Harburg

Heiligabend – im Zeichen Josefs?

Michel-Pastor Helge Adolphsen über einen bescheidenen Familienmensch und Fluchthelfer, der ein Vorbild in dieser Zeit ist

Auf den Bildern alter Meister der Heiligen Familie steht Josef oft im Hintergrund oder am Rand. Unbeteiligt und etwas unbeholfen. Im Zentrum die Hauptpersonen, Maria und das Kind. Josef ist nur Zuschauer. So, als ginge ihn das Geschehen nichts an. Ein Mann ohne Gefühle?

Von ihm ist kein einziges Wort überliefert im Neuen Testament. In der vertrauten Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium steht wenig über ihn. Aus dem Matthäus-Evangelium erfahren wir, dass Josef Zimmermann war. Also ein Handwerker, kein Mundwerker. Ein Mann, der Zahlen und genauen Messungen mehr traut als Träumen und Verheißungen. Mit Maria hatte ein Engel geredet. Und angekündigt, dass sie ein Kind gebären solle ohne geschwängert zu werden. Das war ihm zu hoch. Er war Realist. Die alten Bilder zeigen Josef nicht nur als Statist, sondern als Mann der Tat und des Alltags. Josef kocht Suppe für seine Maria. Er holt Holz und macht Feuer zum Wärmen. Er kocht Brei. Er zerreißt sogar seine Hose – das Kind braucht doch Windeln!

Josef hat ein Problem. Ein sehr großes für einen frommen Juden. Er sollte sich zu dem Kind der Maria bekennen, obwohl er gar nicht der leibliche Vater war! Wie stand er jetzt da? Seine Ehre und sein Ansehen als Mann waren dahin. Er würde zum Gespött in der Männerwelt werden. Nach dem jüdischen Gesetz konnte er Maria einen Scheidebrief geben. Den mussten zwei Zeugen bestätigen. Verheimlichen ließ sich der Skandal also nicht. Josef überlegt, Maria heimlich zu verlassen und sich damit sein Problem vom Hals zu schaffen. Er ringt mit sich. Die Liebe zu seiner Maria kämpft in ihm gegen die Absicht, seine eigene Haut zu retten. Da erscheint ihm ein Engel im Traum.

Ein Traum, anders als andere Träume. „Fürchte dich nicht! Nimm deine Frau zu dir! Denn das Kind ist von Gott.“ Als er aus dem Traum erwacht, bewegen ihn diese Worte immer noch. Ein Traum, den er in seinem Herzen bewegt. Er wird zur Kraft, die alles ändert. Die Worte werden stärker als seine Zweifel und seine Angst vor Schande und Spott. Er übernimmt die Vaterschaft und die Verantwortung für das Kind, das nicht von ihm ist. „Marias Kind ist von Gott.“

Josefs innere Kämpfe finde ich auf einem Foto in dem Adventskalender 2006 des Vereins „Andere Zeiten“ wieder. Ein junger Mann sitzt auf der Bank eines Hamburger S-Bahnhofs. Koffer und Taschen türmen sich links und rechts auf. Seinen Kopf hat er gesenkt, seine Augen geschlossen. Der Zug nähert sich schon. Auf der Anzeigentafel stehen die Worte „Josef, fürchte dich nicht! Bleib bei Maria! Ihr Sohn ist von Gott.“

Der junge Mann – ein Josef von heute. Als seine Freundin ihm voller Freude erzählte, dass sie ein Kind erwarte, brach für ihn eine Welt zusammen. Er rannte weg. Nur weg! „Was wird aus meinem Leben? Alles zerstört! Warum nur, warum das?“ Hätte er die Worte auf der Anzeigentafel gelesen und ernst genommen, wäre er dann dem Beispiel Josefs gefolgt?

Josef wurde zum liebevollen Lebensschützer. Keine Randfigur, kein Eckensteher. Er packt an und packt zu. Von innen heraus, nicht gezwungen. Für mich ähnelt er damit den Männern heute, die zwar die Geburt ihres Kindes nicht kalt lässt. Die aber ihre Gefühle nicht zeigen können, sondern verstecken. Das gibt es immer noch: „Ein Mann muss stark sein.“ „Ein Mann weint nicht.“ Auch nicht vor Freude. Es muss für Josef schwer gewesen sein, nach der Devise zu leben, ererbt von den Vätern: „Wie’s drinnen aussieht, geht niemanden etwas an.“ Er ging ja sonst auch nur mit Holz um. Holz ist ein harter Werkstoff. Ein Material, das man nur mit Arbeiterhänden gestalten kann. Aber dieses Kind da! Es war so zerbrechlich und klein. Es war aus seiner Liebe zu Maria erwachsen. Aber es war für ihn zugleich ganz anders, ein anderes, ein göttliches Kind. Anders als alles, was er bisher kannte. Er sah oft schweigend lange auf dieses Kind. Er wollte es um jeden Preis beschützen. Da erscheint ihm zum zweiten Mal ein Engel im Traum. Er befiehlt ihm, mit Maria und dem Kind vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten zu fliehen. Mitten in der Nacht steht er auf und begibt sich auf die Flucht. Der Vater wider Willen wird zum Fluchthelfer. Die Rettung ist das ferne Ägypten, von wo seine Väter einmal geflohen waren, weil sie dort geknechtet, schikaniert und bedroht wurden. Dort wird er Asyl suchen.

In der Volksfrömmigkeit und in der katholischen Tradition wurde Josef anders und besser verstanden als auf den Bildern der alten Meister. Nicht mehr als unbeteiligte Randfigur und als Statist auf der großen Bühne. Er kommt zu Ehren als Lebensschützer. Als Schutzpatron der Kirche, besonders der Familien. Aber auch der Arbeiter und Arbeitslosen, der Verzweifelten und der Sterbenden. Als Gefährte ihrer Hoffnung. Als Begleiter in schweren Stunden. Als einer, der die liebevolle Sorge lebt. Und als einer, für den Glauben und Handeln, Vertrauen und Liebe untrennbar eins sind. Ein eigenartiger, aber denkwürdiger Träumer! Gar nicht verträumt. Ein Mann und Vater mit Charakter, männlich und väterlich, stark und zärtlich zugleich.

Helge Adolphsen ist emiritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt in Hausbruch und schreibt regelmäßig für die Abendblatt-Regionalausgabe Harburg&Umland