982 besiegelt Oskar Scheibe mit seiner Unterschrift den Verkauf. Neue Eigentümerin wird aber nicht die „Initiative Moorburger und Francoper Bürger“, sondern eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Ihr gehören Thea Bock, deren damaliger Lebensgefährte Wolf Gohdes, Ernst Grothe, ein ehemaliger Richter am Landgericht Hamburg, und Prof. Klaus Leonhardt, Spross einer bekannten Hamburger Reederfamilie, an.

„Aus zeitlichen Gründen war es beim Kauf der Moorburg einfach nicht möglich, auch alle Anteilscheineigner in das Grundbuch aufzunehmen“, sagt Thea Bock. „Das mag schon sein“, sagt Erich Berger (Name von d. Red. geändert), selbst Zeichner eines Anteilscheins, „aber es ist später auch nicht nachgeholt worden“. Nach seiner Überzeugung seien dadurch alle Anteilseigner de facto von den Initiatoren enteignet worden, „und zwar entschädigungslos“. Für die Aktivistin Bock war dies, das sagt sie heute, drei Jahrzehnte später, Grund genug, „um aus der Sache auszusteigen. Das war mir einfach nicht geheuer“.

Der Harburger Rechtsanwalt Michael Wied, den das Abendblatt mit den Recherchen zur „Moorburg“ konfrontierte, teilt die Auffassung Bergers. „Für mich sind die Anteilscheine nichts anderes als bessere Spendenquittungen. Jedenfalls begründen sie keinerlei Rechte als Miteigentümer eines Grundstücks.“ Thea Bock sieht das genauso. „Unser Plan, mit Hunderten Eigentümern der Stadt eine Enteignung so schwer wie möglich zu machen, ist gescheitert. Weil die Käufer der Scheine nie ins Grundbuchamt eingetragen worden sind. Ich hatte das immer wieder gefordert, konnte mich bei den anderen Mitgliedern der GbR aber nicht durchsetzen. Dadurch sind alle Leute, die damals die Anteilscheine gekauft haben, raus aus der Sache“, sagt sie.

Dem widerspricht Rechtsanwalt Michael Günther. Der Wert darauf legt, dass er weder Mitglied der Bürgerinitiative, noch der GbR „Moorburg“ gewesen sei. Und auch nicht am Kaufvertrag für das Grundstück am Kirchdeich mitgewirkt habe. „Laut Rechtsordnung ist bei einem Enteignungsverfahren nicht allein maßgeblich, wer im Grundbuch steht. Wenn es weitere Eigentümer gibt, können auch diese ihre berechtigten Ansprüche stellen, soweit sie diese tatsächlich belegen können.“ Im konkreten Fall sei das mit einem ordnungsgemäß unterschriebenen Anteilschein durchaus möglich: „Alle, die über einen verfügen, könnten sich an dem Verfahren beteiligen und gegen ihre Enteignung klagen“, so Günther. Der aber dennoch einräumt, dass es bei der ganzen Aktion „einige Konstruktionsfehler“ gegeben habe. Dafür sei aber Richter Ernst Grothe als „Architekt“ verantwortlich gewesen und nicht er.

Unterdessen stehen noch weitere pikante Fragen unbeantwortet im Raum. Wie Günther selbst bestätigt, ist die Kaufsumme für die Moorburg seinerzeit fällig geworden, bevor die Akquise der Anteilscheineigner überhaupt abgeschlossen war. Wer aber ist dann in Vorleistung gegangen? Günther vermag das nicht zu sagen. Für andere Insider steht derweil fest, dass damals nur ein Mitglied des GbR-Quartetts über entsprechende Finanzen verfügt hat: Prof. Klaus Leonhardt. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wer das Geld vorstreckte. Aber Klaus Leonhardt war der einzige von uns, der es hätte haben oder besorgen können“, sagt Thea Bock.

Und was ist aus den 330.000 Mark geworden, die durch den Verkauf von insgesamt 660 Anteilscheinen erzielt worden sind? Michael Günther sagt, er hätte das Treuhandkonto „vor etwa 30 Jahren“ aufgelöst und der „Zweckbestimmung entsprechend“ überwiesen – an Ernst Grothe. Die Frage, ob er das denn auch belegen könne, ließ Günther unbeantwortet.

Weder Leonhardt, noch Grothe können zu diesen Fragen heute noch Auskunft geben. Klaus Leonhardt ist seit Anfang März 1986 spurlos verschwunden und soll laut Böhrnsen Mitte der 90er-Jahre offiziell für tot erklärt worden sein. Ernst Grothe hat sich 54-jährig im Februar 1994 nahe des Bahnhofs Stelle im Kreis Harburg das Leben genommen. Zweier Abschiedsbriefe zufolge ist er damit einer drohenden Haftstrafe zuvorgekommen. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen den pensionierten Richter wegen fingierter Arztrechnungen, Urkundenfälschung und Betrugs in mehreren Fällen ermittelt. Alles in allem soll sich Grothe auf diese Weise mehrere 100.000 Mark erschwindelt haben. Kurz vor seinem Tod hat Grothe zudem auf die Auflösung der GbR gedrängt, die zu diesem Zeitpunkt längst zerstritten ist. Und bereits ohne Thea Bock, die Galionsfigur der Protestbewegung, auskommen muss.

Im selben Jahr, in dem die Moorburg die Besitzer gewechselt hat, startet die Sportlehrerin ihre politische Karriere. Bei der Bürgerschaftswahl im Juni 1982 zieht die GAL zum ersten Mal in die Hamburger Bürgerschaft ein, mit Bock als Spitzenkandidatin. Von 1984 bis 1986 arbeitet Thea Bock, die seit 1994 mit dem ehemaligen Bezirksamtsleiter von Eimsbüttel und Juristen, Jürgen Mantell, verheiratet ist, in Bonn als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundestagsfraktion der Grünen. 1988 überwirft sie sich mit der GAL und tritt der SPD bei. Drei Jahre später, 1991, wird sie für die Sozialdemokraten in den Bundestag gewählt.

In dieser Zeit reift auch ihr Entschluss, der Moorburg-GbR den Rücken zu kehren. „Ich war nur noch selten in Moorburg und konnte mich kaum noch um die ganze Sache kümmern. Dafür, dass die Sache nicht so gelaufen ist, wie es beim Kauf der Moorburg eigentlich geplant war, wollte ich nicht mehr die Verantwortung tragen. Immerhin hatte ich seinerzeit die Anteilscheine unterzeichnet“, sagt Thea Bock. Zumal Ernst Grothe zu den GbR-Treffen plötzlich mit Manteltaschen voller Bargeld auftaucht, dass dann über den Tisch geschoben wird. Auf ihre Nachfrage, woher das Geld stamme, habe sie aber keine Erklärung erhalten.

Ende 1991 überschreibt Thea Bock ihren Anteil Rainer Böhrnsen – als Schenkung ohne finanzielle Gegenleistung. Böhrnsen profiliert sich in den Folgejahren als „Mr. Moorburg“. Ob nun am „Runden Tisch“ oder im „Ständigen Gesprächskreis“, überall mischt der Geschäftsführer der Moorburg an vorderster Front mit. Doch ab 2000 gerät er mehr und mehr unter Druck. Nicht nur, dass eine „starke Fraktion Zugezogener“ jetzt das Wort führt und plötzlich ganz andere Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit Hamburg setzt. Der ehemalige Soziologiestudent sieht sich zudem immer wieder Vorwürfen von Anteilscheineignern ausgesetzt, er habe sich unrechtmäßig Eigentum erschlichen.

„Das ist infam“, sagte der 61-Jährige dem Abendblatt. „Als ich im Herbst 1982 von der Initiative beauftragt wurde, mich um die Moorburg zu kümmern, gab es weder ein vernünftiges Nutzungskonzept, noch einen Plan, wie sie erhalten werden soll.“ Nach langem Leerstand und mehreren Einbrüchen sei das Haus in einem maroden Zustand und die Bausubstanz stark angegriffen gewesen. „Ich habe es dann mit viel Idealismus geführt, als Tagungs- und Kulturhaus“, so Böhrnsen. Überdies habe er sich später entschlossen, Zimmer an auswärtige Monteure zu vermieten. Das tue er bis heute.

Wer profitiert nun aber, sollte die „Moorburg“ tatsächlich eines Tages einer Hafenerweiterung zum Opfer fallen? Eigentümer sind laut Grundbuch zwar Böhrnsen und Wolf Gohdes, das einzige noch verbliebene Mitglied der Ur-GbR. In besagtem Grundbuch steht aber auch eine sogenannte Sicherungsgrundschuld über 450.000 Mark ohne Brief nebst 15 Prozent Zinsen per annum – eingetragen auf Rechtsanwalt Michael Günther. „Das war eine Forderung von Thea Bock, um etwaige Verfügungen Einzelner über das Objekt zu beschränken“, sagt Günther. Damit seien die Interessen und Ansprüche der Anteilscheineigner hinreichend geschützt. Er selbst hätte allenfalls Sicherungs- aber keinerlei Verfügungsrechte.

Böhrnsen sieht die politischen Ziele und Absichten des Projekts „Moorburg“ trotz aller Querelen und gegenseitigen Verdächtigungen erfüllt: „Der sogenannte Handstreich ist zu Recht zu einem Symbol des Bürgerprotestes geworden. Aus unserem Projekt heraus ist auf verschiedenen Ebenen daran gearbeitet worden, den Abriss unseres Ortes zu verhindern und Hoffnung zu geben.“

Die ultimative Nagelprobe für das Projekt aber steht noch aus. Denn erst der Ernstfall Hafenerweiterung würde erweisen, ob das von vielen kritisierte Konstrukt seinen Zweck wirklich erfüllt und juristisch bestehen kann. Die Zweifel daran sind groß. „Ich hoffe“, sagt Rainer Böhrnsen, „der Ernstfall tritt niemals ein.“