Harburg
Inzmühlen

„Inzmühlen darf nicht sterben!“

Landesverband Nordmark will die Jugendherberge Handeloh schließen – Eichenschule Scheeßel protestiert vor Ort

Inzmühlen. Die einzige Jugendherberge im Landkreis Harburg steht vor dem Aus: Nach einem Vorstandsbeschluss des Landesverbands Nordmark im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) muss die Jugendherberge Handeloh-Inzmühlen Mitte nächsten Jahres aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Zwei Millionen Euro wären nötig, um die Herberge zu modernisieren. Gleichzeitig seien die Übernachtungszahlen stetig gesunken, im vergangenen Jahr habe die Auslastung bei gerade mal 22,3 Prozent gelegen. Auch die Landeszuschüsse seien zusammengestrichen worden, teilt das DJH mit.

Besonders betroffen wäre davon die Eichenschule Scheeßel: Seit 16 Jahren fahren jährlich mehr als 120 Fünft- bis Achtklässler nach Inzmühlen, die Jugendherberge ist ihnen ein zweites Zuhause geworden, ein Ort, mit dem sie gelebte Gemeinschaft und Abenteuer verbinden. John Köhler, der Lehrer, der die Freizeiten in der JH konzipiert hat und seither begleitet, hatte daher für den vergangen Sonnabend eine Fahrrad-Sternfahrt mit Kundgebung organisiert. Dem Aufruf folgten mehr als 100 Schüler, Eltern, Lehrer und auch Unterstützer aus der Samtgemeinde Tostedt, in der die JH Inzmühlen liegt.

In seiner Rede machte Köhler deutlich, dass er der Argumentation des DJH-Landesverbands nicht folgen will. „Es heißt, das Haus könne sich finanziell nicht selbst tragen, und es sei den anderen Jugendherbergen nicht zuzumuten, Inzmühlen mitzutragen. Hier kommt einem unwillkürlich der Länderfinanzausgleich in den Sinn, auch diverse europäische Rettungsschirme und letztlich unser ganzes Sozialsystem, ja sogar unsere eigene Kind-Eltern-Rentner-Biographie.“ Die Idee sei überall die Gleiche: Wertgeschätzte, aber in Schwierigkeiten befindliche Partner werden von den erfolgreichen, stärken Partnern mitgetragen.

Die JH Inzmühlen sei ein Ort, an dem die Schüler Wichtiges fürs Leben lernen: wie man sich in die Gesellschaft einbringt, wie man durch Verzicht die wesentlichen Dinge des Lebens (wieder) entdeckt. „Man ist auf sich geworfen, man ist nahe an der Natur“, sagt Köhler. Das Haus mit seiner Lage – direkt am Naturpark, weit genug entfernt von Läden –, seiner Raumaufteilung, seiner Ausstattung sei ideal dafür. Zudem reisten die Schüler per Fahrrad an und müssten auf Handys und Internet komplett verzichten. Stattdessen lernten die Schüler, dass sogar Geschirrspülen Spaß machen kann, wie eines der vielen im Laufe der Zeit entstandenen „Inzmühlen-Lieder“ bezeugt. Es wurde am Sonnabend gemeinsam gesungen.

Ironie des Schicksals: Die Sanitäranlagen sind so alt wie das Haus selbst – nämlich gut 50 Jahre. Was für die Schüler ein Beispiel sein soll, dass man auch ohne Luxus überleben kann, macht es dem DJH zunehmend schwerer, Gäste für Inzmühlen zu gewinnen. Für die Eichenschule wäre die Schließung indes ein herber Verlust.

Köhler appellierte daher auch an potenzielle Träger, die Herberge zu übernehmen. Wie der DJH-Landesverband auf Anfrage mitteilte, sei der Beschluss zur Schließung von Inzmühlen nach reiflicher Überlegung gefasst worden. Was aus dem Gebäude wird, das dem Landesverband gehört, ist noch ungewiss. Zunächst werde der Wert ermittelt, hieß es. Die Mitarbeiter einschließlich der Herbergseltern sind Angestellte des DJH und werden in anderen Häusern Arbeitsplätze bekommen. Der Landesverband verweist außerdem auf die Möglichkeit, in benachbarte Einrichtungen zu reisen: nach Stade, Otterndorf, Wingst, Cuxhaven, Lüneburg, Bispingen, Rotenburg oder Zeven.

Geschäftsführung und Vorstand blieben der Kundgebung fern. Geschäftsführer Helmut Reichmann hatte Köhler im Vorwege mitgeteilt, dass man für den Anlass der Protestaktion Respekt und Verständnis habe, sie sei aber nicht zielführend und schade dem Ruf der Jugendherbergen. Daher dürfe der Demonstrationszug auch nicht das Gelände der Herberge betreten, nur den Parkplatz. Nichtsdestoweniger bedankte der Geschäftsführer sich für die langjährige Treue der Eichenschule.