Harburg
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Originale unter dem Marktpreis

Der Kunstverein Harburger Bahnhof legt die Jahresgaben auf – eine gute Gelegenheit für junge Kunstsammler

Harburg. Wenn Kunstvereine in Deutschland ihre Jahresgaben auflegen, bedeutet das die Gelegenheit, mit verhältnismäßig wenig Geld eine Kunstsammlung aufzubauen. Denn die Editionen der Künstler sind in der Regel weit unter Marktpreis erhältlich. Der Kunstverein Harburger Bahnhof präsentiert ab dem 22. Januar Editionen von insgesamt zwölf Künstlern. Das Besondere in diesem Jahr: Allein neun Editionen stammen von Künstlern des renommierten Hamburger Arbeitsstipendiums. Die Präsentation eröffnet lokalpatriotischen Sammlern also die Gelegenheit, Kunst aus Hamburg zu fördern.

Nur die Mitglieder eines Kunstvereins dürfen die exklusiven Editionen erwerben. Als die wohlsituierte Bürgertum Ende des 19. Jahrhunderts die Kunstvereine überall in Deutschland ins Leben rief, seien die Jahresgaben noch unter den Mitgliedern verlost worden, sagt Anna Sabrina Schmid, seit dem vergangenen Jahr die neue Kuratorin in Deutschlands einzigen Kunstverein in einem unter Betrieb stehenden Bahnhof. Die Verlosungen galten als Anreiz, Mitglied in einem Kunstverein zu werden.

Heute sind die Jahresgaben keine Verlosungsobjekte mehr, sondern käuflich zu erwerben. Ihre Funktion zur Mitgliederwerbung behält das klassische Format der Kunstvereine jedoch bei. Denn die Aussicht, Editionen von jungen, vielversprechenden Künstlern weit unter Galeriepreis erwerben zu können, bleibt weiter ein mächtiger Impuls, Mitglied eines Kunstvereins zu werden. Die Mitgliedschaft im Kunstverein Harburger Bahnhof kostet lediglich 50 Euro im Jahr, Studenten und Rentner sind mit 25 Euro Jahresbeitrag dabei. Rund 110 Mitglieder zählt der Kunstverein Harburger Bahnhof zurzeit.

Stärker denn je zuvor orientierten sich die deutschen Kunstvereine heute am Kunstmarkt, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“ Anfang des Jahres. So bedienen sich die Kuratoren bei den Jahresabgaben mancher aus dem kaufmännischen Handeln bekannter Tricks. Die Verknappung von Angebot zählt dazu. Anna Sabrina Schmid setzt auf antizyklisches Denken bei der Angebotszeit. Der Kunstverein Harburger Bahnhof präsentiert die Jahresgaben erst am 22. Januar – deutlich später als die meisten anderen Kunstvereine in Deutschland, die auf das Weihnachtsgeschäft setzen. Die Harburger Kunstkuratorin umgeht damit die Jahresgabeninflation vor Weihnachten.

Kunstvereine gelten als die erste Instanz für junge, vielversprechende Künstler, die es später bis in die Museen, den Adel unter den Ausstellungsinstanzen, schaffen könnten. Vielleicht auch Kasia Fudakowski? Eine Unikatserie der Künstlerin zählt zu Jahresgaben, die der Kunstverein Harburger Bahnhof präsentiert. Die Berlinerin hat eine Edition von Mini-Stoikerinnen aus Stahl, Schaum und Rattan gemacht. Widerspenstige, farbige Korbgeflechte hängen schlapp an der Wand und geben den Blick auf dahinterliegende Durchhaltegesten frei. Der Marktwert liegt bei 7000 Euro. Bei der Präsentation in Harburg sind die Skulpturen mit jeweils 1200 Euro geradezu ein Schnäppchen.

Der Berliner Künstler Daniel Laufer lässt Miniaturschiffe auf Deko-Eiswürfeln in Trinkgläsern schippern. Zehn davon sind seine Jahresgabe an den Kunstverein Harburger Bahnhof. Jedes Exponat kostet 250 Euro. Seine Jahresgabe ist ein Objekt aus seinem Video „Train of Thouht“, das sich mit dem literarischen Nischengenre der sogenannten Zimmerreisen beschäftigt, als offene Edition aufgelegt. Das Exponat „Rivers flow backwards by leaving the sea“ versinnbildlicht das assoziative Potenzial in Gegenständen des Alltags, es zeigt das Fremde im Vertrauten.

Der Hamburger Stipendiat Harald Popp legt einen Druck auf, der ein buntes Ei zeigt. Er zeigt eine digitale Ästhetik, obwohl er nicht das Ergebnis einer digitalen Bearbeitung ist. Ina Arzensek, Björn Beneditz, Jürgen von Dückerhoff, Annika Kahrs, Monika Michalko, Vanessa Nica Müller, Franziska Nast und Jochen Weber legen die weiteren Jahresgaben auf.

Präsentation der Jahresgaben, Kunstverein Harburger Bahnhof, Donnerstag, 22. Januar, 20 Uhr, bis 8. Februar