Lehrerin Albrecht erklärt das Schulsystem für gescheitert

| Lesedauer: 4 Minuten
Lutz Kastendieck

Christiane Albrecht, 65, ist seit 42 Jahren Lehrerin und wurde zur neuen Vorsitzenden des Vereins „Eine Schule für Alle“ gewählt. Sie sagt: „Solange es das Zwei-Säulen-Modell gibt, kann es keinen Schulfrieden geben!“

Harburg Sozial benachteiligte Kinder haben in Deutschland weiterhin schlechtere Bildungschancen. Zu diesem Schluss kommt der neue „Chancenspiegel“, den die Bertelsmann-Stiftung in Kooperation mit der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena gerade veröffentlicht hat. Neben der sozialen Herkunft spiele auch der Wohnort eine immer wichtigere Rolle. „Und auch die Frage, ob ein Kind an einem Gymnasium oder einer Stadtteilschule seinen Abschluss macht“, sagt Christiane Albrecht, 65, seit 42 Jahren Lehrerin südlich der Elbe und jüngst zur neuen Vorsitzenden des Hamburger Vereins „Eine Schule für Alle“ gewählt.

Nach Ansicht der erfahrenen Pädagogin ist das Scheitern des Zwei-Säulen-Modells längst offenbar: „Aus der Praxis weiß ich, dass Jugendliche mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen – vom Lernschwachen bis zur Hochbegabten – zu bestmöglichen Abschlüssen gelangen können, bis hin zum Abitur. An Stadtteilschulen gelingt das auch 40 bis 50 Prozent aller Fünftklässler ohne Gymnasialempfehlung. Solange es aber das Zwei-Säulen-Modell gibt, kann es keinen Schulfrieden geben.“

Von zwei gleichwertigen Säulen könne überhaupt keine Rede sein. Sie würden einer „sozialen Entmischung“ Vorschub leisten, die Schülerschaften trennen, weil es kaum Kooperationen gebe, und die Schüler nach sozialen Kriterien verteilen, statt nach Kompetenzen. „Wenn für die Annahme an Gymnasien auch entscheidend ist, wie viele Bücher die Eltern im Schrank stehen haben, verkommen die Stadtteilschulen zu einer Art Resteschule. Das wirkt sich für deren Schüler zunehmend stigmatisierend aus. Da können sich die Pädagogen engagieren und abstrampeln, wie sie wollen“, kritisiert Albrecht.

Deshalb gebe es für sie keinen Zweifel, dass das Zwei-Säulen-Modell zur sozialen Spaltung in Hamburg und einzelner Stadtteile massiv beitrage. Typische Beispiele für diese Tendenzen ließen sich sowohl auf der Elbinsel Finkenwerder finden, wo die 65-Jährige noch bis Ende Januar Abteilungsleiterin für die achten bis zehnten Klassen der Stadtteilschule ist, als auch in Harburg. „Vergleicht man mal die Schülerpopulationen unserer Schule mit dem benachbarten Gymnasium, dann ist unübersehbar, dass hier viele Kinder aus prekären sozialen Verhältnissen unterrichtet werden, sich dort hingegen viele Sprösslinge des Bildungsbürgertums konzentrieren“, so Christiane Albrecht.

Eine ähnliche Tendenz gebe es auch in Harburg. Unter dem enormen Zulauf an der Goethe-Schule, wo sie selbst 17 Jahre Lehrerin war, leide insbesondere die Stadtteilschule Ehestorfer Weg. Das bestätigt dem Abendblatt auch ein Eißendorfer Lehrer, der aber anonym bleiben will: „Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass bei uns viele Kinder landen, die an der GSH abgewiesen worden sind.“ Im Zweifelsfall würden die Kinder alternativ auch am Heisenberg-Gymnasium angemeldet, selbst wenn die Stadtteilschuhe näher liege.

Dass es auf Finkenwerder, wo Gymnasium und Stadtteilschule am Norderschulweg sogar direkte Nachbarn sind, gelungen sei, in der Oberstufe gemeinsame Profilkurse zu organisieren, die von Tutoren beider Schulen betreut werden, wertet Albrecht als großen Erfolg. Der zu verhaltenem Optimismus Anlass gebe, dass da in Zukunft vielleicht noch mehr Kooperation möglich sein wird. So plane sie im nächsten Jahr eine Elterninitiative, die sich für eine einzige weiterführende Schule auf der Elbinsel stark machen soll. „Es bleibt jedenfalls mein erklärtes Ziel, das die ,Schule für Alle’ irgendwann kommt. Ab Klasse fünf sollten die Schüler nicht mehr getrennt werden“, sagt Albecht.

Gute Argumente für ihre Position findet die in Heimfeld aufgewachsene Pädagogin, die im Mädchen-Gymnasium am Schwarzenberg zur Schule gegangen ist, auch im Mitte November veröffentlichten Bildungsbericht des Senats. Der konstatierte unter anderem, dass Schüler mit Migrationshintergrund deutlich seltener Gymnasien besuchen, die überdies in der Regel eine sozial ausgelesene Schülerschaft habe. Von allen Fünftklässlern mit Gymnasialempfehlung würden 93 Prozent ein Gymnasium, aber nur sieben Prozent eine Stadtteilschule besuchen.

In acht Stadtteilen verlässt jeder zehnte Schüler die Schule ohne Abschluss, dazu gehören auch Harburger. Hingegen gibt es acht Stadtteile, aber keine südlich der Elbe, in denen 80 Prozent der Abgänger ein Abitur in der Tasche haben. Christiane Albrecht: „Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, die Debatte über eine Neuausrichtung des Schulsystems weiter zu führen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg