Harburg
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Flugzeugwracks mobil zerlegt

More-Aero: Süderelbe AG stellte im Harburger Binnenhafen in Containern untergebrachte neue Recycling-Technik vor

Harburg. Sie sind häufig mehr als 30 Jahre in Betrieb und legen während dieser Zeit viele Millionen Kilometer zurück. Aber eines Tages ist der Zeitpunkt erreicht, an dem Verkehrsflugzeuge aus Altersgründen für immer am Boden bleiben müssen. In vielen Ländern der Erde sind auf abgelegenen Flugplätzen und in Wüstenregionen inzwischen große Friedhöfe für alte Passagier- und Transportflugzeuge entstanden. Das Abwracken und Materialrecycling der Jets und Propellermaschinen steckte bislang weitgehend in den Kinderschuhen. Am fortschrittlichsten war das Flugzeugrecyceln in der Vergangenheit in den USA.

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung kommt nun auch in Deutschland die Technik zum Zerlegen von Flugzeugen und dem Rückführen der Materialien voran. „More-Aero“ lautet der Name des seit zweieinhalb Jahren laufenden Projekts, das vom Wirtschaftsförderer Süderelbe AG in Harburg koordiniert wird. Projektpartner sind die Technische Universität Clausthal sowie die Firmen Keske Entsorgung und Stute Logistics. Der Verbund der norddeutschen Projektpartner ist jetzt nach den Worten von Süderelbe AG-Projektleiter Norbert Steinkemper bereit für den Einstieg in den weltweiten Markt des Flugzeugmaterial-Recyclings. Steinkemper: „Es liegen bereits mehrere Auftragsanfragen aus verschiedenen Ländern Europas vor.“ Der Name „More-Aero“ steht für „Modularisierung des Flugzeug-Recyclings durch Entwicklung und Erprobung einer mobilen Recyclingeinheit im Aerospace-Sektor“. Das Besondere ist die mobile Recyclingeinheit, die überall auf der Welt eingesetzt werden kann, um Flugzeuge zu zerlegen und wertvolle Materialien, zumeist Metalle wie Aluminium, sortenrein zurückzugewinnen.

Die Süderelbe AG stellte einer Expertengruppe jetzt im Harburger Binnenhafen die in zwei 20-Fuß-Standardcontainern untergebrachte mobile Recycling-Technik vor. Dazu gehören unter anderem Schrottscheren, Stromaggregate oder auch Tanks für Flugzeug-Betriebsreststoffe wie Kerosin. Die Container können per Seeschiff und auf Land per Lkw zu jedem Flugzeug-Friedhof der Welt geschafft werden. Die Transporterfahrung dafür liefert die Stute Logistics. Prof. Dr. Daniel Goldmann von der TU Clausthal: „Von weltweit 24.000 Flugzeugen sind etwa 20 Prozent nicht mehr in Betrieb. In den kommenden 15 Jahren werden jährlich etwa 430 Flugzeuge zusätzlich außer Dienst gestellt. Damit ergibt sich ein Recyclingpotenzial von mehr als 456.000 Tonnen, von denen mindestens 60 Prozent stofflich verwertbar sind.“

„Mit der mobilen Einheit ist die Firma Keske Entsorgung nun in der Lage, Flugzeuge vor Ort zu zerlegen und vorzuverkleinern, um sie bestmöglich zu verwerten“, erklärt Unternehmer Marc Keske aus Braunschweig. Damit die More-Aero-Containereinheit mit den Recycling-Utensilien zu den Flugzeug-Friedhöfen gelangen kann und anschließend die ebenfalls in Containern gesammelten Flugzeugmaterialien zum Verwerten nach Deutschland gebracht werden können, hat Stute Logistics ein Konzept erstellt. Stute-Projektleiter Arne Müller: „Die Logistik ist bei der Frage der wirtschaftlichen Realisierung des Flugzeugrecyclingkonzepts oft das Zünglein an der Waage. Unser Know-How in den globalen Stoff- und Lieferströmen der Luftfahrt und der Recyclingwirtschaft sowie in der Realisierung komplexer Projektladungen hat uns bei der Bewältigung dieser herausfordernden Problemstellung sehr geholfen.“

Dr. Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG in Harburg sagt, dass beim Recycling der Materialien in den USA bislang weniger auf Sortenreinheit geachtet worden sei und das zurück gewonnene Aluminium vielleicht für die „Herstellung von Coladosen aber nicht wieder für den Flugzeugbau verwendet werden konnte.“ Süderelbe-Projektleiter Norbert Steinkemper ist überzeugt, das Deutschland über die beste Aufbereitungstechnik für Industrieschrott verfügt. Die Firma Keske sei das einzige Unternehmen in Deutschland, das bereits Flugzeuge recycelt hat.